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Eichlers Eurogoals : Zwischen Gier und Geilheit

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Ein paar Kilometer emscherabwärts kam Willi Kraus für Schalke 04 auf 16 Tore in 36 Bundesligaspielen, ehe 1968 die Polizei bei einer Verkehrskontrolle in seinem Wagen Einbruchswerkzeug und eine geladene Pistole entdeckte. Die Knarre hatte Kraus laut Teamkollegen im Trainingslager immer unter dem Kopfkissen liegen. Ebenfalls im Kofferraum fand sich das Diebesgut des letzten Einbruchs: Strickhemden und Schokolade. Bald darauf war die sportliche, aber nicht die kriminelle Karriere vorbei. Wegen Banküberfällen, Einbrüchen, Schlägereien, Waffendelikten, Erpressung und Drogenhandels hat Kraus, der 2008 im Alter von 65 Jahren starb, fast ein Viertel seines Lebens hinter Gittern verbracht.

Hilferuf: Bayern-Spieler Breno zündete sein Haus an
Hilferuf: Bayern-Spieler Breno zündete sein Haus an : Bild: dpa

Manche Straftat ist eher ein Hilferuf, wie die Brandstiftung des beim FC Bayern vereinsamten Brasilianers Breno in seiner Grünwalder Villa. Nach verbüßter Haftstrafe versucht er nun bei seinem früheren Klub FC São Paulo wieder Fuß zu fassen. Ein Musterbeispiel dafür, dass man auch nach dem Konflikt mit dem Gesetz noch eine große Fußballkarriere machen kann, ist Jamie Vardy, der einst, als er sich im unterklassigen Fußball hocharbeitete, wegen Beteiligung an einer Schlägerei eine Fußfessel tragen musste – und heute englischer Nationalspieler und gefeierter Torjäger des Premier-League-Tabellenführers Leicester City ist. Mit dem 1:0 bei Crystal Palace, bei dem Vardy die Vorlage zum Siegtor von Riyad Mahrez gab, hat Leicester den Fünf-Punkte-Vorsprung auf Tottenham abermals verteidigt.

Doch die Resozialisierung durch Fußball hat Grenzen, auch wenn das die nicht immer alle wahrhaben wollen, die einen Spieler nur vorwiegend nach dessen Nützlichkeit für die eigenen Zwecke bewerten. So hat ein anderer brasilianischer Top-Profi in Haft, der fast genauso heißt wie der frühere Bayern-Spieler, nämlich Bruno statt Breno, nun Zuspruch vom Zweitligaverein FC Montes Claros bekommen. Der Klub hat sich die Transferrechte an dem einsitzenden Torwart gesichert und plädiert auf dessen vorzeitige Entlassung, also auf Bewährung am Ball. „Wir wollen ihm eine Chance geben. Er hat den Kopf verloren, aber Menschen machen Fehler“, so die Begründung von Klubpräsident Ville Mocellin. „Er verdient diese Chance.“ Bruno sitzt für 22 Jahre in Haft, weil er seine Geliebte ermorden, zerstückeln und zum Teil an Hunde verfüttern ließ.

Geständig: Sunderlands Adam Johnson hatte eine Beziehung zu einer Fünfzehnjährigen.
Geständig: Sunderlands Adam Johnson hatte eine Beziehung zu einer Fünfzehnjährigen. : Bild: Reuters

Ein weiteres Beispiel für das Suspendieren des Gewissens zugunsten des lupenreinen Erfolgsdenkens im Fußball ist der Fall von Adam Johnson. Der englische Nationalspieler durfte beim Premier-League-Klub FC Sunderland nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft noch fast ein Jahr lang weiterspielen und weiter verdienen, über zwei Millionen Pfund – obwohl er sein strafbares sexuelles Verhältnis zu einem 15-jährigen weiblichen Fan dem Verein schon im Mai gestanden hatte. Erst nach dem Geständnis vor Gericht im Februar 2016 entließ der Klub den Spieler, der kurz zuvor in seinem letzten Einsatz mit dem Treffer zum 2:2 in Liverpool noch einen Punkt im Kampf gegen den sportlichen Abstieg hatte beisteuern können.

Der moralische Abstieg war längst ins Bodenlose gegangen. Kurz nach Johnsons Verurteilung vor drei Wochen musste die Klub-Geschäftsführerin zurücktreten. Der Spieler wird voraussichtlich am Donnerstag seine Haftstrafe erhalten und antreten, mindestens vier Jahre.  Es ist ein Fall, in dem in der reichsten Fußballliga der Welt nicht nur eines, sondern alles zusammenkommt, was aus gefeierten Helden schändliche Täter macht: die Gier, die Geilheit und die gemeingefährliche Dummheit.

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