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Eichlers Eurogoals : Deine Zähne sind im Abseits

Zähne im Abseits? „Beißer“ Luis Suarez muss sich einiges anhören Bild: dpa

In Spanien sollen Schmähungen im Stadion rigoros bestraft werden. Dabei gehört die gepflegte Beleidigung dazu – auch auf dem Platz. Sogar Schiedsrichter machen manchmal schlagfertig mit beim Austauschen von Verbal-Fouls.

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          Wer wird denn gleich beleidigt sein? Ein Fußballplatz ist ja auch deshalb ein beliebter Ort, weil man sich dort zur Not ziemlich unzivilisiert aufführen darf. Einfach mal einen Nachmittag die üblichen sprachlichen Umgangsformen in Privat- und Berufsleben ungestraft hinter sich lassen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Auch verbale Beleidigungen sind Gewalt“, findet allerdings Carlo Ancelotti, der Trainer des Champions-League-Siegers Real Madrid, der kürzlich durchgriff und 17 laut fluchende Fans aus dem Bernabéu-Stadion entfernte. Es ging, wohlgemerkt, nicht um rassistische Beleidigungen, sondern um Beschimpfungen gegnerischer Vereine mit handelsüblichen Begriffen wie „Scheiß Barca“ oder „Drecks-Atlético“. Natürlich darf niemand wegen seiner Hautfarbe beleidigt werden – aber auch nicht wegen der Farbe seines Trikots?

          Die neue Linie des spanischen Fußballverbandes, der die traditionellen Schmähgesänge aus Fan-Kurven inzwischen unter Strafe stellt und deswegen Verfahren gegen fünf Klubs eingeleitet hat, findet Luis Enrique, der Trainer des FC Barcelona, übertrieben: „Wenn wir alle Leute aus den Stadien werfen wollen, die jemanden beleidigen, bleiben wir bald alleine – auch ohne Spieler.“

          Fast schon eine persönliche Auszeichnung ist es, wenn ein einzelner Spieler zur Zielscheibe eines eigens dafür getexteten Schmähgesangs wird. So wie Luis Suárez, der „Beißer“, inzwischen beim FC Barcelona. Als Torjäger in Liverpool verdiente er sich wegen seiner auffällig vorstehenden Kauleiste den schönen Gesang der United-Fans: „Your teeth are offside”, deine Zähne sind im Abseits.

          Man muss es ja nicht unbedingt niveauvoll finden, aber die gepflegte Beleidigung ist nun mal ein Erbe der ohnehin schwindenden proletarischen Prägung des Fußballs. Sie hat im Normalfall, also da, wo es nicht zu persönlich wird, eine reinigende Wirkung. Was auf dem Platz von Spieler zu Spieler gesagt wird, ist gewissermaßen privat, das, was auf der Tribüne gerufen oder gesungen wird, auch. Man schüttelt sich hinterher die Hand, und damit ist es vergessen.

          Vorsicht, Rutschgefahr! Steven Gerrard kann darüber nicht lachen
          Vorsicht, Rutschgefahr! Steven Gerrard kann darüber nicht lachen : Bild: AFP

          Natürlich gibt es Ausnahmen, gerade da, wo die Beleidigung taktisch benutzt wird, als der Versuch, die Contenance und Konzentration eines Gegenspielers zu stören, ihn aus der Balance zu bringen. Mindestens einmal, bei Marco Materazzi und seiner Beleidigung der Schwester von Zinédine Zidane, trug das sogar entscheidend dazu bei, ein WM-Finale zu entscheiden.

          Schön ist das nicht, aber braucht man deshalb nun eine Sprachpolizei? Nach all den Kameras, die Spieler und Fans aus allen Winkeln überwachen, jetzt auch noch den großen Lauschangriff? Einen Rest an politischer Inkorrektheit sollte man diesem Spiel vielleicht immer noch lassen.

          „I hau dir in die Zähn, i hau dir in die Goschn“

          „Normale Umgangsformen haben auf dem Spielfeld nichts zu suchen“, fand zum Beispiel schon zu aktiven Zeiten Wolfgang Overath, der große Spielmacher der 70er Jahre. Er sagte zu Gegenspieler Hans Siemensmeyer: „Du altes Dreckschwein“, zu Gerd Müller: „Du fette Sau“ und zu Vogts: „Zieh die Schuhe aus, Berti, du lernst es ja doch nie.“

          Von dem berühmten Spiel in Cordoba, WM 1978, Deutschland gegen Österreich, 2:3, ist folgender Dialog überliefert. Rüdiger Abramczik zu Robert Sara: „Du Scheißkicker verdienst nicht mal ein Drittel von mir.“ Darauf Sara: „I hau dir in die Zähn, i hau dir in die Goschn.“

          Wird er morgen entlassen? Liverpool-Coach Brendan Rodgers
          Wird er morgen entlassen? Liverpool-Coach Brendan Rodgers : Bild: AP

          Natürlich geht das alles auch deutlich eleganter, wofür vor allem englische Fans ein Faible haben. Am Sonntag etwa brachten Dutzende Anhänger von Manchester United ganz spezielle Utensilien für den Klassiker gegen den FC Liverpool mit ins Stadion. Im Mai hatte Liverpool die große Chance auf den ersten Meistertitel seit 24 Jahren verpasst, als Kapitän Steven Gerrard im Spiel gegen Chelsea als letzter Mann unbedrängt ausrutschte, auf den Hintern fiel und den entscheidenden Gegentreffer herschenkte.

