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Eichlers Eurogoals : Zeiten und Zahlen

Wer mit 40 noch topfit und ausgezeichnet wird wie Ryan Giggs, hat auch seinen Kummer: „Sie trinken Wein und ich stilles Wasser“

Vergleichbar ist nur Javier Zanetti, der sich gerade, ebenfalls mit 40, nach einem Achillessehnenriss wieder hochgearbeitet hat. Am Wochenende bestritt er seinen 704. Einsatz für Inter Mailand. Und sein 978. Spiel als Fußballprofi.

„Sie trinken ein Glas Wein und ich ein stilles Wasser“

Der argentinische Außenverteidiger wird von Fans zärtlich „Traktor“ genannt, während der walisische Flügelflitzer, inzwischen zum Mittelfeldstrategen umgewandelt, eher ein Tänzer ist. Giggs sei so leichtfüßig, sagte einst ein Mitspieler, dass man ihn nicht kommen höre. Dem Kollegen Wayne Rooney fiel nichts Besseres mehr ein: „Mir fehlen die Worte, was ich noch über Ryan sagen soll“. Während Giggs am Samstag nicht als Spieler, nur als Assistenztrainer agierte, rettete Rooney ManUnited mit zwei Toren ein 2:2 in Tottenham.

Die besten Briten sind Waliser: das Dilemma des englischen Fußballs

Von jenem legendären Jugend-Jahrgang von United, über den in englischen Kinos der Dokumentarfilm „The Class of ’92“ läuft, ist Giggs der letzte, der noch spielt. Die anderen, Beckham, Butt, Scholes, die Neville-Brüder, „beneide ich, wenn wir zum Essen ausgehen“, verriet er der „Times“. „Sie trinken ein Glas Wein und ich ein stilles Wasser. Langweilig. Sie ziehen noch um die Häuser, und ich muss nach Hause gehen.“

Britisches Dilemma: Vaterland statt Mutterland

13 Mal englischer Meister – aber nie eine WM oder EM erlebt.  Dabei hätte er sich nur für England entschieden müssen, wo er aufwuchs. Doch Giggs, dessen Großvater aus Sierra Leone stammte und dessen Vater Danny Wilson einer der ersten Waliser Rugby-Nationalspieler mit afrikanischen Wurzeln war, entschied sich fürs Vaterland, nicht fürs Mutterland. Diese Zersplitterung ist das Dilemma des britischen, des englischen Fußballs.

Der beste Spieler der vergangenen Saison in der englischen Premier League war ein Waliser, Gareth Bale, der sein Können nun auch bei Real Madrid zu zeigen beginnt – er schoss drei Tore beim 4:0 gegen Valladolid (womit Real bis auf drei Punkte an die Spitze heranrückte, denn der FC Barcelona verlor zum ersten Mal, 0:1 in Bilbao).

Der beste Spieler der aktuellen Saison in England ist ebenfalls Waliser, Aaron Ramsey, der in 19 Saisonspielen für Tabellenführer Arsenal schon 13 Tore schoss, davon acht in der Liga, und das aus dem defensiven Mittelfeld – am Samstag zwei beim 3:0 in Cardiff.

Solche Zahlen bringen Unglück

Beide, Bale und Ramsey, entschieden sich wie zuvor Giggs, nicht für England zu spielen und deshalb vielleicht nie eine Welt- oder Europameisterschaft zu erleben. Und so hat England wohl immer noch die beste Liga der Welt, wie die Siege von ManUnited, Chelsea und Arsenal gegen deutsche Champions-League-Konkurrenten zeigten. Aber keine wirklich englische Liga und deshalb nur ein mittelmäßiges Nationalteam.

Die Besten der Premier League sind Ausländer oder wenigstens Waliser. Und der Anteil englischer Spieler an den Einsatzzeiten ist noch deutlich kleiner als ihr Anteil an den Kadern: Er liegt bei rund 30 Prozent. Solche Zahlen bringen Unglück.

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