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Eichlers Eurogoals : Verlust einer proletarischen Lebensform

Guti: Mit 2,71 Promille gegen einen Bus Bild: dpa

O je du Fröhliche! Früher ging es bei Weihnachtsfeiern englischer Klubs noch hoch her. Mittlerweile hat sich die sittliche Formung zu braven Angestellten durchgesetzt. Nur unser Kolumnist Christian Eichler trinkt beim Betriebsfest noch einen Glühwein zu viel.

          Arsène Wenger hat eine Menge wunderbarer Fußballspieler trainiert. Zum Beispiel Thierry Henry, der ja nicht immer der französische Handspieler und Trainingsboykotteur war, als den die Welt ihn in seiner Spätphase kennenlernte; sondern lange Zeit der beste und eleganteste Stürmer der Welt. Als seinen Lieblingsprofi nannte der Trainer des FC Arsenal (der am Montagabend zum Premier-League-Klassiker bei Manchester United antritt/21 Uhr live auf Sky) einen anderen: Dennis Bergkamp. Der Holländer war ebenfalls ein Angreifer von höchster technischer Brillanz und Leichtfüßigkeit. Vor allem jedoch schätzte Wenger an ihm eines: „Dennis ist in seinem ganzen Leben noch nie abends ausgegangen.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nun ging von dem Trainer aus dem Elsass, der 1996 nach London kam und in den englischen Fußball eine gesunde Lebensweise mit Gemüse und Gymnastik einführte, immer etwas Asketisches aus, das vielen Fans und Fußballern lange fremd blieb. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Inzwischen ist auch der volkstümliche englische Trainer, der lebenslustige Harry Redknapp, auf die Wenger-Linie eingeschwenkt. Der Trainer der Tottenham Hotspurs (die am Sonntag 1:1 gegen Chelsea spielten, wobei ihr Torwart Heurelho Gomes in der Nachspielzeit einen Elfmeter von Didier Drogba hielt) erteilte seinen Profis ein striktes Alkoholverbot. Er toleriere keine betrunkenen Spieler, „nicht einmal“ auf der Weihnachtsfeier.

          O je du Fröhliche! Nicht mal auf der Weihnachtsfeier? Es scheint, hier sei bald der Verlust einer proletarischen Lebensform zu beklagen, eines letzten Refugiums der kickenden Arbeiterklasse gegen ihre Zähmung durch öffentliche Beobachtung, durch die sittliche Formung zu braven Angestellten. Schlägt ihr also das letzte Stündlein, dieser Bühne der fröhlichen Exzesse von Jungmillionären, die wenigstens einmal im Jahr, zum Fest der Liebe, die Sau rauslassen wollen?

          Der Tugendhafte: Wenger und sein Lieblingsschüler  Henry

          Historische Highlights

          Es wäre schon ein bisschen schade. Vor allem für die englische Boulevardpresse. Und auch für die Autoren seriöser Fußball-Kolumnen, die hübsche und gern auch frivole Anekdoten in ihre philosophischen Betrachtungen einfließen lassen. Wobei das mit dem Einfließen in diesem Fall eine etwas unappetitliche Wortwahl sein könnte. Denn die englische Fußballvereinsweihnachtsfeier definiert sich als ein Zusammentreffen, bei dem man sich in heiteren Kostümen im Kollegenkreis allen denkbaren Formen des Flüssigkeitsaustausches hingibt.

          Zur Erinnerung hier noch einmal einige historische Highlights dieser britischen Tradition: die brennende Zigarre, die Joey Barton einem Jungkollegen aufs Auge drückte (Manchester City 2004); die Theke, die Hayden Foxe mit der Toilette verwechselte (West Ham 2001); die Ausgabe von „Mein Kampf“, die Dietmar Hamann als Geschenk der Kollegen erhielt (Newcastle 1998); ein von Abwehrchef Vinnie Jones organisierter Zwergenwurfwettbewerb (Wimbledon, frühe 90er); die Tanzeinlage von Jamie Carragher, bei deren Beginn er ein Glöckner-von-Notre-Dame-Kostüm trug, bei deren Ende dagegen, ebenso wie einige beteiligte Damen, nur noch etwas Sprühsahne (Liverpool 1998).

          Der saubere Profi von heute tut so etwas nicht, außer vielleicht, wenn er schon in Altersteilzeit ist wie der frühere Real-Star Guti, der nun beim Bernd-Schuster-Klub Besiktas Istanbul sein Gnadenbrot verzehrt - und der, um es runterzubekommen, „etwas Wein“ benötigt, so dass er nach Verlassen einer Disko seinen Range Rover mit 2,71 Promille gegen einen Bus fuhr. Und das ist auch gut so - nicht das mit Guti und dem Bus, sondern das mit den anderen, den gut erzogenen Fußballern von heute. Denn bei Lichte betrachtet, sollten die nüchternen Fakten des Spiels für den wahren Fußballfan berauschend genug sein.

          Atemraubendes Fernduell der Sittsamen

          Vor allem gilt das atemraubende Fernduell, das sich die beiden besten Spieler der Welt derzeit in Spanien liefern. Lionel Messi (den man nur einmal alkoholisiert erlebte, auf dem offenen Bus durch Barcelona nach dem Gewinn der Champions League 2009) und Cristiano Ronaldo erhöhten am Sonntag ihre Trefferbilanz für die aktuelle Liga-Saison auf je 17. Messi tat es mit zwei Toren beim 5:0 gegen Real Sociedad San Sebastian - es war sein sechster „Doppelpack“ in den letzten acht Ligaspielen.

          Ronaldo gelang es mit einem seiner unglaublichen Freistöße, den er mit der Geschwindigkeit und der ballistischen Kurve einer Trägerrakete über die Mauer ins Netz feuerte. Es war das 2:0 beim 3:1 mit Real Madrid in Saragossa (nachdem Mesut Özil zum 1:0 getroffen hatte). Dazu kommen in der Champions League weitere sechs Tore für Messi und vier für Ronaldo. Wenn man rein rechnerisch mal alle Tore ihrer je zehn Kollegen wegließe; wenn man also mal ausrechnete, wie Messi & Ronaldo jeweils ganz allein gegen die bisherigen Gegner ihrer Klubs abgeschnitten hätten, natürlich völlig hypothetisch: So stünde der FC Messi mit 24 Punkten auf Platz drei der Primera Division (aus der dann natürlich Barca und Real herausgerechnet wären); und Real Ronaldo mit 22 auf Rang sechs.

          Außerdem hätten sich die beiden Ein-Mann-Teams mit 10 beziehungsweise 9 Punkten aus der Vorrunde auch locker fürs Achtelfinale der Champions League qualifiziert. Aber das sind, wir bitten um Entschuldigung, natürlich nur völlig unsachliche Kalkulationen, die mit dem richtigen Fußball nichts zu tun haben. Einer allein gegen alle? Nur kleine Jungen haben solche Phantasien. Oder ältere Männer, einmal im Jahr: wenn sie auf der betrieblichen Weihnachtsfeier einen Glühwein zu viel intus haben.

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