          Nun, im Old Trafford, hielten ihm die United-Fans gelbe Warnhinweise mit der Aufschrift „Wet Floor“ (Nasser Boden) entgegen, wie ihn Putzpersonal nach dem Feudeln öffentlicher Toiletten aufstellt. Liverpool rutschte trotz der Warnung weiter ab. Nach dem Aus in der Champions League gegen den FC Basel und dem 0:3 in Manchester stehen die „Reds“ nach dem schlechtesten Saisonstart seit fünfzig Jahren (21 Punkte in 16 Spielen) nur noch auf Platz neun.

          „Du bist nur eine fette Paris Hilton“

          „You’re gonna sacked in the morning“, so riefen die United-Anhänger Liverpools Trainer Brendan Rogers zu den Klängen von „Guantanamera” entgegen. Es ist einer der Klassiker in englischen Stadien: „Morgen früh wirst du entlassen”. Ebenso gern genommen, wenn man hoch gewinnt: „Können wir nicht jedes Mal gegen euch spielen?“

          Sollte man diese Form der Schmähkultur verbieten? Oder den „chant“, der einem weiteren früherer Liverpooler, dem blonden, Pferdeschwanz tragenden Ukrainer Andrej Woronin einst von Arsenal-Fans gewidmet wurde? „Fat Paris Hilton, you’re just a fat Paris Hilton“, sangen sie: Du bist nur eine fette Paris Hilton. Der Text zur gängigen Melodie von „Guantanamera“ ist seit Jahrzehnten auf viele Spieler variiert worden, etwa den Holländer Jimmy Floyd Hasselbaink, einst FC Chelsea. Ihn begrüßten die Anhänger von Newcastle United mit den Worten: „Fat Eddie Murphy, you’re just a fat Eddie Murphy“.

          Beleidigung und Reaktion: Zinedine Zidane streckt Marco Materazzi im WM-Finale 2006 nieder
          Beleidigung und Reaktion: Zinedine Zidane streckt Marco Materazzi im WM-Finale 2006 nieder : Bild: Reuters

          Auf dieselbe Melodie werden auch Texte gelegt, um eigene Spieler zu feiern, auch in deutschen Stadien, nach dem Muster: „There’s only one David Beckham“ oder „Es gibt nur ein’n Arjen Robben“. Doch selbst dabei, beim Bejubeln eigener Helden, lassen sich Wortwitz und Schmäh unterbringen, wie die Anhänger der Glasgow Rangers einst bewiesen. Nachdem bei ihrem Torwart Andy Goram eine leichte Form von Schizophrenie diagnostiziert worden war, sangen sie: „There’s only two Andy Gorams“. Es gibt nur zwei Andy Gorams. Geschmacklos, aber gut.

          Sogar Schiedsrichter machen manchmal schlagfertig mit beim Austauschen von Verbal-Fouls. Paul Breitner sagte in seinen späten Spielertagen einmal zu Wolf-Dieter Ahlenfelder, dem im vergangenen August gestorbenen Original an der Pfeife: „Du pfeifst wie ein Arsch.“ Darauf Ahlenfelder zu Breitner: „Und du spielst wie ein Arsch.“

          Prähistorische Schiedsrichterbeleidigung

          Üblicherweise gilt aber, dass man beim Fußball, diesem Fest der unzivilisierten Parteilichkeit, den Unparteiischen besser nicht einbezieht in den Austausch von verbalen Ruppigkeiten. Nicht jeder kommt so glimpflich davon wie Breitner, also mit einer Gegenbeleidigung.

          Meist versteht der Schiedsrichter in dieser Angelegenheit keinen Spaß, zu Recht, er hat ja eine Autorität zu wahren, ohne die kein Spiel funktionieren würde. Und manchmal versteht er auch noch mehr, als er soll. So wie der Engländer David Elleray, der einst in der Premier League von Joe Royle, dem früheren Trainer des FC Everton, als „Pterodactylus“ bezeichnet wurde. Das ist ein ausgestorbener Stummelschwanzsaurier und damit eine ziemlich idiotensichere Beleidigung. Dachte Royle. Elleray aber war im Hauptberuf Schulhausmeister und schob täglich die Saurierschautafeln in den Biologie-Saal. Er kannte seinen Pterodactylus. Das brachte Royle eine Geldstrafe ein – wegen prähistorischer Schiedsrichterbeleidigung.

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