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Eichlers Eurogoals : Zeiten und Zahlen

Kämpfer für die gute Sache: Fußballprofi Ryan Giggs (MItte) mit David Beckham und Gary Neville am World Sight Day 2001 Bild: picture-alliance / dpa

Die 86. Minute auslassen wollen und dann über die 68. stolpern. Mit der 44 auflaufen, obwohl nur 40 erlaubt sind. Und die 30 als Symbol des britischen Problems: Zahlen bringen Unglück.

          3 Min.

          Bringen Zahlen Unglück? Das kann man sich an jedem Geburtstag fragen. Und in fast jedem Fußballspiel. Eintracht Frankfurt hat zuletzt vor allem mit der 86 gehadert, weil man in besagter Spielminute gleich vier Mal eine Führung verspielte. Deshalb stehen die Frankfurter in der virtuellen Teilzeit-Tabelle der Bundesliga nach achtzig Spielminuten auf Platz fünf, in der reellen Vollzeit-Tabelle nach neunzig Minuten aber auf Platz fünfzehn. „Seuchenminute“ nannte Präsident Peter Fischer die verflixte 86.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Es gab schon die Idee, diese Minute einfach aus dem Spielverlauf zu streichen, so wie es ja in vielen Hotels keine 13. Etage gibt und bei vielen Fluglinien keine 13. Sitzreihe, weil das Unglück bringen soll. Außer in Brasilien, wo dafür die 17. Sitzreihen fehlen (oder auch mal Teile eines Stadiondachs für WM-Eröffnungsspiele).

          Natürlich kann man keine Minute stehlen. Aber könnte man sie nicht einfach verschwenden? Rechtzeitig Ball auf die Tribüne, dann zeitraubende Auswechslung, oder auch ausgiebige medizinische Pflege eines Simulanten? Sollten die Frankfurter solche Ideen tatsächlich mitgenommen haben nach Hannover, wurden sie aber durch einen Zahlendreher durchkreuzt. Diesmal war es nicht die 86., sondern die 68., in der alles schief ging – verweigerter Elfer auf der einen Seite, verwandelter Freistoß auf der anderen, 2:0 für Hannover. Da konnte die 86. auch nichts mehr anrichten.

          Noch toller treibt es Hoffenheim. Nach zweimaliger Zweitore-Führung noch zwei Punkte abzugeben, und das durch das 4:4 eines Spielers mit 44 auf dem Rücken in dessen 88. Bundesligaspiel – so viel Zahlensalat brachte Trainer Markus Gisdol, der übrigens 44 ist, zu der hygienischen Erkenntnis, „die Scheiße an den Beinen“ zu haben. Es stank ihm offenbar.

          Ladenhüter mit der 44 - Helden mit 40

          Eigentlich sind solch hohe Nummern wie die des Bremers Philipp Bargfrede seit 2011 gar nicht mehr zulässig in der Bundesliga - seit die Deutsche Fußball-Liga in all ihrer Weitsicht, da sie nun mal nicht wie die Europäische Kommission den Krümmungsgrad von Salatgurken bestimmen darf, dafür dann eben die Maximalgröße von deutschen Rückennummern bestimmte.

          Wenn der Mann mit der 44 das 4:4 erzielt: Philipp Bargfrede (r.)

          Über 40 geht seitdem nichts mehr in der Liga, mit zwei Ausnahmen: Spieler, die schon vor 2011 die Ü-40-Nummer hatten und noch bei demselben Klub sind, was nur noch für Bargfrede und den Hamburger Ladenhüter Gojko Kacar (ebenfalls 44) zutrifft; und Neuzugänge, für die sich keine kleinere Nummer mehr findet im Kader. Das verschaffte Alexandru Maxim Anfang 2013 die 44 in Stuttgart. Denn beim VfB waren angeblich alle kleineren Zahlen schon vergeben.

          Über 40 geht also doch noch was – selbst wenn es der Geburtstag ist. Das zeigte vergangene Woche Ryan Giggs bei seiner Senioren-Party mit Manchester United beim 5:0 in Leverkusen. Zwei Tage vor seinem 40. Geburtstag war er an drei erfolgreichen Angriffen beteiligt, darunter sein Traumpass auf Nani beim fünften Tor. Es war das 138. Champions-League-Spiel für Giggs. Mehr hat keiner. Und sein 953. Spiel als Profi. Mehr hat keiner, seit Paulo Maldini 2009 nach 1041 Spielen in 24 Jahren für den AC Mailand und Italien aufhörte.

