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Eichlers Eurogoals : Das große Pech des tapferen Sneijderlein

Mit der Nationalelf gab es nicht nur bei der EM 2012 gegen Deutschland eine Enttäuschung.
Mit der Nationalelf gab es nicht nur bei der EM 2012 gegen Deutschland eine Enttäuschung. : Bild: dapd

Bei der Wahl zum „Ballon d’Or“ 2010 kam Messi in der Gesamtzahl der Juroren auf Platz eins, vor den Barca-Kollegen Iniesta und Xavi. Dann kam Sneijder. Nimmt man nur die Trainer und nur die Kapitäne separat, sah es genauso aus. Nimmt man nur die Journalisten, war es umgekehrt: Sneijder auf Platz eins, dann Iniesta und Xavi. Auf Platz vier: Messi. Wäre also der „Ballon d’Or“ 2010 genauso vergeben worden wie 54 Mal zuvor, der Sieger hätte nicht Messi geheißen. Sondern Sneijder.

Es hatte einfach Pech, das tapfere Sneijderlein – das Pech, genau in den Umbruch der Fußballwelt hineinzugeraten, hinüber in jene Zeit, in der man Spieler nicht mehr vor allem nach Leistung, sondern nach Wirkung zu bewerten begann. Eine Entwicklung, die sich bis heute auch in der Karriere der sogenannten „Marktwerte“ spiegelt, einer beliebten, weil fiktiven Spielart des großen Fußball-Hypes.

Inzwischen ist er bei Galatasaray Istanbul von der großen Bildfläche verschwunden.
Inzwischen ist er bei Galatasaray Istanbul von der großen Bildfläche verschwunden. : Bild: dpa

Schlechtes Timing. Hätte der Holländer seine größte Saison ein Jahr später gespielt, so hätte er wohl wenigstens den neu begründeten Titel der Uefa als „Bester Spieler Europas“ gewonnen. Dieser Preis wird allein von Journalisten vergeben, so dass er nicht für die Weltmarktführer Messi und Ronaldo reserviert ist, sondern auch Spieler wie Iniesta (2012) und Ribéry (2013) ihn gewinnen konnten.

Ausgerechnet 2010 aber gab es nur eine einzige Wahl – in einem Modus, der die Superstars bevorteilte. Und ausgerechnet 2010 griff zu Sneijders Nachteil erstmals auch die neue Regel der Fifa, den „Goldenen Schuh“ für den WM-Torschützenkönig bei Torgleichstand nicht mehrfach zu vergeben, sondern allein den unter den besten Schützen auszuzeichnen, der dazu die meisten Torvorlagen gab. So zog sich Thomas Müller den goldenen Schuh allein an.

Es sieht aus, als sei Sneijder über diese Enttäuschungen nie wirklich weggekommen. Er war ja gerade mal 26. Aber bei Inter ging es nach dem Triple abwärts, Trainer José Mourinho war weg, das große Geld auch, so zog Sneijder in die Türkei, wo der Lohn besser ist als die Bühne – ein Transfer wie eine freiwillige Flucht ins Abseits. Seit knapp vier Jahren versauert dieser wunderbare Kicker, einer der Besten seiner Generation, bei Galatasaray, einem Klub, der inzwischen so weit entfernt von der nationalen Spitze ist wie seit Jahrzehnten nicht – von der internationalen sowieso.

Wegen Verstoßes gegen das „Financial Fairplay“ der Uefa ist der frühere Istanbuler Top-Klub nun für die nächste Teilnahme am Europapokal gesperrt worden. Derzeit steht Galatasaray nicht mal auf einem Europa-League-Platz, obwohl er verlässlich Hilfe erhält durch Schiedsrichter wie jenen, der vor einer Woche vier Spieler von Gegner Trabzonspor vom Platz stellte (darunter Salih Durson, der seinerseits dem Schiedsrichter die Rote Karte entwendete und zeigte). Dazu gab es eine Minute vor Schluss einen Elfmeter nach lächerlicher Schwalbe, so dass Galatasaray gegen sieben Mann gerade noch ein 2:1 schaffte. Auch beim folgenden 3:3 gegen Basaksehir rettete den Rekordmeister ein später, umstrittener Elfmeter.

Verkehrte Fußball-Welt: Salih Dursun von Trabzonspor will auch mal Schiedsrichter sein.
Verkehrte Fußball-Welt: Salih Dursun von Trabzonspor will auch mal Schiedsrichter sein. : Bild: dpa

So wird man Sneijder, dreizehn Jahre lang eine feste Größe in der Champions League und im Oranje-Team, mit dem er bei der WM 2014 noch einmal Platz drei belegte, auf der internationalen Bühne auf Jahre hinaus nicht mehr sehen – oder vielleicht: überhaupt nicht mehr. Mit den Niederlanden die EM-Teilnahme kläglich verpasst, mit Galatasaray sportlich und wirtschaftlich nicht mehr europatauglich: Es wirkt wie der zweitklassige Ausklang einer Karriere, die ihren Höhepunkt im falschen Jahr hatte. Und einmal, ein letztes Mal, fast Messi und Ronaldo in den Schatten gestellt hätte.

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