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Eichlers Eurogoals : Auf der Insel der Seligen

Die Spieler von Larissa und Acharnaikos verweigern für zwei Minuten das Fußballspielen Bild: Reuters

Aus Solidarität mit den Flüchtlingen stellen zwei griechische Teams für zwei Minuten ihr Spiel ein. Eine große Geste im von aufgeblasenen Kleinigkeiten dominierten Fußball. Auch Weltstars sollten ihre soziale Seite nicht auf Soziale Medien beschränken.

          3 Min.

          Der Schiedsrichter pfeift an – und 22 Fußballer setzen sich auf den Rasen. Ein ungewöhnliches Bild. In ungewöhnlichen Zeiten. Der Sitzstreik zu Beginn des Spiels AE Larisa und Acharnaikos in der zweiten griechischen Liga war eine Geste der Solidarität und des Respekts für die Opfer der Flüchtlingskatastrophe. Als Spieler, Trainer und Betreuer für zwei Minuten die Arbeit einstellten, wurde den Zuschauern über den Stadionlautsprecher erklärt, wem die Aktion dienen sollte: „Dem Gedenken an Hunderte von Kindern, die Tag für Tag in der Ägäis sterben, in Folge der brutalen Gleichgültigkeit der EU und der Türkei“. Obrigkeit und Öffentlichkeit sollten für diese „grässlichen Verbrechen“ sensibilisiert werden.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Einmalige Katastrophen sind Nachrichten. Fortgesetzte Katastrophen werden zu Randnotizen. Sie sinken irgendwann unter das Radar der Medienöffentlichkeit. Im Gegensatz zum Fußball, bei dem auch noch das Marginalste als Mitteilung taugt. Kann der Fußball etwas von seiner Reichweite abgeben an Bedürftigere – mit solchen Ideen? Es wäre nötig. Am Mittwoch ertranken sieben Flüchtlinge beim Versuch, von der Türkei aus Griechenland zu erreichen. Am Donnerstag kamen 24 Flüchtlinge beim Untergang ihres Boots vor der griechischen Insel Samos um. Beides, ohne dass die Welt groß Notiz davon genommen hätte.

          Mörderischer Winter-Transfer

          Am Freitag setzten sich die Fußballer in Larisa auf den Rasen. Das wurde bemerkt. Änderte aber nichts. Am Samstag starben 39 Menschen aus Syrien, Afghanistan und Myanmar, darunter fünf Kinder. Sie kenterten beim Versuch, von der türkischen Provinz Çanakkale auf die griechische Insel Lesbos überzusetzen. Diese Passage ist nur acht Kilometer lang, aber gerade im Winter lebensgefährlich. Ein mörderischer Winter-Transfer.

          Während es bei den Winter-Transfers von Fußballern mit all dem Medien-Hype am „Deadline Day“, dem 1. Februar, wie alle Jahre wieder nur um Nullsummenspiele im europäischen Fußball-Monopoly geht, um den hektischen Tausch von Geld gegen Beine, geht es hier, im Abseits der öffentlichen Wahrnehmung, bei den Winter-Transfers verzweifelter Flüchtlinge an der Grenze von Asien und Europa, Armut und Reichtum, Krieg und Frieden um mehr – um Leben und Tod.  

          Hat in Valencia nicht viel zu Lachen: Trainer Gary Neville

          Aber es ist kein schlechtes Zeichen, dass Fußballer, durch ihr Talent, einen Ball zu treten, auf eine Insel der Seligen geboren, auch mal über die Grenzen ihrer Wohlstandswelt hinausschauen und Flagge zeigen – wenngleich man sich wünschte, dass es auch einmal wirklich große Klubs und weltberühmte Spieler wären, die so etwas täten. Um zu beweisen, dass ihre soziale Seite sich nicht in sozialen Medien erschöpft. Und ihr politisches Interesse nicht in Transferpolitik.

           Mit Gary Neville und Ryan Giggs haben in England wenigstens zwei ehemals weltberühmte Spieler ein kleines Zeichen gesetzt. Die beiden früheren Stars von Manchester United ließen Dutzende Obdachlose monatelang in der leerstehenden früheren Börse von Manchester wohnen, die sie für rund zwei Millionen Euro kauften, um sie in ein Hotel umzubauen. Nachdem das Gebäude im Oktober von Obdachlosen „besetzt“ worden war, entschied Neville, anders als andere Grundbesitzer nicht Polizei und Gerichte mit einer Räumungsklage einzuschalten. Er erklärte, dass die illegalen Bewohner, die sonst auf der Straße hätten schlafen müssen, zumindest während der kältesten Wintermonate dort bleiben durften.

          Neville organisierte für sie einen Ordnungs- und Sicherheitsdienst und versorgte sie mit Mahlzeiten, die aus seinem „Hotel Football“ am Stadion Old Trafford angeliefert wurden. Insgesamt werden seine Ausgaben für das Projekt auf rund 200.000 Euro taxiert. Nun allerdings ist das kleine Wintermärchen vorbei. Weil das Gebäude nun saniert wird, mussten die Obdachlosen wieder auf die Straße. Und auch Neville hat schon gemütlichere Zeiten erlebt.

          Der frühere Rechtsverteidiger, der mit der glorreichen United-Elf unter Sir Alex Ferguson zwanzig Titel errang, darunter zwei Champions-League-Trophäen und acht englische Meisterschaften, muss in seinem ersten Trainer-Job schon nach zwei Monaten das vorzeitige Ende fürchten. Seit er Anfang Dezember für den entlassenen Portugiesen Nuno Espírito Santo den Posten beim FC Valencia antrat, wo er seinen Bruder Phil als Assistenten übernahm, hat Neville mit einer 0:2-Heimniederlage gegen Olympique Lyon die Chance auf die K.o.-Runde der Champions League verpasst und in der spanischen Primera Division noch kein Spiel gewonnen.

          Nach dem 0:1 gegen Sporting Gijon, dem elften Ligaspiel hintereinander ohne Sieg, dem achten unter Neville, wurden Team und Trainer nun von den wütenden Heimfans ausgebuht – und gehen nicht gerade als Favorit ins Hinspiel des Pokal-Halbfinales am Mittwoch in Camp Nou beim mächtigen FC Barcelona. Valencia liegt als Tabellenzwölfter bereits 19 Punkte hinter dem vierten Platz zurück, dem Ergebnis der Vorsaison, und nur noch fünf Punkte vor einem Abstiegsplatz.

          Das Team des deutschen Nationalspielers Shkodran Mustafi ist der große Verlierer der Saison in Spanien. Gegen Gijon war es der 19-jährige Brasilianer Danilo, der Nevilles Team mit einem Elfmeterfoul um die Siegchance brachte. Gijon bedankte sich für die freundliche Gabe, die den Aufsteiger vom vorletzten Platz auf die rettenden Ränge hievte. Neville verfolgte es mit solch grimmiger Miene wie einst sein Lehrmeister Ferguson, wenn er üble Laune hatte. Dort endet die soziale Ader jedes Fußballers: Wo man Tore und Punkte verschenkt.

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