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Eichlers Eurogoals : Wenn Fans und Fußballer mauern

Lücke in der Mauer: Das Loch im DDR-Schutzwall fanden einst die Brasilianer Bild: dapd

Die schlechteste Mauer aller Zeiten baute die DDR: 1974, im WM-Spiel gegen Brasilien. Seitdem wird sorgfältiger gemauert im Fußball, neuerdings auch durch Fans.

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          Die schlechteste Mauer aller Zeiten baute die DDR. Leider war das nicht jene Mauer, über die der alte Lügner Walter Ulbricht 1961 behauptete, niemand habe die Absicht, sie zu errichten – ein Satz, der inzwischen, leicht variiert, als T-Shirt-Aufdruck in der deutschen Hauptstadt humoristische Karriere macht: „Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten“. Aber leider war die Berliner Mauer im Gegensatz zum Berliner Flughafen ein sehr zügig durchgeführtes und handwerklich solides Bauwerk. Und bedauerlicherweise nicht so löchrig wie jene Mauer, die die DDR bei ihrem einzigen Auftritt auf der größten Bühne des Fußballs, der Weltmeisterschaft 1974, baute.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Das war, neun Tage nach dem sensationellen 1:0 gegen die westdeutschen WM-Gastgeber, im Zwischenrundenspiel gegen Brasilien in Gelsenkirchen. Es gab Freistoß für den Titelverteidiger, der gefürchtete Schütze Roberto Rivelino legte sich den Ball hin. Während die in dieser Hinsicht erfahrenen Ostdeutschen ihre Mauer bauten, stellte sich der Brasilianer Jairzinho zwischen sie, und, verblüfft und erfreut über die ungeahnte Mithilfe beim Schutz des Sozialismus, machten sie ihm Platz.



          Doch dann plötzlich, als Rivelino anlief, fiel sein vorgeschobener Landsmann wie ein Stein zu Boden, und der Ball jagte, wie das Youtube-Dokument zeigt, zwischen den Genossen Siegmar Wätzlich und Reinhard Lauck durch das Loch im DDR-Schutzwall zum 1:0-Siegtreffer ins Netz.

          Rapid-Fans mauern solide

          Seitdem wird sorgfältiger gemauert im Fußball, nicht nur durch Fußballer, neuerdings auch durch Fans. Am Samstag wunderten sich die Mitarbeiter von Rapid Wien, dass sie den Eingang zur Geschäftsstelle des Klubs nicht mehr fanden. Er war zugemauert. Handwerklich tüchtige Anhänger hatten nach der 1:3-Heimniederlage gegen RB Salzburg ihren Unmut über die sportliche Krise (nur ein Sieg in den letzten zwölf Spielen, dazu das Pokal-Aus gegen einen Drittligaklub) durch ein rund zwei Meter hohes Mauerwerk zementiert. Gegen wen sich der Ärger vor allem richtete, zeigte ein Bild von Manager Werner Kuhn mit der Aufschrift „Ich darf nicht hinein!“

          Aber auch der deutsche Sportdirektor Helmut Schulte ist nach nur vier Monaten beim österreichischen Meister, aktuell abgeschlagen Dritter hinter dem Lokalrivalen Austria und den Salzburgern, zur Zielscheibe der Kritik geworden.

          Reiseempfehlung der Fans: „Wir tragen Rapid im Herzen, das ist bekannt. Schulte zurück an die Waterkant“

          Nach ersten Fanprotesten hatte der frühere Trainer von Schalke und St. Pauli die Stimmung vor kurzem mit einer unbedachten Formulierung weiter aufgeheizt, als er in einem Interview erklärte: „Die Fans, die Rapid im Herzen tragen, werden die Mannschaft auch im Stadion anfeuern“. Seitdem gibt es „Schulte raus!“-Rufe und ein Banner im Fanblock mit der gereimten Reiseempfehlung: „Wir tragen Rapid im Herzen, das ist bekannt. Schulte zurück an die Waterkant“.

          Monat der Abrechnung

          Es wird halt Mai, und Mai ist im Fußball der Monat der Abrechnung. Die schlechteste aller Abrechnungen hat der Mann, der noch vor einem Jahr, einst im Mai, das goldene Händchen zu haben schien und der beliebteste Trainer Englands war: Harry Redknapp. Mit den Tottenham Hotspurs, die er an das jahrelang zementierte Führungsquartett aus Chelsea, Arsenal und den beiden Manchester-Klubs herangeführt hatte, spielte er um einen Platz in der Champions League und galt als Favorit für den Job als englischer Nationaltrainer bei der EM 2012, nachdem Fabio Capello hingeschmissen hatte. Doch Redknapp machte alles falsch. Er wollte irgendwie beides und hatte am Ende gar nichts.

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