          Wer mit 40 noch topfit und ausgezeichnet wird wie Ryan Giggs, hat auch seinen Kummer: „Sie trinken Wein und ich stilles Wasser“

          Vergleichbar ist nur Javier Zanetti, der sich gerade, ebenfalls mit 40, nach einem Achillessehnenriss wieder hochgearbeitet hat. Am Wochenende bestritt er seinen 704. Einsatz für Inter Mailand. Und sein 978. Spiel als Fußballprofi.

          „Sie trinken ein Glas Wein und ich ein stilles Wasser“

          Der argentinische Außenverteidiger wird von Fans zärtlich „Traktor“ genannt, während der walisische Flügelflitzer, inzwischen zum Mittelfeldstrategen umgewandelt, eher ein Tänzer ist. Giggs sei so leichtfüßig, sagte einst ein Mitspieler, dass man ihn nicht kommen höre. Dem Kollegen Wayne Rooney fiel nichts Besseres mehr ein: „Mir fehlen die Worte, was ich noch über Ryan sagen soll“. Während Giggs am Samstag nicht als Spieler, nur als Assistenztrainer agierte, rettete Rooney ManUnited mit zwei Toren ein 2:2 in Tottenham.

          Die besten Briten sind Waliser: das Dilemma des englischen Fußballs

          Von jenem legendären Jugend-Jahrgang von United, über den in englischen Kinos der Dokumentarfilm „The Class of ’92“ läuft, ist Giggs der letzte, der noch spielt. Die anderen, Beckham, Butt, Scholes, die Neville-Brüder, „beneide ich, wenn wir zum Essen ausgehen“, verriet er der „Times“. „Sie trinken ein Glas Wein und ich ein stilles Wasser. Langweilig. Sie ziehen noch um die Häuser, und ich muss nach Hause gehen.“

          Britisches Dilemma: Vaterland statt Mutterland

          13 Mal englischer Meister – aber nie eine WM oder EM erlebt.  Dabei hätte er sich nur für England entschieden müssen, wo er aufwuchs. Doch Giggs, dessen Großvater aus Sierra Leone stammte und dessen Vater Danny Wilson einer der ersten Waliser Rugby-Nationalspieler mit afrikanischen Wurzeln war, entschied sich fürs Vaterland, nicht fürs Mutterland. Diese Zersplitterung ist das Dilemma des britischen, des englischen Fußballs.

          Der beste Spieler der vergangenen Saison in der englischen Premier League war ein Waliser, Gareth Bale, der sein Können nun auch bei Real Madrid zu zeigen beginnt – er schoss drei Tore beim 4:0 gegen Valladolid (womit Real bis auf drei Punkte an die Spitze heranrückte, denn der FC Barcelona verlor zum ersten Mal, 0:1 in Bilbao).

          Der beste Spieler der aktuellen Saison in England ist ebenfalls Waliser, Aaron Ramsey, der in 19 Saisonspielen für Tabellenführer Arsenal schon 13 Tore schoss, davon acht in der Liga, und das aus dem defensiven Mittelfeld – am Samstag zwei beim 3:0 in Cardiff.

          Solche Zahlen bringen Unglück

          Beide, Bale und Ramsey, entschieden sich wie zuvor Giggs, nicht für England zu spielen und deshalb vielleicht nie eine Welt- oder Europameisterschaft zu erleben. Und so hat England wohl immer noch die beste Liga der Welt, wie die Siege von ManUnited, Chelsea und Arsenal gegen deutsche Champions-League-Konkurrenten zeigten. Aber keine wirklich englische Liga und deshalb nur ein mittelmäßiges Nationalteam.

          Die Besten der Premier League sind Ausländer oder wenigstens Waliser. Und der Anteil englischer Spieler an den Einsatzzeiten ist noch deutlich kleiner als ihr Anteil an den Kadern: Er liegt bei rund 30 Prozent. Solche Zahlen bringen Unglück.

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