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Eichlers Eurogoals : Das große Pech des tapferen Sneijderlein

Ein wunderbarerer Kicker, dessen Karriere nicht so lief wie einst gedacht: Wesley Sneijder. Bild: Picture-Alliance

Wesley Sneijder war einst besser als Messi und Ronaldo. Doch die Karriere des Niederländers hatte ihre Höhepunkt im falschen Jahr. Nun versauert dieser wunderbare Kicker in der Türkei.

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          Messi oder Ronaldo? Man kann trefflich darüber streiten, aber es lohnt sich nicht, das zu ernst zu nehmen. So wie der 24 Jahre alte Nigerianer Chukwuma Nwabu, der sich mit dem Landsmann Obinna Michael Durumchukwu an dessen 34. Geburtstag über die Frage nach dem weltbesten Fußballer entzweite. Der Ältere, Ronaldo-Fan, geriet in Rage, warf ein Glas auf den Jüngeren, den Messi-Fan, der eine Scherbe aufhob und ihn erstach.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der tödliche Streit geschah an einem Wochenende, an dem die die beiden Weltstars wieder einmal ihr großes Können gezeigt haben. Messi traf zweimal beim 4:0-Sieg des FC Barcelona in Eibar und kommt mit den Sturmpartnern Neymar und Suárez bereits auf 100 Saisontore – noch früher als in der Triple-Saison 2014/15.

          Ronaldo breitete beim 7:1 von Real Madrid gegen Celta Vigo mit vier Treffern den ganzen Musterkoffer seiner Schuss- und Kopfballtechnik aus und übernahm mit 27 Toren die Führung in der spanischen (und der europäischen) Torjägerliste. Ronaldo kommt in 228 Ligaspielen für Real auf 252 Tore (im Durchschnitt: 1,11 pro Spiel), Messi in 338 Spielen auf 307 Tore (Durchschnitt 0,91).

          Seit 2008 heißt der „Weltfußballer des Jahres“ Messi oder Ronaldo. Dennoch, zwischendurch gab es mal einen, der es hätte schaffen können, den wachsenden Personenkult um die Tor-Monster der Monster-Klubs zu durchbrechen, einen ganz anderen Typus, einen filigranen Spielmacher. 2010 war das: das Jahr, in dem nicht Messi der beste Fußballer der Welt war und nicht Ronaldo. Sondern Wesley Sneijder.

          Mit Inter Mailand gewann er Champions League, Meisterschaft, Pokal, Supercup und Klub-WM. Mit fünf Toren führte er die Niederlande ins Endspiel der Weltmeisterschaft in Südafrika. Im Finale gegen Spanien spielte er Arjen Robben mit einem genialen Steilpass frei. Doch der Kollege vergab allein vor Iker Casillas die historische Chance, Holland zum Weltmeister zu machen.

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          Und wohl auch: die große Chance, einen anderen als Messi oder Ronaldo zum „Weltfußballer“ zu machen. Sneijder wäre es geworden, keine Frage, hätte er neben allem anderen, was zu gewinnen war, auch noch die WM gewonnen. Doch so bekam Messi für 2010, eines seiner schwächsten Karriere-Jahre, in dem er im Champions-League-Halbfinale gegen Inter einen Elfmeter verschoss und im WM-Viertelfinale von Deutschland zum Statisten degradiert wurde, zur eigenen Überraschung den „Ballon d’Or“, die renommierteste individuelle Auszeichnung des Fußballs. Und Sneijder, der überragende Spieler von Inter und Oranje, der Jahresbeste, nur einen skandalösen vierten Platz.

          Das Pech des kleinen Holländers: Dass sein großes Jahr ausgerechnet das war, in dem der „Ballon d’Or“, seit 1956 vom Magazin „France Football“ ausgerichtet, unter das Dach der Fifa geriet, die vor allem an der Vermarktung des Fußballs und Vermehrung der Einnahmen interessiert ist. Beides funktioniert am besten über global aufgepumpte Superstars fürs Massenpublikum.

          Bei Inter Mailand erlebte der Niederländer eine große Zeit mit vielen Titeln.

          Zu diesem Ziel passt der Modus, den die Fifa für die Vergabe des neuen, 2010 mit der Wahl zum „Weltfußballer“ verschmolzenen „Ballon d’Or“ einführte. Während über dessen alte Version von Journalisten entschieden wurde, tun es seitdem auch, zu gleichen Anteilen, die Kapitäne und Trainer aller Nationalteams der Fifa-Mitgliedsverbände.

          Spieler und Trainer bewerten Spieler anderer Teams eher als potentielle Gegner – sie bewerten also deren Potential. Was der alles kann! Darum aber geht es nicht bei einer solchen Wahl. Ginge es darum, wer das größte Potential hätte, könnte man die Trophäe gleich bis Karriere-Ende als Dauerleihgabe an Messi aushändigen. Und, falls er mal unpässlich wäre, eine Kopie für Ronaldo bereitlegen. Nein, es geht um das, was einer tatsächlich gezeigt und gewonnen hat in einem bestimmten Jahr. Das zu bewerten gelingt Journalisten besser, weil es ihr Job ist, das Faktische zu beurteilen, nicht das Potentielle.

