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Eichlers Eurogoals : Louis van Gaal ist alles - nur kein Plagiat

Feierbiest: Louis van Gaal räumte in seiner ersten Saison beim FC Bayern mächtig ab Bild: dpa

Er ist ein Original, wie man es auch in Bayern nicht alle Tage findet. Freigeist und Feierbiest Louis van Gaal hat vor allem sprachlich im deutschen Fußball Spuren hinterlassen. Daher wird er zum Trost gleich drei Titel aus Deutschland mitnehmen.

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          Auch wenn es vielleicht noch etwas verfrüht ist für diese Feststellung: Wir werden ihn wohl vermissen. Nein, jetzt nicht den Freiherrn aus Franken. Sondern den Freigeist aus Holland. Den zehn Vornamen des Ex-Verteidigungsministers hat der baldige Ex-Bayerntrainer die schönen Taufnamen Aloysius Paulus Maria entgegenzusetzen; und dem alten frankischen Adel derer zu Guttenberg den von der Königin verliehenen Titel Ritter von Oranien-Nassau.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nein, man kann gegen Louis van Gaal sagen, was man viel, nur eines nicht: dass er ein Plagiat sei. Im Gegenteil, er war ein Original, wie man es auch in Bayern nicht alle Tage findet. Vor allem sprachlich wird van Gaal im deutschen Fußball Spuren hinterlassen - so wie der Vorgänger Trapattoni das einst in einem dreiminütigen Wut-Monolog mit den Sätzen „Ein Trainer ist keine Idiot“, „Was erlaube Strunz“ und dem epochalen „Ich habe fertig“ tat.

          Van Gaals Einfluss auf den Wortschatz des Fußballs entfaltete sich anders als bei „Trap“ nicht in einem einzigen Vortrag, sondern über die Dauer von zwanzig Monaten. In dieser Zeit hat er sich die deutsche Sprache angeeignet und ihr dabei einige Wörter geschenkt, die sich meist in direkter Übersetzung aus der eigenen Muttersprache ableiteten. Etwa das Feierbiest. Oder die Kleiderkammer. Oder sein häufiger Vorwurf an den Gegner, „verteidigend gespielt“ zu haben. Dazu das Lob ans eigene Team, „gut zu streiten“.

          Da war die bayrisch-niederländische Welt noch in Ordnung: van Gaal beim Dienstantritt 2009

          „Wir haben nicht viel geduselt“

          Sehr süffig klang auch das Kompliment an einen nimmermüden Stürmer, das nur auf den ersten Blick etwas mit dessen Paarungsverhalten zu tun hatte: „Ivica Olic ist immer scharf.“ Von bleibendem Wert ist natürlich die Metapher: Tod oder Gladiolen. Und ebenso dankbar darf man sein für den Einblick in den reichen Schatz niederländischer Sprichwörter, die van Gaal bei seinen Erörterungen ins Deutsche überführte. Zum Beispiel: „Das ist so wahr wie eine Kuh.“

          Etwas ganz Eigenes sagte van Gaal schon nach dem famosen 4:1-Sieg im Dezember 2009 in Turin, mit dem er die erste Entlassungsgefahr seiner Bayern-Zeit noch überstand: „Jeder hat heute gesehen, dass Bayern München gut fußballen kann.“ Fußballen, das ist im Deutschen ja für gewöhnlich ein Wort aus dem Vokabular von Orthopäden und Fußpflegern - als Hauptwort für ein Muskelpolster an der Fußinnenseite. Dabei wäre es als Verb für das, was der Fußballer so tut, nützlicher.

          Denn leider kommt man im Deutschen für diese beliebte Tätigkeit nicht mit einem Tätigkeitswort allein aus, man muss immer ein Hauptwort dazunehmen und sperrig „Fußball spielen“ sagen. So wie wir ja auch immer kompliziert „Er hat ein Tor geschossen“ formulieren müssen, wo der Engländer einfach ruft: „He scored!“ Auch den sprichwörtlichen Bayern-Dusel (den er natürlich dementierte) verknappte van Gaal mundgerecht. Statt „Dusel haben“ hieß es bei ihm: „Wir haben nicht viel geduselt.“ Natürlich hat sich weder das Fußballen noch das Duseln durchgesetzt. Schade drum.

