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Eichlers Eurogoals : Tage der Tränen

Böse Begleiterscheinung beim Fußball in Brasilien: prügelnde Zuschauer auf der Tribüne Bild: REUTERS

Aus aktuellem Anlass widmen sich Eichlers Eurogoals an diesem Montag brasilianischen Toren. Während Ronaldinho und Seedorf vor Freude weinen, machen Jagdszenen aus Santa Catarina Angst vor der WM.

          3 Min.

          Tage der Tränen in Brasilien. Nein, wir meinen jetzt nicht die WM-Auslosung am Freitag, diese zum Show-Ereignis aufgebauschte Ziehung der Lottozahlen. Cristiano Ronaldo, der, wenn man die Berichte so verfolgt, der deutschen Mannschaft am 16. Juni in Salvador ganz allein entgegentreten wird (oder spielen eventuell doch weitere zehn Portugiesen mit?) -  Cristiano Ronaldo also erzählte am Wochenende bei einer Pressekonferenz, wie sehr er dem Ergebnis der Auslosung entgegengefiebert und wie atemlos er das Aufschrauben der Kugeln verfolgt hatte: „Ich habe geschlafen“.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nein, die Tage der Tränen hat Brasilien nicht am Freitag, sondern erst am Samstag und Sonntag inszeniert. Es war der 38. und letzte Spieltag der brasilianischen Saison. Und obwohl den Titel schon lange Cruzeiro sicher hatte, war da einiges los, Hübsches und Hässliches.

          Zuerst mal ein paar Freudentränen. Zum Beispiel bei den Fans in Belo Horizonte: Ronaldinho ist wieder da, und wie! Nach zweieinhalbmonatiger Verletzungspause gab der einst hasenzähnige, inzwischen mit makellosem Porzellan lächelnde Lustfußballer sein Comeback für Atletico Mineiro. Er tat das mit einem schicken Freistoß zum 1:2 und einem Elfmeter zum 2:2, dem Endstand gegen Vitoria.

          Ronaldinho: wieder am Ball, aber wohl nicht mehr im Nationalteam

          Nationaltrainer Luis Felipe Scolari soll aber kein Fan des lauffaulen Stars mehr sein, mit dem er 2002 Weltmeister wurde. Deshalb wird Ronaldinho seine letzte WM wohl nicht 2014 in Brasilien erleben, sondern nächste Woche in Marokko – die Klub-WM, deren Finale vermutlich Ronaldinho gegen FC Bayern heißen wird. Wer wird da wohl weinen?

          Clarence Seedorf weinte, auch hier waren es Freudentränen. Der 37-jährige Niederländer, der als einziger Spieler mit drei verschiedenen Klubs (Ajax Amsterdam, Real Madrid, AC Mailand) die Champions League gewann, hat in seiner 21. Profisaison ein spätes Glück in Brasilien gefunden. Das 3:0 gegen Criciuma bedeutete für den Traditionsklub Botafogo den vierten Platz in der Abschlusstabelle des „Campeonato Brasileiro“ vor Vitoria (von Ronaldinho gebremst) – und damit die große Chance, erstmals seit 1996 in der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zur Champions League, starten zu dürfen.

          Clarence Seedorf, r., neben Cafu und Hernane: Nur noch im Showprogramm wirklich gefragt

          Allerdings steht Seedorf und seinen Teamkollegen noch eine Zitterpartie bevor, die sie nur als TV-Zuschauer erleben können. Sollte nämlich Ponte Preta das Finale der Copa Sudamericana (des Pendants zur Europa League) nach dem 1:1 im Hinspiel gegen CA Lanus noch gewinnen, im Rückspiel in Buenos Aires am Mittwoch, dann müsste Botafogo dem Ligarivalen den vierten Startplatz in der Copa Libertadores überlassen. Wetten, dass auch dann wieder Tränen flössen? Wenn auch nur vor dem Fernseher.

          Im Fernsehen deutlich zu sehen war die Bitterkeit der Tränen von Fred, dem Mittelstürmer der „Selecao“ beim Gewinn des Confederations Cup im Sommer. Vor einem Jahr war er mit Fluminense noch Meister geworden. Nun musste er, seit über drei Monaten verletzt, auf der Tribüne mitansehen, wie sein Team trotz eines 2:1-Sieges in Bahia einen in der brasilianischen Fußballgeschichte einmaligen Absturz erlebte: ein Jahr nach dem Meistertitel abzusteigen. Auch im deutschen Fußball ist das nur einem Klub gelungen: dem 1. FC Nürnberg unter Trainer Max Merkel, Meister 1968, Absteiger 1969.

          Sie nennen sich Fans: Gewaltszenen zwischen Anhängern von Atletico Paranaense und Vasco da Gama

          Die schlimmsten Tränen aber gab es beim Spiel Atletico Paranaense und Vasco da Gama – vor Millionen von Zuschauern, denn die Partie wurde im Free-TV live übertragen. Die Kameras zeigten weniger Fußball als Kampfsport. Die Partie musste nach 17 Spielminuten für mehr als eine Stunde unterbrochen werden, weil Atletico-Anhänger in den gegnerischen Fanblock gestürmt waren. Dort lieferten sich Hunderte Schläger aus beiden Lagern eine brutale Schlacht, in der auf wehrlos am Boden Liegende weiter eingetreten wurde.

          Stadionsicherheit ist Privatsache

          Wegen vormaliger Randale der Anhänger hatte Atletico die Partie nicht im eigenen Stadion im WM-Ort Curitiba austragen können, sondern ins benachbarte Bundesland Santa Catarina ausweichen müssen. Dort ist die Stadionsicherheit Sache privater Wachdienste, die damit überfordert waren. Die Polizei erschien erst spät, dann aber brachial, mit Gummigeschossen und Tränengas. Ein Armeehelikopter landete am Mittelkreis, um einen von mindestens drei ins Koma geprügelten Schwerverletzten auszufliegen.

          Mehrere entsetzte Spieler konnten ihre Tränen vor den Kameras nicht zurückhalten. „Das ist ein Desaster für den brasilianischen Fußball im Jahr der Weltmeisterschaft“, sagte Vasco-Mittelfeldspieler Wendel. „Dem Jahr, in dem die ganze Welt nach Brasilien schaut“.

          Gummigeschosse auf der Tribüne: Heftige Ausschreitungen waren vorausgegangen

          Nach siebzigminütiger Unterbrechung wurde das Spiel fortgesetzt, mit einem Ring von Polizisten ums Spielfeld. Atletico Paranaense gewann 5:1 und erreichte die Copa Libertadores. Vasco da Gama stieg ab. Und immer noch weiß man nie, ob man über Brasiliens Fußball nun lachen oder weinen soll. Tränen vergießen kann man in beiden Fällen.

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