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Eichlers Eurogoals : Die lärmenden Nachbarn werden immer lauter

Tor des Tages: Kompany (r.) köpft City zum Sieg Bild: dapd

Manchester City darf auf den ersten Meistertitel seit 1968 hoffen: Im Derby gegen United siegt City mit 1:0 - auch weil Alex Ferguson gegen alles handelt, was er in einem Vierteljahrhundert als spielerisches Erbgut bei United verankert hat.

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          Die Araber wollten gern Europa erobern, aber sie kamen nur bis Poitiers. Dort hatte der fränkische Hausmeier Karl Martell seine Abwehr glänzend organisiert. 1280 Jahre später sind sie wieder da, und diesmal hat die Abwehr des schottischen Faktotums Alex Ferguson nicht gehalten. So haben die Araber in der Schlacht um Manchester die vielleicht entscheidende erste Etappe genommen, um Europa zu erstürmen.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Zum Glück sind wir nicht mehr im 8., sondern im 21. Jahrhundert, und deshalb sind es Schlachten, in die man keine metzelnden Fußtruppen mehr wirft, sondern muskulöse Fußballer. Bezahlt werden sie aus der munter sprudelnden Quelle, aus der Europa für teures Geld den Stoff bezieht, den es braucht, um mobil zu bleiben. Einen stetig wachsenden und doch nur winzigen Teil dieses Erlöses stecken arabische Investoren vermehrt in Fußballklubs, die Europa erobern sollen.

          Nur noch Zuschauer: Mancini (L.) und City haben Fergusons United den Rang abgelaufen Bilderstrecke
          Nur noch Zuschauer: Mancini (L.) und City haben Fergusons United den Rang abgelaufen :

          Der CF Malaga ist in Spanien schon im zweiten Jahr seit der Übernahme aus Katar auf dem Weg in die Champions League. Paris St-Germain kämpft in der ersten Saison mit Alimentierung ebenfalls aus Katar um den Titel in Frankreich (wo es allerdings am Sonntag durch die Niederlage in Lille Boden verlor auf Tabellenführer Montpellier, der nun fünf Punkte Vorsprung hat).

          Und Manchester City hat am Montag im Derby gegen Meister United die größte Hürde genommen, um die mehr als eine halbe Milliarde Euro, die seit 2009 aus Abu Dhabi in das mittlerweile teuerste Team der Welt geflossen sind, mit dem Titelgewinn in der Premier League zu amortisieren.

          Ein wenig Hilfe aus Deutschland war auch im Spiel, denn Importe aus der Bundesliga kommen immer mehr in Mode in der wohl immer noch besten Liga der Welt – etwa bei Newcastle United, wo dank der Tore von Demba Ba (ehemals Hoffenheim) und Papiss Cissé (Freiburg) die Champions League winkt; beim FC Arsenal, der sich nach Lukas Podolski nun auch für den Dortmunder Robert Lewandowski interessieren soll; bei Swansea City, wo die Hoffenheimer Leihgabe Gylfi Sigurdsson so viel Furore macht, dass sich mehrere größere Klubs, um den Isländer bemühen; bei Manchester United, wo man neben Sigurdsson auch dem Dortmunder Japaner Shinji Kagawa Avancen machen soll.

          Den Titelkampf hat nun – sollte sich ManCity in den letzten beiden Spielen gegen Newcastle und Queens Park keinen Ausrutscher mehr leisten – ein früherer Hamburger entschieden, der Belgier Vincent Kompany. Der Kapitän von City wuchtete in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit einen Kopfball nach einer Ecke zum 1:0-Siegtor ins Netz. Es war, nachdem City die erste Hälfte der Saison dominiert, seinen Vorsprung dann aber verspielt hatte, eine unerwartete späte Wende.

          Denn United galt unter Trainer Ferguson, der zwölf Meistertitel in den letzten zwanzig Jahren holte, immer als Team, das auf der Zielgeraden nicht einbricht. Genau das aber ist nun erstmals geschehen. Acht Punkte betrug der Vorsprung des Rekordmeisters am Ostersonntag, er ist binnen nur vier Spieltagen mit nur vier von zwölf möglichen Punkten auf Null geschrumpft.

          Ohne jede Torchance

          Und City hat nun dank der um acht Treffer besseren Tordifferenz die erste Meisterschaft seit 1968 in der Hand. City ist eine Muskelmannschaft, sie spielt Fußball wie eine Abrissbirne und wirkt spielerisch nicht sehr inspirierend. Aber gegen einen müden, verzagten Gegner, dem jeder Schwung, jedes Aufbäumen fehlte, reichte das.

          Noch nie hat man in einem so entscheidenden Spiel eine so passive Mannschaft von Manchester United gesehen. Ferguson handelte gegen all das, was er in einem Vierteljahrhundert als spielerisches Erbgut dieses Klubs verwurzelt hatte. Der Titelverteidiger agierte mit defensiver Aufstellung und passiver Taktik, mit nur einem Stürmer und ohne jede Torchance.

          Die Statistiker wies für United keinen einzigen Schuss aus, der das gegnerische Tor erreichte. Das hatte es seit drei Jahren nicht mehr gegeben. Nur einmal zeigte ein Akteur von United ein Aufbäumen, einen Hauch von Widerstandsgeist, das war Ferguson selbst. In der 77. Minute foulte der frühere Hamburger Nigel de Jong, seit seinem Kungfu-Tritt gegen Xabi Alonso im WM-Finale und mehreren Knochenbrechergrätschen als ruppiger Geselle bekannt, United-Profi Danny Welbeck, und Ferguson stürmte fluchend und fuchtelnd auf den Trainerkollegen Roberto Mancini zu.

          Fergusons Wut

          Der hielt dagegen, und so musste sich der vierte Schiedsrichter wie ein Ringrichter zwischen die beiden Trainer-Schwergewichte werfen. Es verriet die Frustration Fergusons, der seit mehreren Jahren auf dem Transfermarkt nicht mehr konkurrieren kann mit dem neureichen Stadtrivalen. Zu Beginn der Herausforderung, als City ihm Wayne Rooney abzuwerben drohte und das später bei Carlos Tevez schaffte, hatte Ferguson die Rivalen noch als „noisy neighbours“ abgetan, als lärmenden Nachbarn, also ein wenig lästig und peinlich, aber mehr auch nicht.

          Nun hielten die Fans der „Blues“ der Trainerlegende der „Reds“ ein hämisches Transparent vor: „Die lärmenden Nachbarn werden immer lauter, Alex“. Man kann Fergusons Wut verstehen, es wäre so, als müsste Uli Hoeneß zusehen, wie 1860 München durch einen unendlich reichen Geldgeber binnen nicht mal drei Jahren den FC Bayern in der Bundesliga überholt.

          Das ist natürlich undenkbar, und die Bayern sonnen sich wie fast immer im Erfolg – den ganz nebenbei das 163. Manchester-Derby in noch etwas hellerem Licht erstrahlen lässt. Sollte City nämlich nun den Titel gewinnen, hätten die Bayern in dieser Champions-League-Saison die neuen Meister der beiden stärksten Ligen Europas ausgeschaltet: Real Madrid und Manchester City (und den Schweizer Meister noch dazu). Nun müssen sie nur noch den Sechsten aus England besiegen. Kein Problem? Vorsicht. Dort arbeitet kein arabisches Geld, aber auch ein Russe will gern mal Europa erobern.

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