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Eichlers Eurogoals : Erst mal finden

Fußball-Metapher für Spione aus den eigenen Reihen: der Maulwurf Bild: dpa

Ständig werden irgendwo Maulwürfe gejagt. Aber selten einmal gefunden. Die Spione unter den Fußballspielern sind gleichermaßen geschwätzig wie verschwiegen. Eichlers Eurogoals auf Spurensuche.

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          „Hilfe gegen Maulwürfe“ verspricht eine Website mit dem etwas anrüchigen Namen „Buttersaeure24.de“. Nun ist zwar zu hoffen, dass Pep Guardiola nicht gleich zum Äußersten greifen und die Kabine des FC Bayern mit üblem Gestank verpesten wird. Doch der Tonfall, mit dem er am Montag zur Maulwurfsjagd blies, verriet, wie böse der so sanft dreinblickende Katalane werden kann. „Es werden Köpfe rollen“, zürnte er, weil Informationen über seine Taktik für das Spiel in Dortmund aus Mannschaftssitzung und Geheimtraining (trotz des auf Guardiolas Wunsch erbauten Sichtschutzes) auf dem Boulevard gelandet waren.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Dem vermuteten „Maulwurf“ im Team kündigte er den Rausschmiss an: „Er wird nie wieder unter mir spielen“. Aber vielleicht unter ihm graben?

          Das Problem mit diesem an sich possierlichen Tierchen ist: erst mal finden. Seit sich im Fußball die aus der Welt der Spione stammende Tier-Metapher für den in eine feindliche Organisation eingeschleusten Informanten eingebürgert hat, werden ständig irgendwo Maulwürfe gesucht. Und kaum einmal gefunden.

          Löw sucht heute noch den Maulwurf

          So konnte nicht einmal Jogi Löw den unterirdischen Insektenfresser aufspüren, der vor dem EM-Viertelfinale 2012 seinen Aufstellungs-Coup (Reus statt Podolski, Schürrle statt Müller, Klose statt Gomez) dem Boulevard steckte – und damit auch dem Gegner (auch wenn das den Griechen nicht viel nützte).

          Maulwurf-Opfer Löw: Sein Aufstellungs-Coup vor dem EM-Viertelfinale 2012 wurde ausgeplaudert

          Übrigens wusste wie damals in Danzig auch ein halbes Jahr später in London ein Gegner dank durchgesickerter Informationen rechtzeitig, dass Lukas Podolski nicht spielen würde: vor dem Derby zwischen Chelsea und Arsenal. Dessen Trainer Arsène Wenger suchte nach der folgenden 1:2-Niederlage vergeblich die undichte Stelle.

          Der Däne Morten Olsen wunderte sich bei der WM 2010, dass seine überraschende Aufstellung für das Auftaktspiel gegen die Niederlande überraschend schon vor dem Spiel im „Ekstra Bladet“ stand – das Spiel ging 0:2 verloren, der Informant blieb anonym.

          Unentdeckte unterirdische Gänge

          Im Team von Werder Bremen suchte man 2011 zum wiederholten Mal erfolglos jenen „Spinner in der Mannschaft, der nicht dichthalten kann“, wie Kapitän Torsten Frings klagte. Auch Aufsichtsratssitzungen von Fußballklubs bieten reizvolle Biotope für Maulwürfe, etwa beim Hamburger SV, obwohl auch dort die unterirdischen Gänge zu den Medien bisher unentdeckt blieben.

          Werder Bremens Kapitän Frings klagte über einen „Spinner in der Mannschaft, der nicht dichthalten kann“

          Ob bei Hertha BSC in den letzten Trainertagen von Lucien Favre, bei Fortuna Düsseldorf nach der Entlassung von Norbert Meier oder gar bei Real Madrid in der Endphase von José Mourinho (der den Torwart Iker Casillas verdächtigte) – nie fand man den Maulwurf.

          Nur beim damaligen Zweitligaklub Wehen-Wiesbaden wurde mal ein Assistenztrainer ertappt, der auf vertrauliche Mails zugegriffen hatte und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

          „Scolari ist ein Vererber der Sonderklasse“

          Der arme Maulwurf. Das Tierchen kann eigentlich nicht viel dafür, aber es ist der unbeliebteste Bewohner des Fußball-Zoos geworden. Ente Lippens, Bulle Roth, Fischken Multhaup, das waren alles ehrenvolle Fußballernamen (und „Der Maulwurf Grabowski“ zum Glück nur ein sehr schönes Kinderbuch und keine Bezeichnung für den Weltmeister von 1974).

          Nach Brasiliens Trainer wurde ein völlig andere Tier benannt: „Scolari ist ein Vererber der Sonderklasse“

          Der frühere Weltfußballer Kaká gab sogar dem ersten geklonten Schwein Spaniens seinen Namen. Und sein Weltmeistertrainer von 2002, heute wieder Chef der brasilianischen Selecao, machte nebenher eine Zweitkarriere als Deckhengst, wie man auf einschlägigen Züchterseiten nachlesen kann: „Scolari ist ein Vererber der Sonderklasse“, heißt es dort.

          „Seine Großzügigkeit in den Proportionen lässt ihn zur Topanpaarung für Stuten werden, die in Punkto Rahmen, Bedeutung und Langbeinigkeit verbesserungswürdig sind“. Dabei hat Scolari, für eine Decktaxe von 600 Euro, „eine außergewöhnliche Befruchtungsrate“ – die er für sein pro Schuss deutlich teureres Team bei der WM 2014 wohl wirklich brauchen kann.

          Alles, nur nicht Maulwurf

          Auch ein Pato spielt in der Selecao, was in der Landessprache Ente heißt. Alles geht also, ob Watschelvögel, Klonferkel oder Stutenbeglücker, ohne ehrenrührig für Kicker zu sein. So konnte der Liverpooler Torwart Lawrence in den 60ern mit der Anfeuerung „das fliegende Schwein“ ebenso passabel leben wie Kapitän Dennis Wise vom FC Chelsea in den 90ern mit seinem redlich verdienten Kosenamen „Ratte“. Aber Maulwurf? Alles, nur das nicht. Es wäre die größtmögliche Beleidigung.

          Dabei ist der kleine Buddler nicht nur der Feind großer Trainer, sondern vor allem der Feind namenloser Platzwarte. Der Kampf gegen das Untergraben der Fußballkunst wird jeden Tag auf ungezählten Rasenflächen geführt – und mitunter tragisch verloren. So wie vor zwanzig Jahren beim Auftakt der Zweitligasaison, als Hertha-Torwart Walter Junghans im Spiel gegen Jena bei einem Rückpass von Frank Rohde unter dem plötzlich auf einem Hügelchen hochhüpfenden Ball durchschlug – der zum 1:1-Endstand ins Tor hoppelte. Auf Mitspieler Theo Gries wirkte es, „als ob ein Maulwurf zum Kopfball angesetzt hätte“. Die Zuschauer der „Sportschau“ wählten es zum „Tor des Monats“. Rohde holte die Medaille nicht ab. Sie hätte ja auch dem Maulwurf zugestanden.

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