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Eichlers Eurogoals : Laufstarke Nager bei Manchester United

Trainer Louis van Gaal wird bei Manchester United ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Bild: AFP

Der Fußball beantwortet Fragen, auf die man ohne ihn gar nicht erst gekommen wäre. Wie diese: Eine Maus, die durchs Stadion flitzt. Was heißt das in Manchester? Die Antwort ist einfach – aber nicht so lustig für Louis van Gaal.

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          Eine Ehe, sagt Woody Allen, „ist der Versuch, gemeinsam die Probleme zu lösen, die man allein nicht hätte“. Filmkollege Danny De Vito hat ähnliche Erfahrungen: „Eine gute Ehefrau unterstützt uns in Krisen, in die wir ohne sie nicht geraten wären.“ Die Aussagekraft dieser Lebensweisheiten ändert sich nicht, wenn man darin die Ehe durch eine andere Bindung ersetzt. Durch eine, die erfahrungsgemäß länger hält: die zum Fußball. Auch Fußball nämlich löst Probleme, die man ohne ihn nicht hätte. Aber vermissen würde. Und beantwortet Fragen, auf die man ohne ihn gar nicht erst gekommen wäre.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Zum Beispiel die Frage: Fünf Rote Karten, wie sagt man dazu in Buenos Aires? Freundschaftsspiel. In Argentinien ist gerade Sommerpause, und da kamen die beiden größten Rivalen des Landes auf die putzige Idee, einfach mal gegeneinander anzutreten. Genauer gesagt: aufeinander einzutreten. Nach 78 Minuten standen von den elf Spielern, mit denen die Boca Juniors angefangen hatten, nur noch acht auf den Platz.

          Da wollten die Kollegen von River Plate Solidarität zeigen und begannen, sich ebenfalls zu dezimieren. Jonathan Maidana verpasste Carlos Tevez einen Kopfstoß, und auch Kollege Leonardo Pisculichi sah Rot. „Keiner von uns hat sich gut benommen“, fand Tevez salomonisch. Und gelobte, nachdem sein Team kurz zuvor das Freundschaftsspiel gegen Racing Club zu neunt beendet hatte, Besserung: „Vier Tage, zwei Spiele, fünf Platzverweise – wird Zeit, dass wir erwachsen werden.“

          „Eine Maus auf dem Platz. Das ist das Aufregendste, was hier im ganzen Spiel passiert ist“, fand der BBC-Live-Ticker.
          „Eine Maus auf dem Platz. Das ist das Aufregendste, was hier im ganzen Spiel passiert ist“, fand der BBC-Live-Ticker. : Bild: Reuters

          Zweite Frage: Eine Maus, die durchs Stadion flitzt, was heißt das in Manchester? Gute Fußballunterhaltung. Jedenfalls im Old Trafford, in dessen Katakomben sich seit längerem eine Mäuseplage ausbreitet, die schon die Hygienepolizei auf den Plan gerufen hat. Als einer der laufstarken Nager nach 74 Minuten der Partie Manchester United gegen FC Southampton auf dem Rasen gesichtet wurde, schrieb der Live-Ticker der BBC: „Eine Maus auf dem Platz. Das ist das Aufregendste, was hier im ganzen Spiel passiert ist.“

          Zum elften Mal hintereinander hatte der englische Rekordmeister seinen Heim-Fans eine torlose erste Halbzeit zugemutet, am Ende stand ein einziger Torschuss in der Statistik und ein 0:1 gegen Southampton, und die Zuschauer buhten das spielerisch langweiligste United-Team seit Jahrzehnten aus.

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          Am nächsten Tag erklärte Klub-Geschäftsführer David Gill, das Team bringe „in dieser Saison nicht seine Leistung“. Man wolle „Angriffsfußball sehen“. Vor allem die Freizeitplanung des Klub-Bosses stellte der Arbeit von Trainer Louis van Gaal ein vernichtendes Zeugnis aus: Statt „Match of the Day“, die legendäre BBC-Abendsendung mit den Zusammenfassungen der Premier League, zu schauen, ging Gill, wie er sagte, „lieber ins Kino“.

          Dritte Frage: Wo ist Fußball in Europa derzeit großes Kino? Antwort: In Paris. Die Champions-League-Giganten aus Bayern und Barcelona tischten bei ihren 2:1-Wurstelsiegen in Hamburg und Malaga spielerische Magerkost auf, ebenso wie Real Madrid beim 1:1 bei Betis Sevilla – Paris St-Germain aber bietet Fußball für Feinschmecker. Fast jeder Treffer von Ibrahimovic & Co. beim 5:1 gegen Angers verdiente drei Michelin-Sterne – ein Tor fiel nach zwei Hackentricks, eines nach vier Volleys in Folge, und am Ende zauberte Angel di María noch einen Volley und einen Heber ins Netz.



          Es war für PSG bereits das 31. Ligaspiel in Serie ohne Niederlage. In der französischen Liga beträgt der Vorsprung nach 22 Spieltagen 21 Punkte auf den Zweiten, das haben in der Bundesliga selbst die Bayern so früh in der Saison noch nie geschafft. Und im europäischen Umsatz-Ranking haben die aus Qatar alimentierten Pariser den deutschen Rekordmeister mit 480 zu 477 Millionen Euro erstmals überholt und auf Platz fünf verdrängt. Auch Pierre-Emerick Aubameyang glaubt man sich bei PSG nun leisten zu können. Doch der Torjäger von Borussia Dortmund, der 2014 von AS St-Etienne kam, lehnte öffentlich ab: Er wolle nicht wieder zurück nach Frankreich. Und die Appetitlichkeit des Dortmunder Fußballs muss sich ja im Augenblick auch nicht verstecken im europäischen Vergleich.

          Vierte Frage: Wer ist der hungrigste Stürmer Europas? Antwort: Gonzalo Higuain. Der Argentinier kommt nach 21 Spieltagen auf 21 Saisontore für den SSC Neapel und bewegt sich mit diesem Schnitt auf einen neuen Rekord für die Serie A zu. Auch beim 4:2-Erfolg des SSC Neapel bei Sampdoria Genua, dem fünften Sieg des Spitzenreiters hintereinander, traf Higuain, es war sein 13. Tor in den letzten zehn Spielen.


          Für Trainer Maurizio Sarri ist er „der beste Stürmer Europas und vielleicht der Welt“. Er wolle ihn mit niemandem tauschen, „auch nicht mit Lewandowski“ – der seinerseits Gerüchte vom angeblichen Bayern-Interesse an Higuain mit der Empfehlung konterte, die Bayern „brauchen keinen Stürmer zu holen, sie haben ja mich“. Was er zwei Tage später mit zwei Toren in Hamburg unterstrich.

          Ist nun Lewandowski der bessere Stürmer? Oder Higuain? Oder dessen giftiger Landsmann Sergio Agüero? Oder der bissige Uruguayer Luis Suárez? Napoli-Trainer Sarri hat sich festgelegt, kein Wunder, er ist parteiisch. Doch seine Beschreibung von Higuain ist auch eine sehr schöne allgemeingültige Beschreibung des Typus Torjäger, die auch auf jeden der anderen drei passte: „Er ist wie ein Hund. Er verschlingt jede Chance, die er kriegt.“ Woraus folgt: Auch der Fußball beantwortet nicht jede Frage, die er stellt. Aber wem er wirklich Appetit macht, den macht er auch satt.

          Ziemlich hungrig, dieser Torjäger: Gonzalo Higuain vom SSC Neapel.
          Ziemlich hungrig, dieser Torjäger: Gonzalo Higuain vom SSC Neapel. : Bild: dpa

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