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Eichlers Eurogoals : Die Rückkehr des alten Römers

Die Freude des alten Mannes: Totti weiß der Roma manchmal noch zu helfen Bild: dpa

Francesco Totti ist der Spartacus des italienischen Fußballs: Beim AS Rom blüht der alternde Star noch einmal auf – und begründet das mit dem Geheimnis langlebiger Ehen. Mit seinem Trainer versteht er sich dennoch nicht mehr sonderlich gut.

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          Der alte Römer ist wieder da. Ein letztes Mal? Vier Minuten hatte ihn der Trainer nur mitspielen lassen, im Februar gegen Real Madrid, als AS Rom schon 0:2 hinten lag. Worauf sich Francesco Totti vor der Fernsehkamera beschwerte, so könne man mit ihm nicht umgehen – und Luciano Spalletti ihn zum Beweis, dass er es eben doch kann, drei Mal gleich ganz auf die Tribüne setzte. Und das auch beim 4:1-Sieg gegen Lazio, Höchststrafe für den alten Derby-König Totti. Die Zeitungen schrieben vom Sturz eines Denkmals. Es ist das einzige Denkmal im italienischen Fußball, das sich noch bewegt. Wenn auch nur ein bisschen, mit bald 40.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Immer noch verkauft sich das Trikot des „Gladiators“, wie ihn die Fans nennen, besser als alle anderen zusammen im Team – das gelb-rote Hemd mit der 10, von dem sie ihm schon vor langem versprochen haben, dass es in der Klubgeschichte kein anderer mehr tragen soll. Das Geheimnis seiner 26-jährigen Verbindung mit der Roma beschreibt Francesco Totti grundehrlich so wie das Geheimnis der meisten langlebigen Ehen: "Liebe und Faulheit". Diese Mischung hat ihn nie eines der vielen anderen Angebote annehmen lassen.

          „Ich verlange Respekt“

          Serviert man so jemanden so schnöde ab? Den Mann, der schon 2001, beim letzten Meistertitel, Kapitän war und es immer noch ist? "Ich kann nicht so aufhören. Ich verlange Respekt für das, was ich in den vielen Jahren geleistet habe“, sagt der alte Star. "Ich trainiere die Roma, nicht Totti“, sagt der neue Trainer.

          Noch ist Totti nicht kleinzukriegen. Vor einer Woche kehrte er beim 1:1 gegen Bologna zurück ins Team. Fünf Minuten nach seiner Einwechslung zu Beginn der zweiten Halbzeit lieferte er die Vorlage zum Ausgleich. Und am Sonntag brauchte er nur acht Minuten, um nach seiner späten Einwechslung bei 2:3-Rückstand in Bergamo ein 3:3 zu retten. Er traf mit einem satten Flachschuss aus 15 Metern und zeigte die vertraute Jubel-Geste: den rechte Daumen im Mund. Sein 245. Tor in der Serie A, im 595. Spiel – alles im Roma-Trikot.

          Der Frust des alten Mannes: Mit Trainer Spalletti versteht sich Totti nicht so gut Bilderstrecke
          Der Frust des alten Mannes: Mit Trainer Spalletti versteht sich Totti nicht so gut :

          Spalletti reicht das nicht. "Wenn er schießt, dann trifft er, doch das ist nicht alles, was im modernen Fußball zählt", sagte er nach dem Spiel. „Man braucht auch Schnelligkeit, Ausdauer und Kraft. Tottis Tor ändert nichts an meiner Meinung.“ Der Trainer, der schon von 2005 bis 2009 bei der Roma mit Totti arbeitete, der diesen „verehrt“, wie er sagt, der gar „sieben oder acht Trikots von ihm“ zu Hause an der Wand habe, ist im Januar nach fünf Jahren in St. Petersburg in die Heimat zurückgekehrt – und das mit dem nun immer deutlicher erkennbaren Auftrag, ein neues Rom für die Zeit nach Totti aufzubauen.

