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Eichlers Eurogoals : Brillant, elegant und arrogant

Ein José Mourinho seiner Zeit: Benfica-Trainer Bela Guttmann. Bild: Picture-Alliance

Seit 54 Jahren gewann Bayern-Gegner Benfica Lissabon keinen Titel im Europapokal mehr. Viele glauben, das liege am Fluch des Béla Guttmann. Er war schon damals eine Art José Mourinho.

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          Nirgendwo wird so fröhlich geflucht wie in einem Fußballstadion. Spieler fluchen, Zuschauer fluchen, manchmal sogar Schiedsrichter. Immer ist das nach Schlusspfiff vergessen. Nur ein Fluch hat überdauert, seit 54 Jahren. Er wird ständig neu hervorgeholt, wenn Benfica Lissabon in die K.o.-Runden des Europapokals kommt: der Guttmann-Fluch. Natürlich ist das ungerecht. Denn erstens kann keiner bei Benfica heute etwas dafür, was damals geschah. Und zweitens hat der Mann, der dem Fluch seinen Namen gab, viel Besseres hinterlassen als nur die zornige Prophezeiung, in hundert Jahren kein Endspiel in Europa mehr zu gewinnen.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Béla Guttmann war viel mehr als nur nachtragend. Er war der erste große Globetrotter des professionellen Fußballs. Er hat das Spiel globalisiert, als noch niemand dieses Wort kannte. Und er hat dem Fußball das Vorbild für einen bestimmten, schillernden, weltgewandten Trainertypus geliefert, der den heute grassierenden Kult um die taktischen Superhirne, die Maestros an der Linie, schon vor über einem halben Jahrhundert begründete. Guttmann war eine Art Mourinho seiner Tage: brillant, elegant, bisweilen arrogant. Einer, der nicht nur immer und überall Erfolge lieferte, sondern auch eine gute Show. „Die dritte Saison ist fatal“, hat er irgendwann in seinen vierzig Trainerjahren mit 25 Stationen in 13 Ländern festgestellt.

          Schon als Spieler muss der ungarische Jude eine schillernde Figur gewesen sein. Seine Karriere als Nationalspieler endete, als er bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris aus Ärger darüber, dass die ungarischen Funktionäre das Team in einem Rattenloch von Hotel am Montmartre einquartiert hatten, die Mannschaft zur gemeinsamen Rattenjagd animierte – und die erlegten Nager an die Türen der Delegationsleitung nagelte.

          Nach ersten Trainerstationen beim jüdischen Klub Hakoah in Wien, beim SC Enschede in den Niederlanden und bei Ujpest Budepest überlebte Guttmann in der Schweiz den Holocaust – anders als sein Bruder, der im KZ ermordet wurde. Nach dem Krieg begann er eine Art lebenslänglicher Welttournee. Von Vasas Budapest ging es 1946 zu Ciokanul Bukarest nach Rumänien, wo er so klug war, sich sein Gehalt in Form von Gemüse und anderen Nahrungsprodukten auszahlen zu lassen – in den Hungerjahren nach dem Krieg die härteste aller Währungen.

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          Zurück in Budapest, wurde er Meister mit Ujpest, dann Trainer bei Kispest, wo er nach einem Streit in der Pause seinen Rücktritt auf für ihn typisch theaterreife Weise publik machte: Er setzte sich in der zweiten Halbzeit der Partie nicht auf die Bank, sondern auf die Tribüne, wo er Zeitung las. Danach fuhr er mit der Straßenbahn nach Hause und suchte sich einen neuen Klub. Und weiter, einmal um die Fußballwelt. Italien: Padua und Triest. Argentinien: Boca Juniors und Quilmes. Dann Zypern: Apoel Nikosia. Zurück nach Italien, zum AC Mailand. Dort berief er, nach Querelen mit der Vereinsführung, mitten in seiner zweiten Saison, an der Tabellenspitze stehend, eine Pressekonferenz ein und erklärte: „Ich bin entlassen worden, obwohl ich weder ein Krimineller noch ein Homosexueller bin. Auf Wiedersehen.”

          Nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes gegen die sowjetischen Besatzer 1956 führte ihn eine Südamerika-Tour mit einem ungarischen Exil-Team, darunter dem legendären Ferenc Puskas, nach Brasilien. Guttmann blieb, übernahm den FC São Paolo und installierte dort die 4-2-4-Formation, mit der Brasiliens Selecão zwei Jahre später zum ersten Mal Weltmeister wurde.

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