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Eichlers Eurogoals : Frauen haben kein Transferfenster

Kaum zu glauben: Cristiano Ronaldo und Real verlieren bei Osasuna Bild: dpa

Da haben wir es wieder: Fußball, auch nur ganz normales Leben: In England geht ein Spieler zu Boden, weil er seine Ex-Freundin nicht korrekt behandelt hat. In Spanien denkt Nelson Valdez an die Bundesliga, weil das Gehalt ausbleibt. Und in Italien findet Mark van Bommel zu sich selbst.

          Immer noch Winter! Dabei hat er statistisch noch nicht mal Halbzeit. Da sehnt sich der Mensch nach einem Wechsel. Zum Beispiel an Karneval, jener Zeit, in der Menschen einmal im Jahr ihre Kleidungs- und Paarungsgewohnheiten ändern. Leider liegt das in diesem Jahr besonders spät. Nur nicht für Fußballprofis. Für sie ist die närrische Jahreszeit, die, in der man Partner und Verkleidung ändert, in jedem Winter gleich. Sie heißt „Transferfenster“ und öffnet sich immer im Januar, mit Countdown am 31. um Mitternacht. Bevor an diesem Dienstag der Aschermittwoch für wechselwillige Fußballer ist. Oder aber ein neues Leben anfängt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Man kann sie verstehen und auch ein bisschen beneiden. Denn sie haben die Chance, die andere Angestellte nicht haben: eine festgefahrene Situation mit ein paar Telefonaten zu lösen und schon morgen ganz woanders zu sein. Mit neuem Chef, neuen Kollegen, neuer Aufgabe, sogar mit Gehaltserhöhung. Wobei man seine alte Gewohnheiten zum Glück mitnehmen kann, so wie Mark van Bommel, der ja noch am Dienstag Morgen Kapitän des FC Bayern München war, am Mittwoch sein erstes Spiel für den AC Mailand bestritt - und sich am Samstag, seinem zweiten Arbeitstag in Italien, beim 2:0 in Catania, gleich seinen ersten Platzverweis abholte. Ein Mann findet zurück zu sich selber.

          Auch Edin Dzeko tat in seinem zweiten Einsatz für Manchester City das, was ihm in Wolfsburg zuletzt nicht mehr so richtig Spaß gemacht hatte - er schoss ein Tor, sein erstes in England, und rettete den englischen Emirats-Verein mit einem 1:1 beim Drittligisten Notts County in ein Pokalwiederholungsspiel. Noch flotter ging das bei Giampaolo Pazzini, der noch am Samstag Spieler von Sampdoria Genua war und schon am Sonntag für Inter Mailand, eingewechselt zur Pause bei 0:2-Rückstand, in seinen ersten 28 Arbeitsminuten zwei Tore schoss. So kriegte der Meister noch die Kurve zum 3:2-Sieg gegen Palermo.

          Liebevolle Blicke: Walter Pandiani ist der überragende Mann - Cristiano Ronaldo bekommt das zu spüren

          Weniger erfolgreich war noch der Mann, den sie nach Dzekos Kommen in Manchester ausgemustert hatten: Emmanuel Adebayor, der für den Rest der Saison an Real Madrid ausgeliehen worden ist. Dort brachte ihn Trainer José Mourinho erst kurz vor Schluss ins Spiel - es endete für den Weltklub mit einem peinlichen 0:1 beim Abstiegskandidaten Osasuna. Und weil der FC Barcelona mit dem 3:0 bei Hercules Alicante den fünfzig Jahre alten Liga-Rekord von 15 Siegen hintereinander einstellte (bisher allein gehalten von Reals größter Elf mit di Stefano und Puskas), rückt der Titel für Real in immer weitere Ferne. Der Rückstand beträgt schon sieben Punkte.

