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Eichlers Eurogoals : Gosse, Knast oder Tod

Paul Gascoigne 2003: Als Ex-Alki in China im Einsatz
Paul Gascoigne 2003: Als Ex-Alki in China im Einsatz : Bild: AFP

Es war wie ein Notruf, als Gascoigne damals in einem großen Interview von all seinen Abgründen sprach, von der zerrütteten Ehe, der Einsamkeit, den Obsessionen: zum Beispiel der, regelmäßig zurückzumüssen aufs Zimmer, nachschauen, ob Lichter gelöscht, Türen geschlossen, Handtücher gefaltet sind. Oder die Ess-Exzesse: Zeitweise schlang er sich morgens eine ganze Packung Cornflakes mit Milch und Zucker hinein, ehe sie der Magen wieder hinauswürgte; dann Tee, Toast, Training. Und immer wieder der Alkohol.

In Deutschland wurde immer nur getuschelt

So offen wie die Engländer Gascoigne und Adams hat bis vor kurzem kein früherer deutscher Nationalspieler über den Suff gesprochen, es wurde immer nur getuschelt. Horst Szymaniak zum Beispiel, hieß es, schloss sich bei der WM 1958 in die Toilette ein, um heimlich Steinhäger-Fläschchen zu kippen – das Leergut warf er aus dem Fenster. Helmut Rahn, der WM-Held von 1954, landete zweimal wegen Trunkenheit am Steuer im Gefängnis. Als er einmal auf seinen Trainer Rudi Gutendorf in dessen Haus wartete, soff er, um den Pegel zu halten, zu Gutendorfs Entsetzen dessen feinste Tropfen aus dem Weinkeller weg: Domtaler Eiswein 1949 und Trockenbeerenauslese Bernkastler Doktor.

Auch viele Trainer kompensieren den Druck ihrer Profession mit Promille, allen voran Branko Zebec, der 1980 nach einem volltrunkenen Auftritt beim Auswärtsspiel des HSV in Dortmund entlassen wurde. Der angesäuselte Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder, der in einem Bundesligaspiel 1975 nach 36 Minuten die erste Halbzeit abpfiff, verteidigte sich später für seine Getränkewahl: „Wir sind Männer und trinken keine Fanta.“ Und auf deutschen Fußballer-Brüsten wird seit jeher für Promillehaltiges geworben, von der ersten Trikotwerbung der Bundesliga, Eintracht Braunschweig mit Jägermeister, bis zum aktuellen Krombacher-Hemd von Eintracht Frankfurt. In den europäischen Wettbewerben ist das schon seit langem verboten, so dass Borussia Mönchengladbach 1996 Phantasie zeigen musste: Aus der Diebels-Reklame auf der Brust wurde im Uefa-Cup kurzerhand Diebels alkoholfrei.

„Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“

Der verlogenen Alkohol-Folklore des Fußballs hat vor kurzem der frühere Nationalspieler Uli Borowka deutliche Worte entgegengesetzt. In der Autobiographie „Volle Pulle“ schildert er sein „Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“. Etwa im März 1996: „Jetzt sitze ich hier auf einer dreckigen Matratze in meiner leeren Villa. Voll bin nur ich – und das nicht zu knapp. Habe einen Kasten Bier und vier Flaschen Wein gesoffen. Oder waren es fünf? Scheißegal!“ Borowkas Frau war, nachdem er sie im Rausch mit dem Kopf an die Wand geschlagen hatte, mit den Kindern ausgezogen, bis heute gibt es keinen Kontakt. Dass sein Sohn inzwischen geheiratet hat, erfuhr Borowka bei Facebook.

WM-Experte 2002: Hotelgetränkerechnung von 9869,62 Pfund, plus 281 aus der Minibar
WM-Experte 2002: Hotelgetränkerechnung von 9869,62 Pfund, plus 281 aus der Minibar : Bild: dpa

Die Karriere bei Werder Bremen endete mit einem Rausschmiss wegen des Alkohols. 2000 rief er in Geldnot seinen Freund Christian Hochstätter bei seinem alten Klub in Mönchengladbach an. Die Borussen besorgten ihm kein Geld – aber einen Platz in einer Suchtklinik. Nach vier Monaten war er trocken, weiß aber: „Ich bin bis an mein Lebensende gefährdet.“ Die Engländer seien den Deutschen beim offenen Umgang mit dem Alkoholproblem „um Lichtjahre voraus“, findet Borowka.

Für Gascoigne kam der Bewusstseinswandel auf der Insel aber wohl zu spät. Der frühere Kollege Gary Lineker, der 1990 im Halbfinale gegen Deutschland dem Trainer Bobby Robson mit einer berühmt gewordenen Geste bedeutete, Gascoigne auszuwechseln, weil der kurz vorm Durchdrehen stand, schrieb: „Ich kann nur hoffen, dass er irgendwie seinen Frieden findet. Aber ich fürchte, dass diese Hoffnung vergeblich ist.“

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