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Eichlers Eurogoals : Fußball hält lebendig

Toller Enkel Stephen Ireland: zwei Großmütter tot gesagt Bild: picture-alliance/ dpa

David Beckham spielt an gegen das Vergessen. Silvio Berlusconi tilgt Lebensjahre aus seinem Gesicht. Und Stephen Ireland und Torsten Legat liefern Interpretationen des Evergreens: „Totgesagte leben länger“. Eurogoals, die internationale Fußball-Kolumne.

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          Der Schriftsteller Ludwig Marcuse war weitsichtig genug, rechtzeitig seinen eigenen Nachruf zu schreiben - er veröffentlichte ihn schon zwei Jahre vor seinem Tod. Der amerikanische Politiker Edward Kennedy hat nun ebenfalls seinen eigenen Nachruf überlebt, zumindest den, der in der letzten Woche plötzlich in seinem Eintrag bei „Wikipedia“ aufgetaucht war. Auch sein Kollege Robert Byrd war dort traurigerweise verschieden - auch er aber ansonsten glücklicherweise sehr lebendig. All das passt zum Motto des dichterisch bekannten Landsmannes Mark Twain: „Die Meldungen über meinen Tod sind maßlos übertrieben“.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Was das mit Fußball zu tun hat? Nun, im Fußball kennt man Sätze wie: „Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu“. Doch auch und gerade in diesem Spiel gilt: Das größte Glück ist es, seinen eigenen Exitus zu überleben. Und zum Beispiel den Duft der Blumen riechen zu können, die für die eigene Beerdigung zugestellt werden. So wie einst der Vater des früheren Frankfurter Profis Torsten Legat - der hatte sich für eine schwache Leistung mit der Trauer über den Tod des Vaters entschuldigt, worauf der Klub der Familie einen Beileidskranz zustellte. Legat senior konnte ihn glücklicherweise persönlich und putzmunter entgegennehmen.

          Fußballer wissen: Was sind schon Verträge?

          Gleich eine doppelt wundersame Wiederauferstehung gab es in der Familie des Iren Stephen Ireland, der seine überstürzte Abreise von einem Nationalteam-Einsatz 2007 erst mit dem Tod seiner Großmutter begründete und dann, als die noch lebte, mit dem der anderen. Die las daraufhin ebenso überrascht in der Zeitung von ihrem eigenen Ableben.

          Unschlüssiger Privatier David Beckham: doch noch nicht auf dem Alterssitz ausruhen?
          Unschlüssiger Privatier David Beckham: doch noch nicht auf dem Alterssitz ausruhen? : Bild: REUTERS

          Während sich all das doch recht rasch in Heiterkeit auflöste, durfte Tommy Farrer letzte Woche das volle Trauerprogramm erleben: Schweigeminute vor dem Spiel, Todesanzeigen, Nachruf in der Stadionzeitung. Bishop Auckland, ein englischer Amateur-Klub, hatte sich um all das gekümmert, als man erfahren hatte, der frühere Amateur-Nationalspieler sei 86-jährig verstorben. Als der Geschäftsführer einen Tag später bei der Witwe anrief, um zu kondolieren, sagte die alte Dame: Wenn er ein bisschen warte, könne er selber mit ihrem Gatten sprechen. Der komme nämlich gleich vom Zeitung holen zurück.

          Verträge sind Verträge, aber was sind schon Verträge?

          Fußball hält lebendig. Denn Fußballer sind es gewohnt, im Laufe einer Karriere dauernd abgeschrieben zu werden. So wie David Beckham, der seinen gemütlichen Alterssitz in Los Angeles nun plötzlich wieder mit den Härten des europäischen Fußballs vertauschen will. Beim 4:1 in Bologna schoss er am Sonntag sein erstes Tor für den AC Mailand, wo er eigentlich nur überwintern wollte.

          Nun deutet er an, dass er am liebsten in Italien bleiben wolle, obwohl er doch Anfang März mit Beginn der US-Saison zurück muss nach Amerika. „Ich weiß nicht, was passieren wird, auch wenn mein Vertrag sagt, dass ich nur bis März hier bleibe“, sagt Beckham. „Wir werden sehen.“

          Totgesagte leben länger

          Juristen wissen: Verträge sind Verträge. Fußballer wissen: Was sind schon Verträge? Kaká übrigens, den noch vor einer Woche die Milan-Fans für 130 Millionen Euro auf dem Weg zu Manchester City glaubten, feierte seine glückliche Immunkräfte gegen den Lockruf des Geldes (Kräfte, die man enorm stärken kann, indem man schon jetzt an die zehn Millionen Euro netto pro Jahr kriegt) mit zwei Toren. All das passt perfekt zur Grundidee des AC Mailand. Und zu der seines Eigentümers Silvio Berlusconi.

          Als Milliardär gelang es ihm, ein paar Lebensjahre in seinem Gesicht chirurgisch zu tilgen. Als Ministerpräsident gelang es ihm, ein paar Lebensjahre im Gefängnis (wegen Bestechung, Bilanzfälschung und anderem) dank weitsichtiger Gesetzgebung zu vermeiden. Es ist die Idee, die Fußball und Politik, also Spiel und Macht verbindet: Totgesagte leben länger.

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