          Langlebige Karrieren der alten Ajax-Stars

          Beim „Voetballen“ blieb van Gaal stilistisch übrigens immer dem großen Vorbild seines größten Erfolges verhaftet, dem Team von Ajax Amsterdam, mit dem er 1995 die Champions League gewonnen hat. Die Qualität dieser spielerisch überragenden Mannschaft der 90er Jahre belegt auch die Langlebigkeit der Karrieren ihrer Spieler. Edwin van der Sar steht mit vierzig Jahren noch im Tor von Manchester United, das am Sonntag trotz einer 1:3-Niederlage in Liverpool (durch drei Treffer des Holländers Dirk Kuyt) Tabellenführer der englischen Premier League blieb.

          Clarence Seedorf, bald 35, gewann am Samstag mit dem AC Mailand 1:0 bei Juventus Turin und vergrößerte die Führung in der italienischen Serie A vor dem SSC Neapel (0:0 gegen Brescia). Nwanko Kanu, bald 35, spielte für Nigeria noch bei der WM 2010. Edgar Davids, nächste Woche 38, jagte noch bis vergangenen November beim Londoner Zweitligaklub Crystal Palace die Gegenspieler.

          Litmanen debütierte als die Berliner Mauer noch stand

          Und der Spielmacher Jari Litmanen, der vor zwei Wochen seinen 40. Geburtstag feierte, bestritt im November sein 137. Länderspiel, ein 8:0 gegen San Marino, bei dem er sein 31. Tor für Finnland erzielte. Seine Karriere im Nationalteam erstreckte sich damit über mehr als 21 Jahre. Sein Debüt hatte er im Oktober 1989 gegeben - als die Berliner Mauer noch stand.

          Er hat zwar, weil in die falsche Fußballnation geboren, nie eine Welt- oder Europameisterschaft bestreiten können. Aber mit seiner Langlebigkeit löste er den vorherigen Rekordhalter Lothar Matthäus ab (20 Jahre Nationalmannschaft). Sollte ihm wenigstens noch ein Abschiedsspiel im Nationaltrikot vergönnt sein, so wäre Jari Litmanen der erste Spieler der Fußballgeschichte, der in vier verschiedenen Jahrzehnten Länderspiele bestritten hat.

          „Mit ihm gingen ständig die Pferde durch“

          Für den Wortspieler van Gaal war der Fußballspieler Litmanen ein „goldener Griff“. Dass er den Finnen auf die Zehner-Position stellte und Frank Rijkaard einen Schritt zurücknahm, nennt er in seiner Autobiographie das „Ei des Kolumbus“ auf dem Weg zum großen Ajax-Triumph. Eine Sache allein störte ihn an Litmanen: „Dumm nur, dass er zu viel lief. Mit ihm gingen ständig die Pferde durch. Dann schickte ich ihn einfach mal in den Urlaub.“ So wie der allzu bissige Davids bei ihm „regelmäßig Trainingseinheiten zum Abreagieren bekam. Dort konnte er seine Aggressionen lassen, und danach war wieder eitel Sonnenschein.“

          Wie es aussieht, konnte van Gaal mit Profis wohl immer gut umgehen, dank seiner klaren Sprache. Mit Präsidenten weniger. Sollte seine Zeit beim FC Bayern, wie erwartet, nun bald vorbei sein, nimmt er zum Trost gleich drei Titel aus Deutschland mit. Neben Meisterschaft und Pokal auch den als „Sprachwahrer des Jahres“. Er bekam ihn 2009 - zusammen mit einem anderen, der sich durch kreativen Umgang mit der deutschen Sprache nachhaltig ausgezeichnet hat. Er hieß Karl-Theodor zu Guttenberg.

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