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Eichlers Eurogoals : Tretende Trinker

Wayne Rooney tritt nicht nur gut, er trinkt auch gut - und muss nun einen Wochenlohn dafür bezahlen Bild: dapd

Auch im Fußballjahr 2011 gab es Sachen, die es noch nicht gab. Ein Pokal unter dem Bus. Ein Spieler neben dem Bus. Ein nackter Welt- und Europameister. Und ein torloser Europapokal-Teilnehmer.

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          Das gab’s alles schon mal? Den Spruch kennt jeder, vor allem im Fußball, wo ja angeblich alles schon mal da war, wenn man den Altvorderen glaubt. Dass das natürlich nicht stimmt, hat das letzte Jahr noch an seinem allerletzten Tag demonstriert. Dass der erfolgreichste Trainer der Welt an einem runden Geburtstag den Sprung an die Tabellenspitze durch eine Heimniederlage gegen den Tabellenletzten verpasst, das zum Beispiel gab’s noch nie.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Sir Alex Ferguson war verständlicherweise nicht in Feierlaune an diesem doppelten Festtag, an Silvester, seinem 70. Geburtstag. Den Ärger des vulkanischen Veteranen dürfte vor allem sein Torjäger Wayne Rooney abbekommen, den Ferguson vor der peinlichen 2:3-Pleite von Manchester United gegen Blackburn auf die Tribüne verbannt hatte.

          Sir Alex Ferguson ist rund um seinen 70. Geburtstag nicht allerbester Laune
          Sir Alex Ferguson ist rund um seinen 70. Geburtstag nicht allerbester Laune : Bild: dapd

          Warum? Auch das gab’s noch nie: Dass einer aus der Mannschaft fliegt, weil er mit einer Frau am Abend essen war. Mit seiner eigenen! Jedoch hat der gern mal verhaltensauffällige Boxersohn aus einem der ruppigsten Viertel Liverpools dabei wohl ein wenig zu tief ins Glas geschaut, was der Chef mit seinem feinen Näschen für Spieler am nächsten Morgen beim Training roch. Die Strafe: 300.000 Euro – immerhin ein Wochenlohn für Rooney.

          Alkohol am Ball? Das soll noch bis vor gut zehn Jahren nichts Ungewöhnliches im englischen Fußball gewesen sein. Dafür flog man nicht raus, wurde vielmehr bewundert von den Fans und Kollegen - dafür, dass man trotzdem den Ball traf. Oder wenigstens die Beine des Gegners. Aber auch in dieser Hinsicht ist es nicht mehr weit her mit den alten Gepflogenheiten auf der Insel.

          Neben dem Trinken ist auch das Tackling längst nicht mehr straffrei. Eine gewisse Wehmut nach den guten alten Zeiten tretender Trinker war herauszuhören aus dem vielleicht schönsten Reportersatz des letzten Jahres. Ihn sprach Guy Mowbray in der weltbesten Fußballsendung, „Match of the Day“ der BBC, nach einem krachenden Zweikampf wie aus alten Tagen: „Früher hättest du für solch ein Tackling eine Vertragsverlängerung gekriegt. Heute kriegst du eine Gelbe Karte.“

          Ja, die alten Zeiten! Aber es war auch nicht alles besser. Und ist auch nicht alles schon mal dagewesen. Deshalb nun der, versprochen, wirklich allerletzte Rückblick auf 2011 – nur als Beweis, dass es im Fußball immer noch Dinge gibt, die gibt’s nicht. Oder gab’s jedenfalls nicht.

          138 von 143 Zuspielen kamen an: Xavi im Champions-League-Finale
          138 von 143 Zuspielen kamen an: Xavi im Champions-League-Finale : Bild: REUTERS

          Es sind Dinge, die man nicht erfinden kann. Zum Beispiel kann man den FC Barcelona nicht erfinden. Und die Zahlen, die er produziert. So wie die Passquote von Xavi, der im Champions-League-Finale 2011 gegen Manchester United 138 von 143 Zuspielen an den eigenen Mann brachte. Oder die 13 Titel, die Trainer Pep Guardiola in den drei Spielzeiten seit seiner Ernennung mit Barca gewonnen hat – fünf allein im Jahr 2011: Meisterschaft, Champions League, spanischer Supercup, Uefa-Supercup, Klub-WM.

          Die einzige Trophäe, die Barca 2011 nicht holte und die deshalb Real Madrid gewinnen durfte, die Copa del Rey, landete nicht unbedingt in den richtigen Händen. Sie fiel dem Verteidiger Sergio Ramos bei der Triumphtour durch die Hauptstadt vom Oberdeck des offenen Doppeldeckerbusses. (Immer noch besser als Theo Janssen, der bei der Feier der niederländischen Meisterschaft mit Twente Enschede auf der Suche nach flüssigem Nachschub aus dem fahrenden Bus fiel. Es hielt ihn nicht ab, die Aktion abzuschließen und mit einer Palette Dosenbier zurückzukehren.)

          Glen Johnson machte mit seinem Tor gegen Chelsea nicht nur Liverpool glücklich
          Glen Johnson machte mit seinem Tor gegen Chelsea nicht nur Liverpool glücklich : Bild: picture alliance / dpa

          Und all das gab es auch noch, was es vorher nicht gab.

