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Eichlers Eurogoals : Frisch, bissig und ein bisschen Wildwest

Der Fleischfresser des Strafraums: Luis Suarez vom FC Liverpool Bild: picture alliance / Photoshot

Liverpool pokerte um Luis Suarez ohne viel auf der Hand zu haben. Das lohnte sich für den bissigen Stürmer und den Verein. Nach einer Veganer-Diät schlägt der Fleischfresser des Strafraums wieder zu.

          3 Min.

          Bissig sollen sie sein, die Stürmer. Ein schmaler Grat für Luis Suarez, der in seiner Karriere schon zweimal, erst als Jungprofi von Ajax Amsterdam und dann vor einem Jahr als Sturm-Star des FC Liverpool, seine hervorstehenden Schneidezähne in einen Gegenspieler rammte. Dentalmäßig nicht so gut drauf, hätte Andi Möller dazu wohl gesagt.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Der Biss gegen Branislav Ivanovic vom FC Chelsea brachte dem Uruguayer zwölf Spiele Sperre und öffentliche Ächtung als „Vampir“ ein, und beinahe hätte ihn Liverpool deshalb im Sommer an Arsenal abgeben müssen. Nun gratulieren sie sich, dass sie es verhindert haben.

          Nach vier Spielen ohne Tor, eine ungewöhnliche Veganer-Diät für den Fleischfresser des Strafraums, hat Suarez nun wieder zugeschlagen. Beim 3:0-Sieg des FC Liverpool in Southampton schoss er einen Treffer und bereitete zwei vor.

          Damit schaffte er ein seltenes Kunststück. In der Premier League führt Suarez nun nicht nur die Liste der Torjäger an (mit 24 Toren in 23 Spielen), sondern auch die der Vorlagengeber (mit 10 Assists, also Zuspielen, die zu Toren führten). Und das, obwohl er die ersten fünf Saisonspiele gesperrt verpasst hatte.

          Beim 3:0 in Southampton schoss er einen Treffer und bereitete zwei vor
          Beim 3:0 in Southampton schoss er einen Treffer und bereitete zwei vor : Bild: REUTERS

          Zusammen mit Sturmpartner Daniel Sturridge kommt er auf 42 Tore. Nur vier der zwanzig Premier-League-Teams haben mehr Tore erzielt als die beiden Liverpool-Stürmer allein. Die insgesamt 73 Tore der „Reds“ werden in den großen europäischen Ligen nur vom FC Barcelona überboten, der dank Xavis Kunstschuss eine Minute vor Ende zum 4:1 gegen Almeria auf 74 Treffer erhöhte (und dabei Tabellenführer Real Madrid, dem Cristiano Ronaldos Tor zum 2:2 im Derby bei Atletico ein Remis rettete, bis auf einen Punkt nahe kam).

          Übrigens hat Suarez einen Artverwandten in der Bundesliga. Dort liegt derzeit auch Robert Lewandowski sowohl in der Torjägerwertung vorn (mit 15 Treffern) als auch in der Assist-Wertung (mit zehn, gleichauf mit Franck Ribéry und Alexandru Maxim). Bei dem Dortmunder Polen wusste man aber schon lang, dass er nicht nur ein treffender, auch ein spielender Mittelstürmer ist, einer, der nicht jedes Tor selber will, sondern es auch anderen gönnt.

          Auch von Per Mertesacker vom FC Arsenal lässt er sich nicht einschüchtern
          Auch von Per Mertesacker vom FC Arsenal lässt er sich nicht einschüchtern : Bild: REUTERS

          Suarez dagegen schien immer dem schönen Klischee des torgeilen Knipsers zu entsprechen, der alle Tore am liebsten selber schießt. Die Zahlen zeigen etwas anderes. Auch Suarez gehört zur modernen Spezies des spielenden Mittelstürmers, der nicht nur Torinstinkt besitzt, auch Spielintelligenz – und eine soziale Ader für Mitspieler.

