https://www.faz.net/-gtm-ys8w

Eichlers Eurogoals : Wenn die Figur sich der des Spielgeräts annähert

Neuer Strafbestand: Neymar setzt sich jubelnd die Neymar-Maske auf - und fliegt vom Platz Bild: REUTERS

Lehmann gibt eine glückliche Kopie der unglücklichsten Szene seiner Karriere ab. Juninho schießt in Qatar ein unglaubliches Tor. Messi gleicht gegen Ronaldo aus. Und Neymar setzt sich jubelnd eine Neymar-Maske auf - und fliegt vom Platz.

          4 Min.

          Fußball ist auch nicht anders als jeder andere Kunstmarkt - manchmal ist nur das ganz Neue gefragt, dann wieder alte Meister. Letztere erleben gerade eine kleine Renaissance, nicht nur weil Michael Ballack derzeit wieder mitmachen darf beim Versuch, Leverkusen wie schon 2000 und 2002 zu „Vizekusen“ zu machen. Auch Jens Lehmann steht plötzlich wieder auf Platz zwei, beim FC Arsenal in England, und rechnet sich sogar Titelchancen aus, mit 41 Jahren.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nachdem Trainer Arsene Wenger zwei von drei Torhütern verlor, holte er den letzten, mit der er etwas gewann, aus dem Ruhestand aus Berg am Starnberger See zurück, dort, wo auch Ballack mal residierte. Und weil sich kurz vor dem Spiel in Blackpool auch der dritte verletzte, Manuel Almunia, durfte Lehmann ins Tor - und war damit ein Fall für die Rekordbücher: der älteste Profi, der je in der Premier League spielte.

          Sein Team gewann 3:1, und Lehmann gab eine glückliche Kopie der unglücklichsten Szene seiner Karriere ab. Damals, beim 1:2 im Champions-League-Finale 2006 mit Arsenal gegen Barcelona, kam er gegen Eto'o zu spät, und der Schiedsrichter, statt Vorteil für Barcelona laufen zu lassen und Giulys Nachschuss ins leere Tor zu werten, pfiff Freistoß und gab Lehmann Rot.

          Die Fans durften die Masken tragen, der Schiedsrichter hatte keinen Humor
          Die Fans durften die Masken tragen, der Schiedsrichter hatte keinen Humor : Bild: REUTERS

          Fast von der Eckfahne in steiler Kurve ins lange Eck

          Auch diesmal kam Lehmann mit seinem Hechtsprung zu spät, gegen den frei durchlaufenden Campbell, erwischte dessen Fuß, aber weil danach Taylor-Fletcher den Ball ins Tor schob, gab der Schiedsrichter Vorteil. So war das Comeback nicht schon nach 53 Minuten beendet. Lehmann strahlte hinterher und erklärte, das Leben ohne Fußball sei „langweilig“.

          Noch ein Altmeister, der kaum etwas verlernt hat: Juninho Pernambucano, der vielleicht beste Freistoßschütze der jüngeren Geschichte. Seine vielen Treffer aus bis zu vierzig Metern, mit denen er bei Olympique Lyon selbst Torhüter wie den alten Lehmann-Spezi Oliver Kahn überwand, zeigt der 36-jährige Brasilianer nun nicht mehr auf der großen Fußballbühne, sondern da, wo man für alte Meister mehr Geld zahlt: in Qatar, dem Kleinstaat, der sich ja schon die WM 2022 gekauft hat.

          Vor ein paar hundert Zuschauern in einem fast leeren Stadion traf Juninho nun im Spiel zwischen Al Gharafa gegen Al Sadd mit einem Freistoß, der selbst bei ihm einen Platz im Poesiealbum bekommen dürfte: aus spitzem Winkel fast von der Eckfahne in steiler Kurve ins lange Eck. Und das nicht etwa wie zumeist aus solchen Positionen als Bananenflanke, die zufällig ins Tor dreht, weil sie keiner erreicht und der Torwart überrascht ist - sondern mit vollem Vorsatz und mit jener steilen Topspin-Kurve ohne jeden Seitendrall, für die die Anatomie des menschlichen Fußes eigentlich nicht geschaffen ist. Außer bei Juninho.

          Lionel Messi gegen Cristiano Ronaldo 29:29

          Und vielleicht auch bei Cristiano Ronaldo, dem einzigen, der manchmal ähnliche Flugkurven hinbekommt. Der Star von Real Madrid traf nun nach Verletzungspause wieder einmal, beim 3:0 in Bilbao, es war sein 29. Tor in der spanischen Liga. Da wollte, im letzten Warmschießen vor den vier Duellen binnen 18 Tagen zwischen Real und Barca (Samstag in der Liga, dann im Pokal und voraussichtlich zweimal im Champions-League-Halbfinale) sich auch der große Konkurrent Lionel Messi nach vier torlosen Wochen nicht lumpen lassen.

          Er traf beim 3:1 gegen Almeria zweimal und steht nun auch bei 29. Einer von beiden wird wohl Europas Torjägerkanone gewinnen und vielleicht sogar den spanischen Rekord von 38 Toren, gehalten von Telmo Zarra und Hugo Sanchez, erreichen.

          Tottis Figur nähert sich der des Spielgeräts an

          Wenn man bei Kunstwerken alter Meister ist, kommt man derzeit auch nicht an Francesco Totti vorbei. Wir geben zu, dass wir nicht mehr viel von ihm erwartet hatten, nachdem wir im letzten Herbst bei seinen beiden Darbietungen mit AS Rom gegen den FC Bayern zwei Dinge sahen: Erstens, dass seine Figur sich der des Spielgeräts annähert, zweitens, dass sein Aktionsradius auf zehn Meter geschrumpft ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Außengastronomie geöffnet: Gäste in der Saarbrücker Kneipe „Glühwürmchen“ Anfang April

          Lockerungen bei hoher Inzidenz : Hat sich das Saarland verzockt?

          Die Landesregierung hält trotz steigender Infektionszahlen an Lockerungen fest. „Unser Saarland-Modell wirkt“, sagt Ministerpräsident Tobias Hans. Wissenschaftler kritisieren das hinter vorgehaltener Hand als „Irrsinn“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.