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Eichlers Eurogoals : Wenn ein blöder Strandball das Spiel entscheidet

Was macht nur dieser komische rote Strandball im Liverpooler Fünfmeterraum? Bild: AFP

Manche Dinge gehören nicht ins Stadion: Haustiere, Gartengeräte, Schwiegermütter und Strandbälle. Ein solcher besiegelte Liverpools Niederlage in Sunderland. Ärgerlich: ein eigener Fan hatte das aufblasbare Teil im Fünfmeterraum plaziert.

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          Es gibt Dinge, die einfach nicht ins Stadion gehören. Ein Beispiel kennen wir durch Berti Vogts: „Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.“ Ebenfalls nicht ins Stadion gehören Haustiere, Gartengeräte, Schulhefte, Powerpoint-Präsentationen, Sitzungsprotokolle, Schwiegermütter und Spielzeuge aller Art, die nicht vom Internationalen Fußball-Verband zertifiziert sind.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Auch Hollywood gehört nicht ins Stadion. Olympique Lyon vergaß diese Grundregel am Samstag. Der französische Tabellenführer ließ den Anstoß der Partie gegen Sochaux von Clint Eastwood ausführen. Der frühere Lieblingsschauspieler von Vogts („Dirty Berti“), der sich für eine Ehrung seines Lebenswerkes bei einem Filmfestival in Lyon aufhielt, schwang den Regenschirm elegant wie einst Gene Kelly in Paris und verpasste dem Ball am Anstoßkreis einen für seine 79 Lebensjahre erstaunlich schwungvollen Lupfer.

          Aber für den Heimklub ging die Sache natürlich schief, er verlor 0:2 (und behielt die Tabellenführung nur deshalb, weil auch Meister Bordeaux, der am Mittwoch (20.45 Uhr / FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) den FC Bayern empfängt, in Auxerre verlor).

          Sunderlands Stürmer Darren Bent hatte im Strafraum flach abgezogen
          Sunderlands Stürmer Darren Bent hatte im Strafraum flach abgezogen : Bild: REUTERS

          Sunderland ist eigentlich kein tropisches Strandparadies

          Vor allem aber gehören Strandbälle nicht ins Stadion. Warum soll man einen Strandball mit zum Fußball nehmen? Mit diesen blöden aufblasbaren Teilen, die man auf Charterflügen von Stewardessen aufgedrängt bekommt, kann man nicht anständig dribbeln, passen, schießen, nichts. Sie sind zu groß und zu leicht und steigen in die Höhe wie der Elfmeter von Uli Hoeneß 1976 in Belgrad.

          Dennoch nahm am Samstag ein bisher unbekannter Fan des FC Liverpool im Stadion der nordostenglischen Industriestadt Sunderland, die den meisten Menschen als tropisches Strandparadies noch nicht geläufig ist, einen knallroten Strandball in die Hand und sicherte sich einen Platz in der Kuriositätenabteilung der Fußballgeschichte. Fernsehbilder zeigen, wie der gut gelaunte, jugendliche wirkende Mann von der Tribüne die medizinballgroße Plastikkugel fröhlich Richtung Spielfeld wirft. Auf dem Ball soll „FC Liverpool“ gestanden haben.

          Die nächste Szene zeigt, wie Darren Bent, Stürmer des FC Sunderland, von der Strafraumgrenze einen Flachschuss ansetzt. Der Ball scheint genau auf Liverpools Torwart Pepe Reina zuzufliegen, bis er sich plötzlich in einen fast doppelt so großen roten Ball verwandelt, der am Tor vorbeifliegt. Auch Reina schaut ihm nach - ehe er bemerkt, dass der Strandball zwar im Tor-Aus gelandet ist, der Fußball aber im Tor. Der Kontakt mit dem roten Strandball, der am Fünfmeterraum gelandet war, hatte die Kugel entscheidend abgefälscht. Liverpool verlor 0:1 und büßte im Meisterschaftsrennen weiteren Boden ein.

          Frage von philosophischer Tragweite: Wann ist ein Ball kein Ball mehr?

          Zu den Dingen, die nicht ins Stadion gehören, gehören aber auch Schiedsrichter, die die Regeln nicht kennen. Zugegebenerweise ist das bei solch kuriosen Toren nicht immer einfach.

          So war zum Beispiel vor fünf Jahren beim belgischen Ligaspiel Anderlecht gegen La Louvière der Ball von Walter Baseggio so wuchtig getroffen worden, dass er während des Fluges Richtung Tor platzte und dann schon recht schlaff im Tor landete. Der Schiedsrichter gab den Treffer, das Sportgericht entschied aber, dass das Spiel wiederholt werden musste. Ein schwieriger Fall, denn er behandelte eine Frage von philosophischer Tragweite, nämlich: Wann ein Ball kein Ball mehr ist.

          „Ich dachte immer, es gilt in diesem Fall Murphys Gesetz“

          In Sunderland lag der Fall einfacher, denn das Regelwerk war auf ihn vorbereitet. Eine Einwirkung von außen auf den Spielverlauf führt zur sofortigen Unterbrechung, Beseitigung des Störfaktors und Fortsetzung mit Schiedsrichterball. Die Nummer 5 der 17 Fußballregeln besagt: „Der Schiedsrichter hat ein Spiel bei jedem Eingriff von außen zu stoppen, zeitweilig zu unterbrechen oder abzubrechen.“

          Sunderlands Trainer Steve Bruce war von dieser juristischen Sichtweise überrascht: „Ich kannte die Regel nicht. Ich dachte immer, es gilt in diesem Fall Murphys Gesetz“. Aber das ist natürlich eine faule Ausrede, denn Murphys Gesetz gilt im Fußball immer und überall: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.

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