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Eichlers Eurogoals : Nicht einmal die Tränen sind echt

Doch nur ein Mensch? José Mourinho kann Gefühle zeigen Bild: dapd

Die Winterpause ist zu Ende, auch unser Kolumnist hat seine Stollenschuhe wieder angezogen. Und festgestellt: Nirgendwo werden so viele falsche Versprechen gegeben wie vor Fußball-Mikrofonen. Eichlers Eurogoals - der unbestechliche Blick über Europas Fußballfelder.

          Die tröstliche Nachricht der Woche: José Mourinho ist auch nur ein Mensch. Er hat nicht nur ein scharfes Hirn, auch ein weiches Herz. Man sah das, als in Zürich Wesley Sneijder bei seiner Präsentation als einer der Spieler der „Weltelf des Jahres“ das Mikrofon nahm und seinem früheren Chef mit bewegten Worten dankte: „Für mich ist er der beste Trainer der Welt.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Als Sneijder das sagte, schaltete die Bildregie reaktionsschnell in Naheinstellung auf Mourinhos Gesicht. Darin kämpften die Gesichtsmuskeln heftig gegen die Wogen der Rührung, die sich dann aber doch als feuchter Schimmer in den weit aufgerissenen Augen sichtbar machte.

          Das war großes Kino, ehe es dann zurück ging in die Niederungen der Arbeitswoche - ohne Happy-End. Weil Cristiano Ronaldo in der Nachspielzeit mit einem krachenden Freistoß nur die Latte traf, kam Real Madrid nur zu einem 1:1 in Almeria, was Mourinhos Team im Duell mit Barcelona (4:1 gegen Malaga) weiter zurückwarf.

          Blick zurück voller Unglaube: Cristiano Ronaldo hat nur die Latte getroffen

          Real kämpft gegen die eigene Vergangenheit

          48 Punkte aus 19 Spielen wären immer noch eine feine Vorrundenbilanz, nur nicht für Real; nicht für einen Klub, der zwei Gegner hat, wie es sie im Weltfußball nicht noch einmal gibt: erstens die Gegenwart von Barca (52 Punkte, Tordifferenz 50), zweitens die Vergangenheit von Real (31-mal Champion in Spanien, neunmal in Europa). Wegen dieser Vergangenheit lässt sich dort kein Fan und kein Funktionär auf die Zukunft vertrösten. Man muss immer der Beste sein, und zwar jetzt. Rechnet man Mourinhos Halbzeit-Ausbeute auf die zweite Saisonhälfte hoch, kommt man am Ende auf 96 Punkte, was ebenfalls wie eine stattliche Bilanz klingt. Aber eben die Bilanz eines Verlierers. Mit 96 Punkten wurde Mourinhos Vorgänger Manuel Pellegrini entlassen. Denn Barcelona hatte 99.

          Wer als Trainer etwas mehr Unabhängigkeit vom Ergebnisdenken möchte, dem sei nicht die Spitze der Primera Division, sondern der Keller der Premier League empfohlen. Dort hat es Avram Grant geschafft, das komplette Jahr 2010 auf einem Abstiegsplatz zu verbringen, fast die ganze Zeit sogar auf dem letzten Platz, ohne entlassen zu werden: bis Jahresmitte in Portsmouth, seitdem bei West Ham United. Nun erst, nach dem 0:3 gegen Arsenal, heißt es in England, die Tage des Israelis, der einst mit Chelsea nur einen Elfmeter vor dem Champions-League-Sieg stand, seien endgültig gezählt. Aber was heißt das schon? Auch im Fußball halten die Kosten einer Scheidung manch gescheiterte Ehe länger zusammen als gedacht.

          Schlägereien, Sauftouren, ein Bündel Roter Karten

          Ebenfalls aus der Premier League hat sich nun ein alter Bekannter zu Wort gemeldet: Joey Barton. Zur Erinnerung: Es handelt sich um einen der letzten Vertreter der guten alten Proletarierschule des englischen Fußballs, der in seiner bisherigen Karriere vor allem durch Schlägereien, Sauftouren, ein Bündel Roter Karten, eine Gefängnisstrafe und einen wegen Mordes verurteilten Bruder aufgefallen war.

          Außerdem dadurch, dass er einem jüngeren Kollegen bei einer Weihnachtsfeier eine brennende Zigarre aufs Auge drückte. Inzwischen spielt Barton mal wieder Fußball, und das gar nicht schlecht. Er gilt als einer der Gründe, warum der Aufsteiger Newcastle United ganz kommod im Mittelfeld der Premier League mitmischt. Bartons Selbstbewusstsein jedenfalls scheint von früheren Rückschlägen nicht angekratzt. Der Mittelfeldspieler sagte nun: „Ich glaube, niemand in diesem Land spielt besser als ich. Das ist nicht großkotzig, das ist eine ehrliche Antwort.“

          Am Dienstag glücklich, am Freitag gewechselt

          Wobei man sich mit ehrlichen Antworten in Englands Fußball auskennt, etwa mit der des Trainers Eddie Howe, der Anfang letzter Woche noch beim Drittligisten AFC Bournemouth tätig war und Gerüchte über einen Wechsel (zu Crystal Palace) dementierte: „Ich werde nicht lügen, ich stand kurz davor zu gehen. Es war eine schwere Entscheidung, aber es wäre sehr schwierig, diese Spieler und die fantastischen Fans zu verlassen. Ich bin glücklich zu bleiben. Es ist eine Freude, hier zu sein.“ Das war am Dienstag. Am Freitag wechselte Howe zum Zweitligaklub Burnley.

          Wen so etwas noch überrascht, der ist zu beneiden - um den kostbaren Rest jenes unschuldigen Vertrauens, das im Laufe eines Lebens dazu neigt, wie das Haupthaar spärlicher und brüchiger zu werden. Die bittere Wahrheit lautet: Nirgendwo, nicht einmal vor Trau-Altaren und Wahlkampf-Pulten, werden so viele falsche Versprechen gegeben wie vor Fußball-Mikrofonen. Nicht einmal Tränen sind immer echt. Das Tröstliche bleibt: Im Fußball gibt es immer noch einen Ort der Wahrheit. Mag sie auch mit dem aktuellen Tabellenstand oder dem letzten Vertragsangebot stehen und fallen - doch da liegt sie immer wieder, jedes Wochenende, seit Sepp Herberger: auf dem Platz.

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