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Eichlers Eurogoals : Dreist-amüsanter Hochstapler

Die berühmte Fußballzwölf von Manchester United - beim Spiel in München im Jahr 2001 Bild: picture-alliance / dpa

Als zwölfter Spieler aufs Foto von Manchester, ein paar Ballwechsel in Wimbledon oder Jubel auf dem Podest in Silverstone - Hochstapler haben es schon auf die ganz große Bühne geschafft. Auch ein irischer Fan erlebte in Estland das Spiel seines Lebens.

          3 Min.

          Beim Frühstück am 19. April 2001 entdeckten Zeitungsleser in aller Welt ein überaus langweiliges Sportfoto. Es passiert rein gar nichts auf diesem Bild. Es wurde im Münchner Olympiastadion aufgenommen und zeigt ein Fußballteam, das sich kurz vor dem Anpfiff zum üblichen Mannschaftsfoto plaziert. Vorn vier in der Hocke, hinten acht stehend – doch Moment mal, das wären ja zwölf!

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Und weil der Extramann, der da links außen neben Stürmer Andy Cole stand, weder den anderen elf noch irgendwelchen Sicherheitskräften aufgefallen war, wurde das Mannschaftsbild der Fußballzwölf von Manchester United vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen Bayern München eines der kuriosesten Dokumente in der Geschichte der Sportfotografie. Der Mann, der mit seinem weißen ManUnited-Trikot triumphal in die Kameras lächelte, hieß Karl Power.

          Nun hat er endlich einen legitimen Nachfolger gefunden. Er heißt Conor Cunningham, war bis vorletzte Woche nur ein unbekannter Fitnesstrainer mit Teilzeitjob, ist aber durch den Besuch eines Fußballspiels auf einen Schlag zum derzeit bekanntesten Menschen Irlands geworden.

          Es ist eine unglaubliche Geschichte, die damit begann, dass Cunningham sich entschied, nach Tallinn zu fliegen, wo die irische Nationalelf am vorletzten Freitag ihr Play-off-Hinspiel um die EM-Teilnahme gegen Estland bestreiten sollte.

          Man muss schon ein bisschen verrückt sein, wenn man sich auf eine solch weite Reise macht, ohne ein Ticket für ein Spiel zu haben – erst recht für eins, das in einem winzigen Stadion von 9600 Plätzen stattfindet und restlos ausverkauft ist. Als er in Tallinn angekommen war, stellte Cunningham fest, dass die Preise auf dem Schwarzmarkt dort in gewaltige Höhen gestiegen waren, mehr als er sich leisten konnte. So suchte er nach einem anderen Weg ins Stadion.

          Vor dem Spiel strolchte er also um die Le Coq Arena herum, die auf einen Iren schon deshalb einen einladenden Eindruck machen muss, weil sie nach einer Brauerei benannt ist. An einem Seitentrakt fand er eine offene Tür und ging hinein. „Es war eine Sackgasse“, so beginnt die Geschichte, die der 27-Jährige inzwischen praktisch jedem TV-Sender und Boulevardblatt in Irland erzählen musste.

          „Aber am Ende des Ganges lag eine große Tasche mit Fußbällen. Als ich sie aufhob, kam ein Trainingsanzug des estnischen Teams zum Vorschein.“ Kurz entschlossen zog Cunningham den Trainingsanzug über seine Jeans und das grüne Irland-Shirt. Und warf sich die Balltasche über die Schulter.

          Die Tarnung funktionierte. Niemand fragte den Mann mit “Eesti” auf dem Rücken und dem großen Sack über der Schulter, als er das Stadion durch einen Hintereingang betrat und kurz vor Anpfiff wortlos zum Spielfeld ging. Er setzte sich dort auf die estnische Bank, direkt neben Nationaltrainer Tarmo Rüütli.

          Das Spiel wurde angepfiffen, Cunningham saß immer noch dort. Er machte sich sogar nützlich. Die Kameras, die das Spiel live übertrugen, zeigten, wie er einmal einen Ball aufsammelte und einem estnischen Spieler zum Einwurf übergab. Niemand merkte etwas, „bis etwa 10 oder 15 Minuten nach Anpfiff ein Uefa-Offizieller Verdacht schöpfte. Er kam zu mir und forderte mich auf, die Bank zu verlassen.“

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