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Eichlers Eurogoals : Es gibt nur ein’ FC Bayern

Rudi Völler: verblüffende Privatrechnung aufgestellt Bild: dpa

Sportdirektor Völler klagt über die Dominanz der Bayern und meint, in jeder anderen Liga Europas wäre „Vizekusen“ locker Tabellenführer. Wir haben uns umgeschaut, nachgezählt und festgestellt: Rudi kann nicht rechnen.

          3 Min.

          Man muss Rudi Völler verstehen. Schließlich träumt Bayer Leverkusen seit Menschengedenken davon, einmal die Nummer eins zu sein. Einmal nicht mehr „Vizekusen“. Und so machte der Sportchef des Tabellenzweiten der Bundesliga kurz vor Weihnachten eine verblüffende Privatrechnung auf.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Im Interview mit dem Bonner „Generalanzeiger“ klagte er darüber, im Kampf um die Meisterschaft einem übermächtigen Gegner gegenüber zu stehen, was die öffentliche Wahrnehmung der Leistung seines Teams schmälere. „Leider spielen wir mit der weltbesten Mannschaft in einer Liga“, stellte Völler fest - und kam zu einer Behauptung, die nicht nur deshalb überrascht, weil Leverkusen zuletzt in der Champions League 0:5 gegen den Siebten der englischen Premier League verlor: „In jeder anderen Liga wären wir Tabellenführer“.

          Welche jede andere Liga könnte Völler damit nur gemeint haben? Das schreit nach einem Quervergleich. Und ist natürlich eine hypothetische Spielerei, aber doch eine sehr interessante. Denn der statistische Abgleich mit den anderen großen Ligen Europas zeigt, welch einer gewaltigen Illusion Völler sich mit seiner These ausgesetzt hat. Und zeigt auch, wie schmal der Grat sein kann zwischen dem berechtigten neuen Selbstbewusstsein in der Bundesliga – und einem bereits ersten zarten Hauch von Selbstüberschätzung.

          Machen wir also die Rechnung. Wie stünde Bayer Leverkusen mit seinen 37 Punkten aus 17 Vorrundenspielen jenseits der deutschen Grenzen tatsächlich da? Weil in den anderen europäischen Ligen meistens schon mehr Partien absolviert wurden als in der Bundesliga, muss man für diesen Vergleich die Durchschnittspunktzahl pro Spiel heranziehen. Für Leverkusen sind es 2,176 (deutlich weniger als die fabulöse Quote des FC Bayern von 2,75).

          Was wäre Leverkusen mit dieser Ausbeute in den anderen großen Ligen, in England, in Spanien oder in Italien? Nein, nicht das, was Völler glaubt: Erster. Auch nicht, was sie in der Bundesliga sind: Zweiter. Ja, nicht einmal Dritter. 2,176 Punkte pro Spiel reichten in den anderen großen Ligen Europas derzeit nur zu - Platz vier.

          In Italien, England, Spanien würde es nicht reichen

          Das wäre etwa Italien, hinter Juventus, Roma und Napoli, nicht mal mehr ein Platz in der Champions League. Und auch in England, wo Platz vier dafür noch knapp reicht, wäre man in Gefahr. Denn man hätte den FC Liverpool im Nacken und damit Europas derzeit überragenden Torjäger Luis Suarez, der beim 5:3-Sieg in Stoke seine Saisontreffer 21 und 22 (in 16 Partien) erzielte.

          Tormaschine FC Liverpool: In England hätte Leverkusen einen schweren Stand
          Tormaschine FC Liverpool: In England hätte Leverkusen einen schweren Stand : Bild: AFP

          Abgesehen von der Premier League, in der Bayer nur knapp hinter dem Trio Arsenal, Manchester City und Chelsea läge, wäre der virtuelle Rückstand des deutschen Tabellenzweiten auf Völlers herbeiphantasierte Spitzenposition sogar noch größer als die realen sieben Punkte auf Bayern München. In Spanien stünde man neun Punkte hinter den beiden Top-Teams Barcelona und Atletico Madrid, die sich am Samstag 0:0 trennten, und sechs hinter Real Madrid.

          Und in Italien läge der Rückstand auf Tabellenführer Juventus sogar bei elf Punkten. Der Meister aus Turin erzielte am Wochenende mit dem 4:1 in Cagliari nicht nur den zwölften Sieg hintereinander in der Serie A. Er durfte sich auch über einen weiteren Erfolg freuen. Denn der Nachwuchsstürmer Domenico Berardi, den sich Juventus für die kommende Saison bereits gesichert hat, schoss beim 4:3-Sieg mit dem Aufsteiger Sassuolo Calcio den alten Rivalen AC Mailand endgültig in die Krise.

          Vier Tore in einer halben Stunde gegen Milan: Domenico Berardi
          Vier Tore in einer halben Stunde gegen Milan: Domenico Berardi : Bild: dpa

          Milan hat nun 30 Punkten Rückstand auf die Spitze, nur noch sechs Punkten Vorsprung vor einem Abstiegsplatz – und seit Montag keinen Trainer mehr. Einmal wurde Massimiliano Allegri noch wach nach dem Albtraum von Sassuolo, wo der 19-Jährige Berardi nach früher 2:0-Führung von Milan vier Tore binnen 32 Minuten erzielt hatte, dann war der Trainer ein Ex-Trainer. Berardi übernahm mit elf Toren in vierzehn Serie-A-Spielen, der besten Quote aller aktuellen Stürmer in Italien, Platz zwei der Torjägerliste.

          Immerhin: In der Schweiz und Dänemark wäre Bayer vorne

          Und doch, es gäbe tatsächlich ein paar Länder, in denen Leverkusen sich groß fühlen könnte: In der Schweiz, in Holland, in Dänemark und in Russland wäre man Spitzenreiter. Aber diese vier sind die einzigen unter den derzeit 15 besten Nationen in der Uefa-Wertung, in denen die Völler-These nach aktuellem Tabellenstand Bestand hätte.

          Ansonsten gilt in der virtuellen Vizekusen-Kalkulation: Platz zwei in der Türkei (hinter Fenerbahce), in Frankreich (hinter Paris St-Germain), in Österreich (hinter Red Bull Salzburg) und der Ukraine (hinter Schachtjor Donezk). Platz drei in Griechenland (14 Punkte hinter dem überlegenen Tabellenführer Olympiakos Piräus, mit 18 Siegen und einem Remis in 19 Spielen das derzeit einzige Team Europas mit noch besserer Bilanz als Bayern München). Und sogar nur Platz vier in Portugal, hinter Benfica, Sporting und Porto (das im Top-Duell bei Benfica 0:2 verlor).

          Mit anderen Worten: Die Bundesliga ist kein Pech für Bayer, sie ist ein Glück. Denn sie hat nur einen FC Bayern.

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