          Er betreibt eine Verjüngung, mit den 23-jährigen Angreifern Stephan El Shaarawy und Mohamed Salah, dem gleichaltrigen deutschen Verteidiger Antonio Rüdiger, mit Miralem Pjanic (26) und Alessandro Florenzi (25) im Mittelfeld. Im Sturmzentrum setzt er anstelle des alten Gladiators auf Edin Dzeko. Der Bosnier ist mit 30 Jahren allerdings auch nicht mehr ganz taufrisch und kommt in seiner ersten Saison in Rom mit acht Toren in 28 Ligaspielen bei weitem nicht an seine Torquote aus der Bundesliga (66 in 111 für Wolfsburg) und der Premier League (50 in 130 für Manchester City) heran.

          Mehr als „Buon giorno“ und „Arrividerci“ spreche der Trainer nicht mit ihm, klagte Totti. Dafür sprechen die Resultate für  Spalletti. Die Roma ist seit zwölf Spielen unbesiegt (neun Siege, drei Unentschieden). Sie hat sich vom fünften Platz, auf dem Rudi Garcia nach der Vorrunde der Serie A den Posten für Spalletti räumen musste, auf Platz drei hinter Juventus und Napoli vorgearbeitet. Es ist der letzte Platz, der in Italien noch für die Champions League reicht. 

          Die Bilanz dieses Frühjahrs spricht nicht für den großen Alten. Durchschnittliche Einsatzzeit von Totti unter dem neuen Trainer: acht Minuten. Naheliegender Schluss: Die Roma spielt besser ohne Totti als mit ihm. Bittere Erkenntnis: Auch der größte Gladiator, auch der Spartacus des Fußballs, altert einmal. Es sieht aus, als sollte seine 24. Profisaison in der Serie A die letzte sein. Als sollte Totti kurz vor seinem Vierzigsten im September in irgendeine repräsentative oder beratende Funktion bei der Roma wechseln. Oder einfach in die als er selber, als lebende Legende, lebenslang.

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          Immerhin hätte er es damit sogar noch länger ausgehalten als die anderen beiden Zeitgenossen aus jener Spezies, die nur im entschleunigten Fußball-Reservat Italien den Jugendwahn des modernen Fußballs überlebt hat. Nur hier gibt es noch Torjäger, die Vorlagen von Kollegen verwerten, die ihre Söhne sein könnten. Aber wohl nicht mehr lang.

          Auch für Luca Toni, vor einem Jahr mit 38 Jahren und 22 Toren der älteste Torschützenkönig in der Geschichte der Serie A, und Antonio di Natale, ebenfalls 38 und in der Vorsaison mit 18 Toren im x-ten Frühling, scheint die Zeit nun abgelaufen. Toni steht mit Hellas Verona abgeschlagen am Tabellenende. Er hat in dieser Saison nur noch fünf Tore erzielt und saß zuletzt auf der Tribüne. Di Natale traf in 22 Serie-A-Spielen nur noch ein einziges Mal und fand zuletzt keine Verwendung mehr beim abstiegsgefährdeten Udinese Calcio.

          Zusammen haben die drei Enddreißiger eine unglaubliche Lebensleistung als Torjäger aufzuweisen. Sie waren zusammen sechsmal Torschützenkönig (Toni einmal davon in Deutschland, mit den Bayern 2008) und schossen 610 Tore in der Serie A (Toni 157, di Natale 208, Totti 245). Doch für alle drei gilt nun, was Spalletti über Totti sagte: „Wenn es nur um die Füße ginge, würde ich ihn noch fünf Jahre an den Klub binden." Die Füße des großen Fußballers sind alterslos, die Kunst, die sie schaffen, bleibt ewig – wenn da nur nicht noch etwas anderes wäre, etwas Endliches, Vergängliches. Spalletti erinnert daran: "Es ist der Rest des Körpers".

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