          Alicante ist der einzige Gegner, der Barca in dieser Saison bisher schlagen konnte - ein 2:0 aus dem Spätsommer, bei dem der in Dortmund als „Chancentod“ geltende Nelson Valdez in seinem ersten Einsatz in Spanien beide Tore schoss. Das war ein schöner Beweis für die befreiende Kraft des Wechsels - die seitdem allerdings durch die lähmende Wirkung mangelnder Bezahlung überlagert wird. Der Klub mit dem kraftvollen Namen Hercules ist finanziell so schwach, dass er zuletzt seinen Profis nichts überweisen konnte. Der Holländer Royston Drenthe trat nach vier ausstehenden Monatsgehältern in Streik. Auch Valdez protestierte - und trauerte der Bundesliga hinterher: In Bremen und Dortmund, sagte er, habe er sein Geld immer pünktlich bekommen.

          Frauen haben kein Transferfenster

          Valdez ist aber auch ein Beispiel dafür, dass es manchmal nicht ein Spieler, sondern sein Klub ist, der durch einen Wechsel befreit wird. Barcelona bekam erst durch den Tausch des Fehlkaufs Zlatan Ibrahimovic gegen David Villa den letzten Kick. Und Dortmund, das noch in der Saison vor dem Dienstantritt von Trainer Joachim Klopp 2008 gleich fünf Mittelstürmer beschäftigte (Frei, Petric, Valdez, Klimowicz, Smolarek), schickte rasch alle fort. Und wurde immer besser. Die Motivationskraft des Wechsels ist aber vermutlich dann am größten, wenn man sich als Profi nicht nur an seinen letzten Verein erinnert. Sondern an seinen letzten Beruf - am besten einen, in dem man richtig arbeiten musste. Das haben nicht mehr viele Fußballprofis der Gegenwart in ihrem Lebenslauf. Aber Walter Pandiani.

          Der uruguayische Stürmer-Veteran hatte, ehe er mit Deportivo La Coruna bis ins Halbfinale der Champions League kam, seine ersten Brötchen als Müllmann in Montevideo verdient. Nun legte er Javier Camunas den Siegtreffer gegen Real vor und war der überragende Mann von Osasuna. Auch der französische Kollege Steve Savidan hatte einst Mülltonnen geleert, ehe er Tornetze füllte und eine erstaunliche Spätkarriere als Torjäger in Valenciennes und Caen erlebte. Sie brachte ihm vor zwei Jahren sogar ein Debüt als Dreißigjähriger in der „Equipe Tricolore“ ein. Leider führte 2009 eine Herzanomalie dazu, dass Savidan seine Laufbahn beenden musste und dass die WM in Südafrika ohne ihn stattfand. Er wäre genau der Richtige gewesen für den Müll, den Frankreichs Nationalteam dort produzierte.

          Jene Art Wechsel, die im Fußball wie im richtigen Leben aber immer noch die heftigsten Auswirkungen produziert, war am 8. Januar bei einer englischen Pokalsensation zu sehen. Der Drittligist Stevenage besiegte den Premier-League-Klub Newcastle 3:1. Jubelnde Fans stürmten den Platz. Einer von ihnen schlug den Stevenage-Profi Scott Laird mit einem Kinnhaken nieder. Es gab einen Aufschrei und neue Diskussionen über Fan-Gewalt, und Newcastles Trainer entschuldigte sich öffentlich. Das war allerdings verfrüht. Denn der geständige Täter, inzwischen vor Gericht, offenbarte ein überraschendes Motiv, warum er Laird mit Fäusten attackierte (und zudem mit einem Getränk und einem Hamburger bewarf): Der Geschlagene war früher mit der heutigen Freundin des Schlägers liiert. Und habe sie „nicht korrekt behandelt“. Da haben wir es wieder: Fußball, auch nur ganz normales Leben. Und in dem haben Frauenwechsel größeres Spaltpotential als Jobwechsel. Schlimmer noch: Sie haben kein Transferfenster.

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