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Eichlers Eurogoals : Schlechte Führung

Bestuhlung aufgehoben: Spielabbruch zwischen Besiktas und Galatasaray Bild: REUTERS

Ausgerechnet Rayo Vallecano beendet Barcas erstaunliche Serie. In Istanbul fliegen Stühle. In Sunderland fliegt Trainer di Canio. Und in Manchester fällt United auseinander. Umbruch-Stimmung bei Eichlers Eurogoals.

          4 Min.

          Eine Ära ist am Samstag zu Ende gegangen. Sie begann am 7. Mai 2008, als der FC Barcelona, in seinem drittletzten Spiel unter Frank Rijkaard, 1:4 bei Real Madrid verlor, das von einem gewissen Bernd Schuster trainiert wurde. Es war das letzte Spiel, in dem eine gegnerische Mannschaft mehr Ballbesitz hatte als der FC Barcelona. 1962 Tage, 316 Partien,  228 Siege, 58 Unentschieden, 30 Niederlagen, 822 zu 262 Tore, und immer, immer hatte Barca mehr vom Ball als der Gegner, fünfeinhalb Jahre lang.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Diese vielleicht erstaunlichste Serie des modernen Fußballs, die dem Klub aus Katalonien unter dem Trainer Pep Guardiola den Ruf einbrachte, das beste Team der Welt zu haben und vielleicht das beste der Fußballgeschichte, ist nun an einem ganz normalen Samstag beendet worden. Und das nicht etwa vom Rivalen Real oder einem anderen Großen des europäischen Fußballs. Sondern von einem Kellerkind der spanischen Liga, von Rayo Vallecano.

          Der graue Vorortklub aus Madrid kam im statistischen Vergleich mit der glitzernden Passmaschine aus Barcelona auf 344 zu 263 Pässe, auf eine Quote erfolgreicher Anspiele von 79 zu 75 Prozent und, unfassbar, auf einen Ballbesitz von 55 zu 45 Prozent. Ja, er schaffte es sogar, dass Lionel Messi kein Tor schoss, zum ersten Mal in dieser Spielzeit. Nur in einer anderen beliebten Statistikabteilung lag Barca am Ende der Partie erkennbar vorn: bei den Toren.

          Am Ende wie immer: Messi am Ball, der Gegner am Boden
          Am Ende wie immer: Messi am Ball, der Gegner am Boden : Bild: AP

          Der Favorit gewann 4:0. Fünf Spiele, fünf Siege, 18:4 Tore, Tabellenführer. Und so war es vielleicht gar nicht schlecht für Barca, mal wegzukommen von der ewigen Serie der Dominanz, vom alten, lähmenden Dogma, immer Gegner und Ball beherrschen zu müssen. Zu viel Besitz kann den Raum fürs Wesentliche nehmen, fürs Lebendigsein, fürs Beweglichbleiben. Das ist nicht am Ball so, dort aber auch. Und so war es vielleicht nicht nur das Ende einer Ära, nämlich das des Guardiola-Fußballs in Barcelona; sondern auch der Anfang einer neuen.

          Drei Torvorlagen von Özil

          Noch eine interessante Statistik: Torvorlagen. 79 davon hat Mesut Özil in drei Jahren für Real Madrid seinen Kollegen spendiert, die ihm deshalb ein bis zwei Tränen nachweinten, als er gehen musste, um die 100 Millionen Euro für Gareth Bale halb zu refinanzieren. Vor einer Woche debütierte er beim FC Arsenal mit einem brillanten Assist für Olivier Giroud. Am Sonntag, beim 3:1 gegen Stoke City, steigerte er sich auf drei Torvorlagen. Den Treffern von Aaron Ramsey, Per Mertesacker und Bacary Sagna gingen jeweils Eckbälle oder Freistöße des neuen Spielmachers voraus.

          Damit steht Arsenal an der Tabellenspitze, und Özil setzte sich nach nur zwei Einsätzen an die Spitze der Assist-Liste der Premier League – vor allen anderen, die schon fünf Spiele machen konnten. Sogar Englisch parliert er inzwischen „ausgezeichnet“, wie der Klub findet und mit einem ersten zweiminütigen Interview auf seiner Website zu belegen versucht. Brav lobt er dort den großen Verein und frühere Stars wie Thierry Henry und Dennis Bergkamp und verspricht, man könne Meister werden. Nur an der Aussprache muss der Junge aus Gelsenkirchen-Bismarck noch ein wenig arbeiten, vor allem wenn er „important“ auf der ersten Silbe so betont und die letzte so verschluckt, dass es sich wie „impotent“ anhört. Das klingt nicht so gut, wenn man Kollegen loben will.

