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Eichlers Eurogoals : Die größten Rausschmeißer des Fußballs

Wie lange darf Zinedine Zidane (links) und Florentino Perez Trainer bleiben? Bild: AP

Real Madrids Präsident Florentino Pérez feuert gerne seine Trainer. Doch er ist nicht der einzige Großmeister explosiver Personalpolitik. Ganz vorne im Ranking liegt ein 80 Jahre alter Mehlfabrikant.

          Schon Mitte Januar und immer noch im selben Job wie kurz vor Weihnachten? Dann spricht viel dafür, dass man nicht in der Fußballbranche tätig ist. Und schon gar nicht als Trainer. Ohne Nationaltrainer stehen zum Beispiel seit ein paar Tagen China und Angola da, der eine entlassen wegen Abwesenheit des Erfolgs, der andere wegen Abwesenheit der Person.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          AS Rom hat in der Serie A kurzerhand Rudi Garcia gegen Luciano Spalletti getauscht. Real Betis Sevilla in der Primera Division warf Pep Mel bereits zum zweiten Mal raus. Und in Südafrika entließ Präsident Chippa Mpengesi, der seinen Klub Chippa United passenderweise nach sich selbst benannt hat, Trainer Roger Sikhakhane, „unseren Alex Ferguson“, sogar schon zum vierten Mal, diesmal, weil er angeblich nach Alkohol gerochen habe.

          Besonders im englischen Profifußball unterhalb der Premier League, die ihre große Entlassung, José Mourinho beim FC Chelsea, schon kurz vor Weihnachten erlebte, ist in den letzten Tagen kräftig gefeuert worden: ob bei Bristol City, Leyton Orient, Charlton Athletic oder Oldham Athletic. Und schon kurz vor Neujahr war Ricardo Moniz, einst als Löwen-Dompteur bei 1860 München gescheitert, auch bei Notts County nicht mehr gefragt.

          Aber das ist natürlich nichts gegen die drei Großmeister explosiver Personalpolitik im europäischen Fußball. Sie haben ihre unangefochtene Position mit souveränen Rauswürfen über die Feiertage souverän verteidigt.

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          Platz drei: Florentino Pérez. Ende November hatte der Präsident von Real Madrid zu Berichten über eine bevorstehende Trennung von Trainer Rafael Benítez gesagt: „Einige Medien wollen uns destabilisieren. Ich werde das nicht zulassen. Rafa hat all unsere Unterstützung, er hat seine Arbeit gerade erst begonnen. Habe ich eine Lösung für unsere Probleme? Ja – sie heißt Rafa Benitez.” Fünf Wochen später, am 4. Januar, hieß die Lösung dann minimal anders. Nämlich nicht mehr: Benitez. Sondern: Benitez raus.

          Im Grunde sind öffentliche Bekenntnisse von Fußball-Autokraten wie Perez, in denen scheinbar Trainer bestärkt und Medien beschimpft werden, ein netter Service für alle: für den Trainer die Empfehlung, sich schon mal nach etwas Neuem umzusehen, für die Medien die Einladung, über Nachfolger zu spekulieren. So wie schon im März vergangenen Jahres, als Perez erklärte: „Was immer geschieht, Carlo Ancelotti bleibt. Er hat unser Vertrauen. Was die Zeitungen schreiben, ist falsch. Es ist eine Kampagne, die Fans wissen das.“ Wer weiß, vielleicht hat Ancelotti da schon angefangen, Deutsch zu lernen? Keine drei Monate später war er Vergangenheit bei Real.

          Jorge Nuno Pinto da Costa gibt seinen heroischen Kampf gegen Feinde schnell auf.

          Ein sehr fähiger Perez-Lehrling aus dem Nachbarland Portugal ist Jorge Nuno Pinto da Costa. Der Präsident des FC Porto erklärte noch am 28. Dezember, er werde Trainer Julen Lopetegui gegen „Zeitungen und Experten verteidigen und alle Feinde bekämpfen, die versuchen, den Klub zu destabilisieren“. Zu dem Zeitpunkt war Lopetegui mit Porto ungeschlagener Tabellenführer. Dann kam ein 0:1 bei Sporting Lissabon. Und völlig ermattet gab Pinto da Costa den heroischen Kampf gegen die Feinde auf. Die erste Saisonniederlage reichte für die Entlassung.

          Für Platz zwei im großen Rausschmeißer-Ranking reicht das aber nicht. Er gebührt Maurizio Zamparini. Der Pate von US Palermo hat gerade seinen 30. Trainer in 13 Jahren als Präsident gefeuert. Immerhin kam Davide Ballardini auf eine Amtszeit von 62 Tagen. Das ist mehr als der Durchschnitt aller Palermo-Trainers im Jahr 2011, als Zamparini gleich sechs entließ, einen davon, den zu Beginn der Sommerpause verpflichteten Stefano Pioli, schon vor Ende der Sommerpause. Der aktuelle Kandidat im sizilianischen Trainer-Casting heißt Guillermo Barros Schelotto, ein Argentinier. Sein Einstand: 0:4 bei CFC Genua und Absturz auf Platz 17 der Serie A.

          Maurizio Zamparini ist der Pate beim US Palermo.

          Platz eins in der Rangliste der ungeduldigsten Arbeitgeber der Fußballbranche gebührt eindeutig Ilhan Cavcav. Der 80 Jahre alte Mehlfabrikant hat in 39 Jahren als Präsident des Genclerbirligi Spor Kulübü in der ersten türkischen Liga 65 Trainer entlassen, Weltrekord. „Bis auf zwei Ausnahmen“, behauptet Cavcav, habe er „mehr Sachverstand“ als alle seine Trainer besessen – besaß aber dann doch nie die Konsequenz, sich selber auf die Bank zu setzen, vermutlich, weil er sich dann ja auch selber hätte entlassen müssen.

          Yilmaz Vural, kurz vor Neujahr als bereits fünfter Gencler-Trainer der Saison entlassen, kam immerhin auf sechs Tage, ehe er die Gunst des Präsidenten verlor. Damit kam Vural auf eine deutlich längere Zeit im Job als sein Vorgänger Fuat Capa: fünf Stunden.

          Ilhan Cavcav (links) ist der ungeduldigste Arbeitgeber der Fußballbranche.

          Als Fußballreporter hat man es da besser: weniger Gehalt, aber längere Kündigungsfristen. Allerdings ist auch das nicht in Stein gemeißelt, wie Wassili Utkin erleben musste. Als Live-Kommentator des russischen Sportsenders Match TV, im Besitz des Staatskonzerns Gazprom, schläferte ihn die Champions-League-Partie zwischen Bayer Leverkusen und dem FC Barcelona im Dezember (1:1) so sehr ein, dass er gegen Ende der ersten Halbzeit hörbar eindöste und nur noch zusammenhangloses Zeug von sich gab, ehe ihn in der Pause offenbar jemand aufweckte. Der schwergewichtige Russe entschuldigte das Nickerchen mit chronischen Schlafstörungen. Die kann er nun, wie jeder Fußballfan, daheim vor dem Fernseher auskurieren – den Job am Mikro ist er los.

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