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Eichlers Eurogoals : Von köpfeln bis kopflos

Mario Balotelli: Meister der Kapriolen Bild: dpa

Fußballsprache kann reine Poesie sein, zumindest wenn sie aus Österreich stammt. Doch Fußball kann auch brutal sein. So wie manche auftreten, wird das „köpfen“ bald zutreffen.

          Österreich ist ein Land, in dem Fußball nicht nur anders aussieht als in Deutschland. Sondern auch anders klingt. Warum der Fußball dort anders aussieht, hat der Kabarettist Werner Schneyder, ein Österreicher, mal so erklärt: „Der deutsche Fußballer zeigt seinem Publikum freudig und gerne, dass er es sich leisten kann, geradezu aus Lust noch mehr zu laufen, als es der Spielverlauf erforderte. Der österreichische Fußballer will vom Urbeginn an aus dem Stand gewinnen. Er hat nun erfahren müssen, dass das nicht geht. Also bringt er jetzt ein sichtbares Opfer – er läuft – aber er besteht darauf, dass das Opfer als solches anerkannt wird“.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Warum Fußball sich dort auch anders anhört? Das hat mit der wunderbaren Wortkunst und schönen Schmählust dieser Nation zu tun. Dinge, die im Fußballdeutschen der Deutschen oft wie ein Auszug aus einer amtlichen Verordnung der obersten Ballbehörde klingen, klingen im Fußballdeutsch der Österreicher wie Poesie – so weit ein Schauspiel behaarter Männerbeine Poesie zulässt.

          Werner Schneyder: Meister österreichischer Fußballpoesie

          Ein aktuelles Beispiel. Die Koordination und das Körperteil, mit denen Bastian Schweinsteiger das Tor zum vorzeitigen Meistertitel des FC Bayern erzielte, hatten etwas Kunstvolles. In dem dafür üblichen deutschen Fußballbegriff, mit seinen zweifach knallenden Doppelkonsonanten, haben sie eher etwas vom Klang strammstehender Rekruten auf preußischen Kasernenhöfen: Hackentrick.

          Im österreichischen Fußballdeutsch trägt dieselbe Sache einen so zärtlichen Namen, als handele es sich um eine Geliebte. Oder wenigstens eine Mehlspeise: Ferserl.

          Bastian Schweinsteiger: Deutscher Meister mit „Ferserl“

          Der Ball wird im Österreichischen zur Wuchtel, der Beinschuss zum Gurkerl. Auch um Worte wie den Zangler (der mit dem Ball was kann) und Tachinierer (der eine Verletzung vortäuscht) beneiden wir die Nachbarn. Während man den Stanglpass (Querspielen vor dem eigenen Tor) oder den Knödelreiter (Pferdekuss) besser meidet, aber doch gern hört. 

          „Ball rund muss in Tor eckig“

          Als Deutscher aber hat man es dort nicht einfach, das gilt auch für einen, der das Fußball-Deutsche um ein bleibendes Bonmot bereichert hat: Das Runde muss ins Eckige. Diesen Lehrsatz versucht Helmut Schulte, der den Satz vor zwanzig Jahren als Schalker Trainer in seiner Urfassung noch ein wenig dadaistischer formuliert hatte („Ball rund muss in Tor eckig“), nun auch den Fußballern in Österreich einzubläuen; allerdings noch ohne durchschlagenden Erfolg.

          Helmut Schulte: Sportdirektor mit fußballerischem Lehrsatz

          Seit vier Monaten ist der Sauerländer Sportdirektor bei Rekordmeister Rapid Wien, schon muss er sich verbal hinter Trainer Peter Schöttel stellen, dessen Team bei 22 Punkten Rückstand auf den Lokalrivalen Austria längst ohne Titelchance ist. Nach dem neunten sieglosen Spiel in Serie, einem 1:1 in doppelter Überzahl beim Tabellenletzten Wacker Innsbruck, droht dem Weltstadt-Klub nun sogar der Verlust eines Europa-League-Platzes, und das gegen einen Aufsteiger mit dem sehr un-weltstädtischen Namen „Riegler & Zechmeister Pellets Wolfsberger Athletik Club“.

          Der Kärntner Kleinstadtverein hat in den letzten neun Spielen, von denen er keins verlor und das neunte sensationell 4:0 bei Tabellenführer Austria gewann, 16 Punkte auf Rapid aufgeholt und liegt nur noch einen Punkt zurück.

          Köpfen oder köpfeln?

          Alles Kopfsache? Das führt uns zu einem weiteren österreichischen Fußballfachbegriff, dessen Feinheit man aber erst auf den zweiten Blick erkennt. Denn er unterscheidet sich nur in einem winzigen Buchstaben von dem Wort, das in Deutschland für dieselbe Sache gebräuchlich ist. Der Autor dieser „Eurogoals“ erinnert sich mit einer gewissen Reizbarkeit an einen österreichischen Leser, der vor einigen Jahren nahezu regelmäßig per Brief eine Korrektur verlangte, wenn in einem Fußballtext das Wort „köpfen“ stand. Es müsse vielmehr „köpfeln“ heißen – denn nach dem Köpfen ist der Kopf ab, nach dem Köpfeln aber noch dran. Und letzteres ist ja meistens der Fall beim Fußball.

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