          „Very important“: Gute Flanken, schlechte Betonung
          „Very important“: Gute Flanken, schlechte Betonung : Bild: dpa

          Noch eine hübsche Statistik – sie stammt vom schärfsten Verfolger und Lokalrivalen von Arsenal. Tottenham kam am Sonntag in 90 Minuten in Cardiff auf 28 Torschüsse, von denen elf aufs Tor flogen – aber keiner hinein. Erst der 29. und schwierigste brachte in der Nachspielzeit den 1:0-Sieg: klug eingeleitet von Lewis Holtby, auch er ein früherer Gelsenkirchener, vollendet vom Brasilianer Paulinho auf allerbrasilianischste Weise, mit der Hacke nämlich. (Hacke in der Nachspielzeit, das kann natürlich auch Cristiano Ronaldo, er zeigte es am selben Tag gegen Getafe, da war es aber nur noch eine hübsche Zugabe, das 4:1 für Real).

          Paulo di Canios Schulordnung ausgesetzt

          Unterdessen gab es am Tabellenende der Premier League den ersten Trainerrausschmiss der Saison. Er traf eine besonders illustre Gestalt. Paulo di Canio hatte sich schon als Spieler einen nicht immer guten Namen gemacht, etwa als er rechtsradikalen Ultras von Lazio im römischen Derby einst den ausgestreckten Arm zum faschistischen Gruß entgegenhielt. Als Trainer rettete er Sunderland in der vergangenen Saison knapp vor dem Abstieg und hatte für die neue Spielzeit Großes vor – „eine vollständige Revolution“ kündigte er an. Wenigstens war es keine faschistische.

          Die Regeln dieser Revolution klangen eher nach dem Aushang in der Aula einer Grundschule für schwer Erziehbare als nach der Vision eines modernen Profiklubs oder gar nach einem politischen Manifest. Di Canio verbot den Spielern das Singen in der Kabine vor dem Spiel (wegen der Konzentration), das Verwenden von Ketchup und Mayonnaise (wegen der Fettleibigkeit) und den Genuss von Getränken mit Eiswürfeln (wegen der Verdauung). „Und wenn jemand mit einem Mobiltelefon auf das Trainingsgelände kommt, und sei es in der Sporttasche“, kündigte er an, „dann schmeiße ich es in die Nordsee“.

          Entlassen wegen schlechter Führung: Paolo Di Canio
          Entlassen wegen schlechter Führung: Paolo Di Canio : Bild: AFP

          Nun man hat man ihn selber rausgeschmissen, weil er trotz der Verpflichtung von 14 neuen Spielern, darunter der italienische Nationalspieler Emmanuele Giaccherini von Meister Juventus Turin, nur einen Punkt aus fünf Spielen holte. Das 0:3 bei West Ham United war der Schlusspfiff für den Trainer. Der Mann, der auf dem Arm die taktvolle Tätowierung „DUX“ (Führer) trägt – entlassen wegen schlechter Führung. 

          Am Sonntag war übrigens wieder Derby in Rom, es blieb diesmal friedlich und frei von tumben Gesten auf dem Platz. Di Canios alter Klub Lazio verlor 0:2 gegen die Roma, die damit die Führung der Serie A vom SSC Neapel übernahm (obwohl Neapel 2:1 beim AC Mailand gewann und Torwart Pepe Reinna einen Elfmeter von Mario Balotelli hielt).

          In Istanbul brannte die Luft

          Dagegen brannte beim Derby in Istanbul mal wieder die Luft. Nach der Führung für Tabellenführer Besiktas durch den früheren Bremer Hugo Almeida wendete das alte Schlachtross Didier Drogba die Partie mit zwei Treffern zum 2:1 für Galatasaray. Nach einer Roten Karte gegen Drogbas Mitspieler Felipe Melo in der Nachspielzeit stürmten Zuschauer den Platz, andere warfen mit Stühlen, und nach einer halben Stunde vergeblicher Ordnungsversuche wurde das Spiel abgebrochen.

          Spielabbruch nach Platzsturm: Besiktas-Fans mir Wurfgeschossen gegen Galatasaray
          Spielabbruch nach Platzsturm: Besiktas-Fans mir Wurfgeschossen gegen Galatasaray : Bild: REUTERS

          Das Derby in Manchester wiederum verlief ohne größere Störfälle, sieht man von der Abwehr von Meister United ab, die schon nach 50 Minuten vier Treffer durch den Lokalrivalen kassiert hatte. Am Ende des ersten Derbys der Post-Ferguson-Ära stand eine 4:1-Demütigung für die überforderte Ex-Truppe von Sir Alex. Auch hier ist eine Ära vorbei – eine neue aber noch nicht in Sicht.

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