          Mit der Nationalelf gab es nicht nur bei der EM 2012 gegen Deutschland eine Enttäuschung.

          Bei der Wahl zum „Ballon d’Or“ 2010 kam Messi in der Gesamtzahl der Juroren auf Platz eins, vor den Barca-Kollegen Iniesta und Xavi. Dann kam Sneijder. Nimmt man nur die Trainer und nur die Kapitäne separat, sah es genauso aus. Nimmt man nur die Journalisten, war es umgekehrt: Sneijder auf Platz eins, dann Iniesta und Xavi. Auf Platz vier: Messi. Wäre also der „Ballon d’Or“ 2010 genauso vergeben worden wie 54 Mal zuvor, der Sieger hätte nicht Messi geheißen. Sondern Sneijder.

          Es hatte einfach Pech, das tapfere Sneijderlein – das Pech, genau in den Umbruch der Fußballwelt hineinzugeraten, hinüber in jene Zeit, in der man Spieler nicht mehr vor allem nach Leistung, sondern nach Wirkung zu bewerten begann. Eine Entwicklung, die sich bis heute auch in der Karriere der sogenannten „Marktwerte“ spiegelt, einer beliebten, weil fiktiven Spielart des großen Fußball-Hypes.

          Inzwischen ist er bei Galatasaray Istanbul von der großen Bildfläche verschwunden.

          Schlechtes Timing. Hätte der Holländer seine größte Saison ein Jahr später gespielt, so hätte er wohl wenigstens den neu begründeten Titel der Uefa als „Bester Spieler Europas“ gewonnen. Dieser Preis wird allein von Journalisten vergeben, so dass er nicht für die Weltmarktführer Messi und Ronaldo reserviert ist, sondern auch Spieler wie Iniesta (2012) und Ribéry (2013) ihn gewinnen konnten.

          Ausgerechnet 2010 aber gab es nur eine einzige Wahl – in einem Modus, der die Superstars bevorteilte. Und ausgerechnet 2010 griff zu Sneijders Nachteil erstmals auch die neue Regel der Fifa, den „Goldenen Schuh“ für den WM-Torschützenkönig bei Torgleichstand nicht mehrfach zu vergeben, sondern allein den unter den besten Schützen auszuzeichnen, der dazu die meisten Torvorlagen gab. So zog sich Thomas Müller den goldenen Schuh allein an.

          Es sieht aus, als sei Sneijder über diese Enttäuschungen nie wirklich weggekommen. Er war ja gerade mal 26. Aber bei Inter ging es nach dem Triple abwärts, Trainer José Mourinho war weg, das große Geld auch, so zog Sneijder in die Türkei, wo der Lohn besser ist als die Bühne – ein Transfer wie eine freiwillige Flucht ins Abseits. Seit knapp vier Jahren versauert dieser wunderbare Kicker, einer der Besten seiner Generation, bei Galatasaray, einem Klub, der inzwischen so weit entfernt von der nationalen Spitze ist wie seit Jahrzehnten nicht – von der internationalen sowieso.

          Wegen Verstoßes gegen das „Financial Fairplay“ der Uefa ist der frühere Istanbuler Top-Klub nun für die nächste Teilnahme am Europapokal gesperrt worden. Derzeit steht Galatasaray nicht mal auf einem Europa-League-Platz, obwohl er verlässlich Hilfe erhält durch Schiedsrichter wie jenen, der vor einer Woche vier Spieler von Gegner Trabzonspor vom Platz stellte (darunter Salih Durson, der seinerseits dem Schiedsrichter die Rote Karte entwendete und zeigte). Dazu gab es eine Minute vor Schluss einen Elfmeter nach lächerlicher Schwalbe, so dass Galatasaray gegen sieben Mann gerade noch ein 2:1 schaffte. Auch beim folgenden 3:3 gegen Basaksehir rettete den Rekordmeister ein später, umstrittener Elfmeter.

          Verkehrte Fußball-Welt: Salih Dursun von Trabzonspor will auch mal Schiedsrichter sein.

          So wird man Sneijder, dreizehn Jahre lang eine feste Größe in der Champions League und im Oranje-Team, mit dem er bei der WM 2014 noch einmal Platz drei belegte, auf der internationalen Bühne auf Jahre hinaus nicht mehr sehen – oder vielleicht: überhaupt nicht mehr. Mit den Niederlanden die EM-Teilnahme kläglich verpasst, mit Galatasaray sportlich und wirtschaftlich nicht mehr europatauglich: Es wirkt wie der zweitklassige Ausklang einer Karriere, die ihren Höhepunkt im falschen Jahr hatte. Und einmal, ein letztes Mal, fast Messi und Ronaldo in den Schatten gestellt hätte.

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