          Erstens: Einen Wettgewinn mit einer Quote von 683.783 zu 1 – ein Mann aus Malta schaffte es im November, mit seinen Vorhersagen für 19 Spiele englischer und schottischer Profiligen eines Wochenendes richtig zu liegen. In der letzten Partie musste er bis kurz vor Schluss bangen. Dann schoss Glen Johnson für Liverpool den Siegtreffer gegen Chelsea. Drei Minuten später war die Wette gewonnen – als perfekte Antwort auf die Euro-Krise. Seitdem kann niemand mehr behaupten, der Euro sei nichts mehr wert. Der Malteser hatte nur einen Euro eingesetzt, und der war am Ende 683.783 wert.

          Ist doch ganz lecker - und macht auch gar nicht krank, findet der FC Sevilla
          Ist doch ganz lecker - und macht auch gar nicht krank, findet der FC Sevilla : Bild: dpa

          Zweitens gab’s: Ein Erstligateam, das für ein Gemüse warb (der FC Sevilla, der mit dem Satz „Ich liebe die Gurke“ auf dem Trikot das durch die Ehec-Epidemie in Deutschland in falschen Verdacht geratene Kürbisgewächs rehabilitierte).

          Bixente Lizarazu macht nicht nur im Ozean eine gute Figur
          Bixente Lizarazu macht nicht nur im Ozean eine gute Figur : Bild: Quiksilver

          Drittens: Einen Welt- und Europameister, der nackt durch eine Stadt lief (Bixente Lizarazu, der damit eine Wette einlöste, nachdem der FC Evian, den er mit den alten Kollegen Zinédine Zidane und Alain Boghossian in der vierten französischen Liga erworben hatte, in die erste Liga aufgestiegen war).

          Viertens: Einen Spieler, der einen Freistoß schindete, indem er den Arm seines Gegenspielers ergriff und sich damit einen Kinnhaken verpasste (der Chilene Bryan Carrasco in einem Junioren-Länderspiel gegen Ecuador).

          Ein Flitzer, der die Beweglichkeit eines Turners und den Nehmerqualitäten eines Boxers verbindet
          Ein Flitzer, der die Beweglichkeit eines Turners und den Nehmerqualitäten eines Boxers verbindet : Bild: picture-alliance/ dpa

          Und fünftens: einen Flitzer, der die Beweglichkeit eines Turners und den Nehmerqualitäten eines Boxers verband (er stürmte im Mai beim Spiel Liverpool gegen Tottenham splitternackt auf den Platz, machte einen Flickflack und dann den so genannten „Diver“, das aus vollem Lauf eingelegte Rasen-Rutschen auf dem Bauch und, in diesem Fall, auch auf den noch tiefer frei liegenden Körperteilchen).

          Beim Fenerbahce-Spiel gegen Manisaspor durften nur Frauen und Kinder ins Stadion
          Beim Fenerbahce-Spiel gegen Manisaspor durften nur Frauen und Kinder ins Stadion : Bild: dapd

          Ja, Fußball ist nichts für zarte Gemüter und auch nicht immer jugendfrei, deshalb nun sechstens: Ein Männerspiel, das nur Frauen und Kinder sahen (Fenerbahce gegen Manisaspor, das wegen Ausschreitungen in der Partie zuvor nur von Frauen und unter Zwölfjährigen besucht werden durfte).

          Auch das geht: Ohne Tor in den Europapokal - Alanija Wladikawkas machte es vor
          Auch das geht: Ohne Tor in den Europapokal - Alanija Wladikawkas machte es vor : Bild: ddp

          Siebtens etwas aus der Rubrik „Gut, dass man nicht dabei war“: ein Klub, der ohne ein Tor während der regulären Spielzeit, und das während der gesamten Saison in einem Wettbewerb, bis in die Europa League kam – es war der russische Zweitligaklub Alanija Wladikawkas, der drei Runden des russischen Pokals inklusive Verlängerung 0:0 spielte, alle dann im Elfmeterschießen gewann und eine weitere wegen Bankrotts des Gegners überstand. Am Ende schaffte die Nord-Osseten trotz des verlorenen Finals gegen ZSKA Moskau die Qualifikation für Europa, weil ZSKA als Meister in die Champions League kam.

          18 Monate im Amt, 18 Monate auf einem Abstiegsplatz: Avram Grant
          18 Monate im Amt, 18 Monate auf einem Abstiegsplatz: Avram Grant : Bild: picture alliance / dpa

          In diese Kategorie des ökonomischen Minimalismus fällt auch die nächste Erwähnung, achtens: ein Trainer, der 18 Monate in der Premier League nicht entlassen wurde, obwohl er in diesen 18 Monaten jeden einzelnen Tag auf einem Abstiegsplatz stand (Avram Grant, erst bei Portsmouth, dann bei West Ham tätig und mit beiden abgestiegen).

          Bulat Tschagajew (links) hat ganz eigene Motivationstechniken mitgebracht
          Bulat Tschagajew (links) hat ganz eigene Motivationstechniken mitgebracht : Bild: REUTERS

          Und neuntens: Einen Geldgeber, der einen Schweizer Erstligaklub kauft, fast alle Angestellten entlässt, die Sponsoren davonjagt, das Vereinswappen mit Motiven aus seiner Heimat anreichert und dann als Präsidenten einen Vasallen einsetzt, der zuvor als Asylant in der Schweiz abgelehnt worden war. Dieser interessante Fußball-Innovator heißt Bulat Tschagajew und hat ganz eigene Motivationstechniken aus seiner tschetschenischen Heimat in die zivilisierte Schweiz mitgebracht. Bei der Pokalniederlage gegen Sion stürmte er in der Pause in die Kabine und drohte den Spielern, sie zu töten. Noch leben sie. Aber man braucht ja auch noch ein paar Steigerungsmöglichkeiten für 2012.

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