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Eichlers Eurogoals : „Du solltest doch im Knast sein“

Mitarbeiter des Tages: Didier Drogba (r.) schoss Chelsea zum Sieg, Michael Ballack folgt fröhlich Bild: AFP

Der torlose Sommer ist vorbei. Liverpool patzt, Everton hätte lieber neben das Tor geschossen, United dankt Rooneys Dickschädel, und City erhält einen Vorgeschmack auf Bananenschalen. Und Beckham wird in Los Angeles auch nicht mehr glücklich.

          3 Min.

          Endlich vorbei, der lange, torlose europäische Sommer. Neben den Fußballern müssen auch die Fans nun wieder in Form kommen. Als Steven Gerrard, Kapitän des FC Liverpool, am Samstag zum ersten Saison-Elfmeter schritt, sangen die Tottenham-Fans: „Du solltest doch im Knast sein“. Das hat man schon origineller gehört, aber immerhin: Englische Fans kennen sich mit der Biographie ihrer Stars aus. Gerrard war so frei, zum 1:1 zu verwandeln. Trotzdem verpatzte der ewig verhinderte Meister, der seit 19 Jahren auf den 19. Titel wartet, seinen Saisonauftakt und verlor 1:2 bei den Spurs.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In der Sommerpause sind gleich zwei Kelche an den „Reds“ vorübergegangen. Gerrard kam für seine weihnachtliche Attacke auf einen Diskjockey infolge unterschiedlichen Musikgeschmacks vor Gericht mit Freispruch davon. Und die beiden Nordamerikaner Hicks und Gillett, leicht zu verwechseln mit Waldorf und Stadler, den legendären Oldies aus der Muppet Show (nur nicht so lustig), schafften es, ihre beim Kauf des FC Liverpool gemachten Verbindlichkeiten von 290 Millionen Pfund umzuschulden.

          Doch weiter muss der Klub Jahr für Jahr rund 40 Millionen Pfund für den Schuldendienst aufbringen, den ihm die unerwünschte Übernahme einst aufbürdete. Das schmälert den Spielraum auf dem Transfermarkt. Trainer Rafael Benitez musste Xabi Alonso, den Maestro der Tore von jenseits der Mittellinie, nach Madrid ziehen lassen; Ersatz Alberto Aquilani vom AS Rom ist bis Oktober verletzt.

          Die missglückte Flanke in der Nachspielzeit flog unerklärlicherweise Richtung Tor

          Für Everton wäre es besser gewesen, neben das Tor zu schießen

          Bis dahin kann der Meisterzug schon abgefahren sein. Die Konkurrenz stolpert, aber stürzt nicht. Manchester United, im ersten Ligaspiel der Zeit nach Ronaldo, kam dank Rooneys Dickschädel zu einem zähen 1:0-Sieg gegen Aufsteiger Birmingham. Der FC Chelsea quälte sich zu einem späten 2:1-Erfolg gegen Hull. In der Nachspielzeit traf Didier Drogba mit einer, wie er zugab, missglückten Flanke, die zum perfekten Heber aus spitzem Winkel wurde. Der neue Trainer Carlo Ancelotti, der beim AC Mailand mit Maßanzug und Vierkantschädel immer so düster unbewegt dagestanden hatte, als bewerbe er sich für die Stelle als Capo beim Paten Don Silvio, tanzte nach seinem ersten Sieg in England lustig an der Linie herum. Ein Fall von Kulturaustausch.

          Am besten sah wie so oft der FC Arsenal aus. Das 6:1 in Everton, Fünfter der letzten Saison, ließ ahnen, dass Arsène Wenger in seinem Alchimistenlabor für den schönsten erfolglosen Fußball der Welt wieder einmal ein besonders ansehnliches Team zusammengebraut hat. Vielleicht diesmal sogar mit Erfolg? Meister war Arsenal seit fünf Jahren nicht. Dennoch kann es an gewissen Tagen jedem Gegner ein derartiges Gefühl der Ohnmacht geben wie sonst nur der FC Barcelona. Weil Arsenal „fast nach jedem Angriff von uns, der bei ihrem Torwart landete, ein Kontertor schoss“, verspürte Everton-Trainer David Moyes irgendwann das Gefühl, „dass wir besser neben das Tor schießen“.

          Wenger verkaufte Adebayor und Touré an die neue Cash Cow der Premier League, an Manchester City. Prompt hat Adebayor von den 25 Millionen Pfund, die er die Portokasse von Abu Dhabi gekostet hat, einige Pennies als Sofortdividende wieder eingespielt. Nach nur drei Minuten erzielte er das 1:0 für City in Blackburn, Ireland erhöhte später auf 2:0. Nur Trainer Mark Hughes kam ins Schlingern, als er beim Händedruck für Kollege Sam Allardyce unfreiwillig abtauchte - ein Vorgeschmack auf die vielen Bananenschalen, die ihn in dieser Saison überall erwarten dürften (siehe auch: Fußball in England: Der Weihnachtsmann kommt nur zu City).

          Rote Karte und wüste Beschimpfungen als Beckhams Belohnung

          Italien pausiert noch, Spanien auch, deshalb ein kurzer Blick über den Atlantik, wo sich David Beckham, der sowieso keine Lust mehr auf Hollywood-Fußball haben soll, nach 17 Minuten mit bösem Tackling eine Rote Karte und wüste Beschimpfungen der Zuschauer eingehandelt hat (LA Galaxy unterlag darauf Seattle 0:2). Wo gibt es guten Sommerfußball? Zum Glück haben wir die Niederländer. Wir meinen jetzt nicht jenen Import-Holländer, der derzeit München beglückt, sondern zwei Bundesliga-Exporte.

          Die PSV Eindhoven, trainiert von Fred Rutten, Ex-Schalke, gewann am Wochenende ein turbulentes Spitzenspiel gegen Ajax Amsterdam, trainiert von Martin Jol, Ex-Hamburg. Zweimal lag Ajax in Führung, am Ende gewann PSV 4:3. Und was macht der Meister, dessen Trainer vom deutschen Rekordmeister abgeworben wurde? Während der FC Bayern mit Louis van Gaal das Siegen noch nicht gelernt hat (siehe auch: 1:1 gegen Bremen: Abwesende Bayern leisten Aufbauhilfe), zeigt der AZ Alkmaar ohne Louis van Gaal, wie einfach das gehen kann. Alkmaar gewann 6:0 in Waalwijk. Vielleicht trauert der Bayern-Coach solchen Gegnern irgendwann nach (siehe auch: Die großen europäischen Fußballligen im Überblick).

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