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Eichlers Eurogoals : „Guten Appetit, Ihr Kaninchen“

Bei Uli Hoeneß gab’s beim Fußball noch vor allem Wurstwaren. Bild: Picture-Alliance

Wenn Fans die Leistung ihres Teams nicht schmeckt, greifen sie lieber zu Gemüse als zur Wurstware. Das erstaunt, da kein aktiver Spitzenprofi als Vegetarier bekannt ist. Das war schon anders – zum Verdruss von Manager und Metzgersohn Uli Hoeneß.

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          Italiener lieben ihren Fußball und ihr Essen. Manchmal aber gefällt ihnen das eine nicht, dann greifen sie zum anderen. Und schöpfen aus der kulinarischen Fülle, um die spielerische Dürftigkeit anzuprangern. Nach der peinlichsten Niederlage aller Zeiten, dem 0:1 gegen Nordkorea bei der WM 1966, wurde das allzu früh heimgekehrte Nationalteam auf dem Flughafen Fiumicino von einem solch dichten Tomatenhagel begrüßt, dass Roms Lokale tagelang Nachschubprobleme für Spaghetti Bolognese und Pizza Margherita beklagt haben sollen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Als Rekordmeister Juventus im März 2010 ebenfalls mit einer peinlichen Niederlage im Gepäck aus England heimkehrte, einem 1:4 gegen den FC Fulham in der Europa League, griffen erboste Tifosi abermals in die Vorratskammer. Sie bewarfen den Mannschaftsbus mit Eiern.

          Die Fortsetzung dieser Tradition haben vergangene Woche die Profis von AS Rom erlebt, allerdings auf subtilere Weise. Nach dem 1:6 beim FC Barcelona in der Champions League und dem 0:2 gegen Atalanta Bergamo in der Serie A erwartete die Spieler ein ungewohnter Anblick, als sie mit ihren Sportwagen und SUVs von der Via Mario Vinciguerra in die Zufahrt zum Trainingszentrum in Trigoria im Süden Roms einbogen. Ein Zentner Karotten lag dort am Wegesrand verstreut. Ein aufgespanntes Banner erklärte, wie das gemeint war. „Buon Appetito Conigli”, stand dort. „Guten Appetit, Ihr Kaninchen“.

          Es fällt auf, dass dem Tifoso, wenn ihm die Leistung seines Teams nicht schmeckt, lieber zu Gemüse greift als zur Wurstware. Und dass er dann die Kicker seines Verdrusses nicht mit geschmeidigen Raubtieren, sondern mit hoppelnden Rammlern vergleicht. Daraus lässt sich folgern: Der Vegetarier, in der westlichen Gesellschaft längst eine Massenerscheinung, ist im Fußball immer noch ein Außenseiter.

          „Ich liebe die Gurke“ auf dem Trikot

          Dabei gibt es durchaus eine vegetarische Folklore in der Fußballhistorie. So hat man Mittelstürmer, eine Spezies, die seit jeher am besten ohne Käfighaltung gedeiht, schon in den späten 70er Jahren sehr gern mit Bananenflanken gefüttert. Der Österreicher adelt seit jeher ein besonders feines Kunststück, den Schuss durch die Beine des Gegners, als „Gurkerl“. Und der FC Sevilla warb einst mit der Trikotaufschrift „Ich liebe die Gurke“ für das zwischenzeitlich durch eine Ehec-Epidemie in falschen Verdacht geratene Kürbisgewächs.

          Wer allerdings eine ganze Mannschaft mit diesem Gemüse in Verbindung bringt, macht sich schnell selber zum Außenseiter – so wie Uli Stein, der bei der WM 1986 über seine Rolle als Nummer zwei im deutschen Tor so erbost war, dass er das ganze Nationalteam als „Gurkentruppe“ bezeichnete. Teamchef Franz Beckenbauer, den er „Suppenkasper“ nannte, schickte ihn heim.

          Deutsch-französisches Gemüse: Hier wird jeder Fan fündig.

          Inzwischen gibt es Langstreckenläufer, Kraftsportler und andere Hochleistungsathleten, die sich als Vegetarier bezeichnen. Im Fußball dagegen ist kein aktiver Spitzenprofi als Freund der Fleischlosigkeit bekannt. Aber viele Fußballfans sind es. Und weil die Klubs die sich ändernden Vorlieben der Kundschaft kennen, ist die klassische Stadionwurst längst nicht mehr allein.

          Die bereits seit zehn Jahren vergebene Wertung für das „vegetarierfreundlichste Fußballstadion“ durch die Tierschutzorganisation Peta hat in der vergangenen Saison der FC Schalke 04 gewonnen – der Klub des Fleischfabrikanten Clemens Tönnies. In der Schalker Arena gibt es zum Beispiel Tofu-Schaschlik oder Gemüseburger. Damit überholte man den früheren Tabellenführer der Veggie-Wertung, den FC Bayern, das Lebenswerk des Wurstfabrikanten Uli Hoeneß.

          Alain Sutter ging lieber nach Freiburg

          Hoeneß stand einst vor einer inneren Zerreißprobe zwischen seinen beiden Wesenskernen als Manager und Metzgersohn, als er 1994 Alain Sutter nach München holte – den bisher einzigen Bayern-Profi, der kein Fleisch aß. Als der Schweizer eine Virusinfektion mit Homöopathie zu bekämpfen versuchte, empfahl Hoeneß ihm, „auf sein Müsli zu verzichten und einen ordentlichen Schweinebraten zu essen“. Sutter verzichtete lieber auf den Rat und wechselte nach nur einem Jahr nach Freiburg.

          Holger Stromberg, der seit 2007 die deutsche Nationalmannschaft bekocht, weiß von keinem Fleischverächter zu berichten. Allerdings nannte er in einem Interview als jene Gerichte, die bei fast allen Nationalspielern beliebt seien, ausschließlich Vegetarisches: Kartoffelpüree, Pasta, Milchreis, Tomatensuppe. „Gemüse steht immer mehr im Vordergrund“, so der Koch. Dabei werden auch Sonderwünsche erfüllt. So freue sich Lukas Podolski „über Blumenkohl auf die polnische Art: Mit Butter und gehacktem Ei und in der Pfanne noch ein bisschen geröstet“.

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          So könnte bald die total langweilige Frage, welcher aktive Spitzenfußballer sich als Erster als homosexuell outen wird, durch die viel interessantere ersetzt werden, wer als Erster bekennend vegetarisch durchs Kickerleben geht. Und vielleicht wird ja bald der erste Spieler, der von Zuschauern mit Gemüse beworfen wird, wie es übrigens nicht nur in Italien geschieht, auch in Griechenland, wo der Nationalspieler Karagounis einst in Saloniki vom Ausführen eines Eckballs durch ein anfliegendes Bündel Karotten abgehalten wurde, ja sogar in Schottland, wo die sogenannten „Gemüsemänner“ der Berwick Rangers in der untersten Profiliga Gegner mit Sellerie zu bewerfen pflegten – vielleicht also wird bald der erste Fußballer sich nicht mit Grausen vom Gemüse abwenden, sondern das Dargereichte goutieren.

          Und sich so verhalten, wie es bei der WM 1966 in England (von der sich die Italiener Richtung Tomatenhagel verabschiedeten), der Argentinier Antonio Rattin tat. Als er nach seinem Platzverweis im Viertelfinale gegen England erst nach siebenminütiger Verweigerung in Begleitung eines Polizisten den Platz verließ, wurde er von einem erbosten Zuschauer mit einem Schokoriegel beworfen. Er hob ihn auf und aß ihn auf.

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