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Eichlers Eurogoals : „Für mich ist das Prostitution“

Der Scheich macht Wolfsburg reich: Dzeko spielt nun bei Manchester City Bild: AFP

Früher interessierten sich die Scheichs für Kamelrennen. Heute kaufen sie sich in den großen Fußball ein. Manchesters Klubs liegen besonders im Fokus, Barcelona vergibt seine Brust. Und Zidanes Verbindung zu Qatar zieht herbe Kritik nach sich.

          Tanken macht nicht mehr so richtig Spaß. Und das hat nicht nur mit dem Ölpreis zu tun, sondern auch mit Fußball. Beziehungsweise mit dem Nachdenken über den Zusammenhang zwischen Ölpreis und Fußball. Zum Nachdenken hat man leider viel Zeit, während man die Zapfpistole in den Stutzen hält und dem Benzinpreis auf der Anzeige beim sich Überschlagen zuschaut.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Irgendwo steht immer entschuldigend, wie viel die deutsche Staatskasse davon bekommt. Nirgendwo steht, wie viel die amerikanischen und europäischen Ölkonzerne für ihre jährlichen Rekordgewinne abzapfen. Oder gar, wie viel die arabischen Lieferanten kassieren, um sich davon künstliche Inseln, Fluglinien, Wolkenkratzer und neuerdings auch Fußball-Weltmeisterschaften zu kaufen.

          Früher interessierten sich Scheichs zum Glück noch eher für traditionelle sportliche Vergnügungen wie Kamelrennen oder Falkenjagd. Irgendwann boten sie dann abgewrackten Altstars wie Basler oder Batistuta in ihren Ligen am heißen Golf ein kommodes All-Inclusive-Programm für den altersgerechten Vorruhestand, nach der attraktiven Formel: wenig laufen, viel verdienen. Doch seit ein paar Jahren werden die Ölmilliarden nicht mehr dazu benutzt, sich Restposten an den Golf zu holen, sondern viel mehr: sich in den großen Fußball einzukaufen.

          35 Millionen Euro ließen sich die Engländer den Transfer kosten

          Sichere 200.000 Euro - für die nächsten 179 Wochen

          Sie sind schon weit gekommen damit. Manchester City, vor zwei Jahren von den Herrschern Abu Dhabis gekauft und seitdem mit über 300 Millionen Euro allein für Transfers gepäppelt, ist in dieser Saison auf dem Weg in die Champions League, vielleicht sogar zum englischen Meistertitel. Die Bundesliga hat einiges abgekriegt von diesem Kuchen, die Hamburger bekamen für Nigel de Jong und Jerome Boateng über 30 Millionen Euro aus der Benzinkasse, die Wolfsburger nun rund 35 Millionen für Edin Dzeko. Dafür ist nun einer der vielen bei City durchgefallenen Neueinkäufe, der togolesische Stürmer Emmanuel Adebayor, wieder auf dem Markt.

          Die Sache hat aber, wie bei allen, die einmal durch zu viel Geld verdorben worden sind, einen Haken: Der Stürmer, vor eineinhalb Jahren für 27 Millionen Euro gekauft, ist nun zwar sogar ablösefrei als Leihkraft zu haben. Allerdings müsste der neue Klub das unfassbare Salär von rund 200.000 Euro pro Woche übernehmen, über zehn Millionen pro Jahr. Wenn sich niemand findet, ist es für Adebayor gewiss auch kein Problem - er hat die 200.000 Euro laut Vertrag für die nächsten 179 Wochen sicher, ob er arbeiten muss oder nicht. Für City ist es auch kein Problem, man hat ja die Ölscheichs.

          Es sind Auswüchse, wie sie die Europäische Fußball-Union durch das Reformprojekt „Financial Fairplay“ verhindern will. Demnach müssen Klubs, die künftig in der Champions League oder Europa League spielen wollen, einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen, und zwar einen, in dem die Verluste nicht mehr, wie der 121-Millionen-Pfund-Verlust von Manchester City im letzten Jahr, durch reiche Eigentümer ausgeglichen werden kann.

          Manchester Hoffnung kommt - vom Persichen Golf

          Beim großen Ortsrivalen United haben sie derzeit noch das entgegen gesetzte Problem: einen reichen Eigentümer, der kein Geld hineinsteckt, sondern herauszieht aus dem Klub, durch die Riesenschulden für den Kauf des Vereins, durch hoch dotierte Mitarbeiterverträge für Verwandte. Kein Wunder, dass die Fans des englischen Rekordmeisters und Tabellenführers den Amerikaner Malcolm Glazer gern los wären. Nun gibt es Hoffnung - sie kommt, Überraschung: vom Persischen Golf.

          Laut der Zeitung „Guardian“ hat die „Katar Holding“, eine von den Herrschern des Emirats kontrollierte Investmentfirma, angeboten, Manchester United für 1,5 Milliarden Pfund zu übernehmen. Glazer aber fordere 2 Milliarden. Er wird wissen, dass es keinen Armen träfe. Und dass die Araber sich mit zweiten Adressen wie Manchester City nicht abgeben werden, sondern endlich die ganz großen Namen wollen bei ihrem Einstieg in die große Fußballwelt.

          Barcelonas Brust gehört nun den Investoren aus Qatar

          Beim FC Barcelona waren sie bereits erfolgreich. Nicht damit, den Verein mit der aktuell größten Strahlkraft im Weltfußball zu kaufen, das ist nicht möglich, weil er, ebenso wie Real Madrid, seinen Mitgliedern gehört. Aber die traditionelle Ablehnung von Barca, die Spielerbrust als teure Werbefläche zu verkaufen, diese letzte edle Verweigerung der kompletten Kommerzialisierung im europäischen Spitzenfußball, ist kürzlich nach 111 Jahren über Bord gegangen. Demnächst gehört die Brust von Messi & Co. nicht mehr dem Kinderhilfswerk Unicef, dem der Klub die Werbefläche seit Jahren schenkte, sondern den Investoren aus Qatar. Die zahlen dafür die Rekordsumme von 30 Millionen Euro pro Jahr.

          Elf Millionen Euro zahlten sie einer anderen europäischen Fußballgröße, dem früheren Weltstar Zinédine Zidane - damit er sich für Qatar als WM-Land 2022 einsetzte. Deshalb war Zidane der einzige Weltstar, der die Versteigerung der WM in den arabischen Zwergstaat öffentlich begrüßte.

          „Er ist eine Werbebande mit drei Neuronen“

          Seinen Landsmann Christophe Alévêque, einen bekannten Schauspieler und Komiker, hat das so auf die Palme gebracht, dass er Zidane im französischen Fernsehen als „Nutte“ bezeichnete: „Wenn der eine Ikone ist, dann gebe ich auf und gehe auf eine einsame Insel. Er tut nichts, er nimmt Geld. Er hat keine Meinung zu irgendetwas, er hat keine Position zu irgendetwas. Er ist eine Werbebande mit drei Neuronen. Außerdem ist er der, der uns die WM 2006 verloren hat. Nun macht er aus seinem Image Geld. Für mich ist das Prostitution.“

          Geld macht Zidane nicht nur als Werbefigur für einen Öl-Staat, sondern auch für einen Milchkonzern. Deshalb wünschte Alévêque, der bisher vor allem Präsident Nicolas Sarkozy gern die Meinung sagte, Zidane möge „in Joghurt ersaufen“. Zidane hat kurz darüber nachgedacht, vermutlich beim letzten Tankstellenbesuch mit dem Q 7 - und dann eine Beleidigungsklage angekündigt.

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