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Eichlers Eurogoals : Was ist nur mit den Engländern los?

Tevez in England: Vor dem Abschied Bild: Reuters

Die Premier League ist die stärkste Liga der Welt. Jahrelang belegten die Champions-League-Ergebnisse die in England selbstverständlich vertretene These. Doch diese Saison zeigt: Die Zeiten ändern sich.

          3 Min.

          Gäbe es Verkehrsregeln im Fußball, manche Spieler müssten Warnwesten tragen. Zum Beispiel Thomas Vermaelen. Der Mann trifft derzeit einfach alles, man weiß nur vorher nicht, wen oder was oder warum oder in welche Richtung.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Am Mittwoch zum Beispiel traf der Verteidiger des FC Arsenal mit seinem Fuß den Kiefer des Dortmunders Sven Bender, der dabei brach. Vermaelen war kein Vorwurf zu machen, weil er im Sturz begriffen war und die schmerzliche Kollision hinter seinem Rücken passierte. Doch zwei weitere Treffer im folgenden Spiel gegen Fulham schüren nun den Verdacht, dass Vermaelen auch sonst eine gewisse unkontrollierte Streuung in seinen Aktionen hat. Nach zuletzt fünf Siegen hintereinander in der Premier League kam Arsenal gegen den kleinen Lokalrivalen nur zu einem 1:1. Die Torschützen hießen Vermaelen und Vermaelen. Erst ein Eigentor, dann ein Tor ins richtige Tor. Vermaelen ist zwar Belgier, dennoch ist die große Frage dahinter: Was ist nur mit den Engländern los?

          Das fragen sich auch die Engländer selbst. Lange waren sie die dominante Kraft der Champions League, war ausgerechnet der FC Liverpool, der seit 1990 auf den englischen Meistertitel wartet, das stärkste Team der europäischen Königsklasse, dessen UEFA-Wertung es anführte.

          Angst vor dem FC Basel

          Dann aber rutschten die „Reds“ in der englischen Liga aus den traditionellen „Top Four“ und damit aus den Champions-League-Plätzen. Und nun schwächeln auch die anderen. Arsenal ist das einzige der vier englischen Teams, das vor dem letzten Spieltag der Champions-League-Vorrunde nicht um die Qualifikation für die K.o.-Runde zittern muss – nachdem die Engländer in den letzten fünf Spielzeiten 19 von 20 möglichen Achtelfinalplätzen erobert hatten (und von 2007 bis 2009 sogar jeweils 3 der 4 Halbfinalplätze).

          In der Vorrunde war zuletzt nur Liverpool 2010 gescheitert, als es mit dem Team, dem Torjäger Torres und dem Trainer Benitez schon abwärts ging. Nun zittert sogar Manchester United, das zu Hause gegen Basel und Benfica nicht gewann – man zittert vor, jawohl, dem FC Basel, bei dem man ein Remis erkämpfen muss, um sich nicht völlig zu blamieren.

          In der Liga läuft es auch nicht besonders, dem 1:6-Debakel gegen den Lokalrivalen City folgten zwei schmucklose 1:0-Siege gegen Außenseiter und nun nur ein 1:1 gegen Newcastle, für das der frühere Hoffenheimer Demba Ba einen Foulelfmeter zum Ausgleich verwandelte.

          England rätselt

          Bei Chelsea ist der 34-jährige Trainer André Villas-Boas, eigentlich als Mourinho II vorgesehen und für eine Ablöse von rund 15 Millionen Euro aus Porto freigekauft, schon vor Saisonhalbzeit angezählt – sein Team muss nach der 1:2-Niederlage in Leverkusen ebenfalls bangen. Chelsea braucht gegen Valencia einen Sieg oder wenigstens ein 0:0, mit dem man nach dem 1:1 im Hinspiel bei den Spaniern den besseren Direktvergleich hätte.

          Und dann ist da der Schuldenweltmeister Manchester City, der in der Champions League eine besonders klägliche Vorstellung abgibt. Nur noch eine Niederlage der Bayern in Manchester in Verbindung mit einem Stolperer von Neapel beim bisherigen Null-Punkte-Team Villarreal kann dem Tabellenführer der stolzen Premier League noch auf dem Gnadenwege einen Platz unter den 16 Top-Teams Europas einbringen – wo sich stattdessen bereits ein Klub aus Zypern eingefunden hat.

          Nun rätselt man in England über die Gründe. Einer davon, vielleicht der Hauptgrund: Dass man sich auf der Insel so lang so sehr auf seine Kaufkraft verlassen hat; und dass die Produktion einheimischer Talente deshalb nicht mit Ländern wie Spanien oder Deutschland mitkommt.

          Zweistellige Millionensummen für Durchschnitt

          Motivierte, gut ausgebildete Talente sind aber das Rückgrat jeder Liga, gerade in England, einem Land, das Weltklassespieler aus Ländern wie Frankreich, Spanien, Argentinien oder Brasilien zwar durch seine Gehälter anlockt, durch sein Wetter, sein Essen und seine neurotische Presse aber auch rasch wieder von Zuhause träumen lässt. Besonders bei Manchester City kannten sie diese Art von Lustverlust schon bei Brasilianern wie Robinho oder Elano.

          Zuletzt ist auch der Argentinier Carlos Tevez dazu gekommen, dessen Arbeitsverweigerung beim Gastspiel in München zu einer endlosen Saga geführt hat, wo und zu welchem Preis man ihn im Winter loswerden kann.

          England hat nicht annähernd ein solches Reservoir an talentierten und sozialverträglichen Eigengewächsen wie etwa Deutschland. Das lässt eher mittelprächtige Jungprofis schon früh zu Nationalspielern werden und daraufhin ihre Preise auf dem Transfermarkt explodieren.

          Der FC Liverpool zahlte für den 22-jährigen Jordan Henderson 22 Millionen Euro, Manchester United für den 19-jährigen Phil Jones 18 Millionen. Dabei gibt es für solche Spieler nur auf der Insel selber eine Nachfrage, niemand auf dem Kontinent würde solche Spieler für solche Preise kaufen. Und wo, bitteschön, wäre ein international umworbener englischer Spieler?

          Paris und Beckham - würde passen

          Halt, einen gibt es, fast hätten wir ihn vergessen, er ist nicht mehr ganz taufrisch, aber ein frisch gebackener Landesmeister. Sein Name: David Beckham, Alter 36. Das Angebot, das von englischen Medien kolportiert wird, stammt aus Frankreich, von den kuwaitischen Besitzern von Paris St-Germain – einem Klub, der, wie in der Szene so erzählt wird, die Auswahl als Investitionsobjekt der Araber vor allem dem Umstand verdankt, dass die Flugverbindungen nach Paris so günstig sind.

          Das spricht auch für ein Engagement der global mobilen Fußballmarke Beckham nach seinen fünf Jahren in Los Angeles – das und die angeblich rund 13 Millionen Euro, die ihm für 18 Monate Arbeit geboten werden sollen.

          Sie müssen ihm natürlich auch richtig etwas bieten, nachdem sich sogar Felix Magath eine Verpflichtung von Beckham vorstellen konnte: „So ein Spieler ist immer interessant, wenn er reinpasst“, sagte er dem Satire-Teil von „Bild“. Wenn nur die Flugverbindungen in Wolfsburg besser wären.

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