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Eichlers Eurogoals : Ein Stadion wie eine Überdosis Viagra

Ein seltener Lichtblick: Der neue Londoner Tempel der Architektur lässt nur wenig Licht hinein Bild: AP

Die romantischen Stadien verschwinden immer mehr. Stattdessen entstehen „Arenen“, die wie ein Firmenparkplatz heißen. Nur eine Kleinigkeit stört: Man kann dort nicht richtig Fußball spielen. Alleine Maulwurfsherzen schlagen höher.

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          Saisonziele sind immer auch Reiseziele. Frei nach Andy Möller: Egal ob Mailand oder Madrid, zur Not auch Italien, aber auf keinen Fall Uefa-Pokal. Der viel herumgekommene Franz Beckenbauer hat es letzte Woche so formuliert: „Ich will nicht wieder nach Braga, zwischen zwei Felsen, wo die Tore stehen. Da gehört der FC Bayern nicht hin.“ (siehe auch: Champions League: Bayerns Problem – zu wenig Ribérys)

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Früher galt Meppen als Begriff für das Grauen der Fußballprovinz - nie wieder Meppen, hieß es, wenn man in die Bundesliga aufstieg. Der Wunsch wurde dauerhaft wahr. Denn Meppen verschwand eines Tages aus dem Profifußball. Ein bisschen vermissen wir die Emsländer. Und bedauern, dass es die ostfriesischen Nachbarn von Kickers Emden wohl wieder nicht in die zweite Liga schaffen werden. Sonst könnte man bald „nie wieder Emden“ rufen.

          Bei den Bessergestellten heißt es nun „Nie wieder Braga“. Dafür würde ein Beckenbauer zum Entsetzen des Kollegen Hoeneß sogar Platz zwei in Kauf nehmen. Dabei muss Bayern garantiert nie mehr in den Uefa-Pokal, den gibt es nämlich vom nächsten Jahr an nicht mehr. Dann heißt er „Uefa Europa League“. (Und Braga hält sich zäh auf Platz fünf in Portugal, der die Tür dafür öffnet.)

          Schattenspiele in der „Arena” der Moderne - Wembley in London

          „In Stadien mit Bäumen kann es dir nicht schlecht gehen“

          Was aber soll denn so schlimm daran sein, zwischen zwei Felsen zu spielen? Wir fanden die Bilder aus Braga immer sehr romantisch, vor allem wenn es regnete und das Wasser von den feuchten Felsen floss. Ein anderes Lieblingsstadion ist das von Töftir auf den Färöer-Inseln, hoch über dem Tanga-Fjord, wo wir mit eigenen Augen einst sahen, wie ein strammer Schuss vom steifen Westwind hinunter in den Nordatlantik geweht wurde. Oder das von Nizza, von dessen Tribüne man nicht etwa die glitzernde Cote d'Azur erblickt, sondern die Hochhausblöcke der Peripherie - Fußball im echten Leben.

          In der schönen, sterilen Fußballwelt der Beckenbauers kommen sie nicht mehr vor, oder wenn, dann als Schreckensbild - aber es gibt sie immer noch: Stadien mit Charakter. Die nicht zu „Arenen“ geworden sind, nicht wie ein Firmenparkplatz heißen und nicht wie ein Einkaufszentrum aussehen. Jan Mulder, der Vater von Youri, dem derzeitigen Dritteltrainer auf Schalke, hat das Schöne und Tröstliche solcher Spielstätten einmal sehr schön ausgedrückt. Als Mulder senior in den 70er Jahren holländischer Nationalspieler und Ajax-Star war, sehnte er auf die Provinzplätze seiner Jugend zurück, jene Fußballfelder, die eine Landschaft hatten: „In Stadien, in denen du Bäume siehst, kann es dir nicht richtig schlecht gehen.“

          Heutige Stadien tun alles, um Spieler und Besucher von der Außenwelt abzuschneiden. Sie schaffen eine Welt, in der kein Platz ist für Landschaft, Felsen, Bäume, für alle Dinge, die das richtige Leben erinnern. Das teuerste dieser Stadien ist das neue Wembley, sieben Jahre und über eine Milliarde Euro hat es gekostet. Es sieht famos aus, und auf einen Architekten wirkt es vermutlich wie eine Überdosis Viagra. Nur eine Kleinigkeit stört: Man kann dort nicht richtig Fußball spielen.

          Maulwurfsherzen schlagen höher im neuen Wembley

          Der Rasen im alten Wembley war berühmt, das Vorbild aller Platzwarte. Der Rasen im neuen lässt nur noch Maulwurfsherzen höher schlagen. Es fehlt an der Belüftung, die dichte Umbauung verhindert die nötige Zirkulation. Im ersten Halbfinale des englischen Pokals am Samstag zwischen Chelsea und Arsenal erlaubte der klebrige, klumpige Grund kein flottes Flachpass-Spiel. Als „Desaster“ beklagte den Boden Arsène Wenger, dessen Team 1:2 verlor (siehe auch: England: Ballack mit Chelsea im FA-Cup-Finale).

          „Der Rasen sieht tot aus“, fand der Kollege Alex Ferguson von Manchester United. Er beschloss, den Großteil seiner ersten Elf im zweiten Halbfinale zu schonen, um nicht Verschleiß und Verletzung im holprigen Geläuf zu riskieren. Ohne Ronaldo, Rooney & Co., mit den Innenverteidigern Vidic und Ferdinand als einzigen Stammkräften, verlor der Meister gegen Everton im Elfmeterschießen. Den entscheidenden Elfer verschoss der frühere Leverkusener Dimitar Berbatow kläglich. Seine stets traurigen Augen fanden keinen Trost. Das Tribünendach ist über fünfzig Meter hoch. Von dort unten sähe man nicht mal einen Mammutbaum.

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