          Kein Wunder, dass Arsenal ihn wollte. Liverpool ließ Suarez aber nicht ziehen – trotz einer Ausstiegsklausel über 40 Millionen Pfund, die man gegenüber Arsenal, das im Sommer 40 Millionen plus ein Pfund geboten hatte, einfach ignorierte. Dabei pokerte Liverpool, wie Klubbesitzer John Henry nun öffentlich nicht ohne unverhohlenes Selbstlob eingeräumt hat, ohne viel auf der Hand zu haben.

          Im Duell mit dem bissigen Suarez sollte jeder vorsichtig sein
          Im Duell mit dem bissigen Suarez sollte jeder vorsichtig sein : Bild: REUTERS

          Man setzte darauf, dass Arsenal nicht vor Gericht ziehen würde. Der Bluff ging auf, Suarez blieb. Nun ist Liverpool ein Titelaspirant, während Arsenal (nach dem 0:1 in Stoke nur noch Dritter) ohne echten Torjäger nach und nach die Puste ausgeht.

          Mit dem Amerikaner Henry, der als Sohn von Sojabohnen-Farmern an der Börse zum Multimillionär wurde und nach dem Baseball-Traditionsklub Boston Red Sox und einem Nascar-Autorennteam 2010 auch den FC Liverpool kaufte, kommt Wildwest-Mentalität ins europäische Fußballgeschäft. Er erklärt seine harte Haltung mit der Erkenntnis, „dass Verträge im englischen Fußball, im Fußball überhaupt, ohnehin nicht viel Bedeutung haben“.

          Bei den Gegenspielern ist Suarez nicht unbedingt beliebt - nicht nur wegen seines Torhungers
          Bei den Gegenspielern ist Suarez nicht unbedingt beliebt - nicht nur wegen seines Torhungers : Bild: AP

          Jede Vertragsdauer sei bedeutungslos, „wenn ein Spieler einfach entscheiden kann, dass er geht“. Deshalb habe man die Ausstiegsklausel erfolgreich ignoriert – um nicht wie im Falle von Fernando Torres (2011 für 50 Millionen Pfund zu Chelsea) einen Stürmer abzugeben, „den man nicht abgeben will“.

          Auch Suarez wollte damals weg, wollte Champions League spielen, aber der Amerikaner zwang ihn zu bleiben. Inzwischen sind alle glücklich darüber. „Es war großartig für Luis, es war großartig für uns”, bilanziert Henry. Beim neuen Tabellenzweiten, der die beiden großen Konkurrenten Chelsea und Manchester City im April noch an der Anfield Road empfängt, träumt man nun vom ersten Meistertitel seit 1990.

          Trainer Brendan Rodgers freut sich über die Bissigkeit seines Torjägers
          Trainer Brendan Rodgers freut sich über die Bissigkeit seines Torjägers : Bild: AP

          Liverpool hat nach der Stagnation unter den jeweils nur eine Saison lang beschäftigten Trainer-Veteranen Roy Hodgson und Kenny Dalglish mit dem jungen Nordiren Brendan Rodgers einen erfolgreichen Neuanfang gemacht und eine verjüngte, offensivstarke Mannschaft gebaut. Nun sieht man im Meisterrennen sogar den Vorteil des Misserfolges der vergangenen Jahre.

          Nachdem sie unter Trainer Rafael Benitez in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts der erfolgreichste Klub der Champions League waren (mit dem Sieg 2005 und dem Finale 2007), haben die „Reds“ danach viermal die Qualifikation für die Champions League und zuletzt sogar die für die Europa League verpasst. Genau das könnte nun im Titelkampf hilfreich sein. „Wir sind nicht die Favoriten“, sagt Kapitän Steven Gerrard, „aber wir spielen nicht im Europapokal und sind deshalb frisch“. Frisch und bissig.

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