https://www.faz.net/-gtm-xwi6

Eichlers Eurogoals : Die Kuriositäten-Elf des Fußballjahres

Der Wunderheiler José Mourinho Bild: AP

2010 lieferte uns allmächtige Afrikaner und doch nicht allmächtige Bayern, sorgenfreie Österreicher, die misslungenste Stadiondurchsage seit der Schalker Meisterschaft der Herzen und manch erstaunliche Trainerentlassung. Eichlers Eurogoals blicken zurück auf ein wie immer turbulentes Jahr.

          5 Min.

          Das war's fast schon wieder, das Fußballjahr. Wer die Titel geholt hat, weiß jeder. Es waren die üblichen Verdächtigen wie Inter, Chelsea, Barcelona oder Bayern. Es gibt aber auch noch andere, unbekanntere Fußballtitel, die viel praktischer sind. Man muss für sie Prämien an die Spieler zahlen, und man bekommt auch kein geschmackloses Geschirr aus klobigem Silber, das im Vereinsheim vollstaubt. Sondern etwas viel Eleganteres: eine lobende Erwähnung bei „Eichlers Eurogoals“, der Fußball-Kolumne Ihres Vertrauens. Hier ist sie, die Elf des Jahres 2010.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Durchsage des Jahres

          Mai 2010, Finale der türkischen Meisterschaft: Fernduell zwischen Bursaspor und Fenerbahce, einem der drei großen Istanbuler Klubs, die seit 1984 den Titel unter sich ausgemacht haben. Bursaspor, vor dem letzten Spieltag einen Punkt zurück, gewinnt 2:1 gegen Besiktas. Aber in Istanbul hat der Stadionsprecher von Fenerbahce es nicht richtig mitbekommen. Er teilt über die Lautsprecher mit, dass Bursaspor 2:2 gespielt habe. Damit wäre Fenerbahce Meister, obwohl es hier nur 1:1 gegen Trabzonspor steht.

          Bester oder schlechtester Klub? Riera hat Liverpool jedenfalls verlassen
          Bester oder schlechtester Klub? Riera hat Liverpool jedenfalls verlassen : Bild: AP

          Also ruhen sich die Istanbuler in den letzten Minuten auf dem Ergebnis aus. Oft passen den Ball zu ihrem Torwart zurück. Nach dem Schlusspfiff feiern sie den vermeintlichen Meistertitel. Ein paar Minuten später, als der Irrtum offenbar wird, zünden Fans Sitzschalen an. Und der Präsident verprügelt den Stadionsprecher.

          Wunderheiler des Jahres

          Nach dem bekannten Heilungserfolg bei Inter Mailand wurde er im Sommer ans Krankenbett des spendabelsten Privatpatienten Europas geholt. Das sah auch nicht schlecht aus für Doktor Mourinho bei Real Madrid, jedenfalls bis zum bösen Rückfall im kalten Barcelona (0:5). Nun muss der neue Chefarzt den maladen Altmeister wieder langsam aufpäppeln.

          Am Sonntag ist ein kleiner, erstaunlicher Fortschritt gelungen - der Beweis, dass man auch mit akuter Gelbsucht punkten kann. In der letzten halben Stunde gegen Sevilla bekamen acht Spieler von Real (sogar Özil) eine Gelbe Karte, im Durchschnitt alle vier Minuten. Für Ricardo Carvalho war es schon die zweite, so dass sein Team die letzten 28 Minuten in Unterzahl bestritt. Es reichte trotzdem zum 1:0-Siegtor durch Angel di Maria.

          Geistig beweglichster Fußballer 2010

          „Liverpool ist ein sinkendes Schiff.“ (Der Spanier Albert Riera am 18. März, als er sich auf dem Sprung zu Spartak Moskau glaubte).

          „Liverpool ist einer der besten Klubs der Welt.“ (Derselbe Riera zwei Wochen später, als sein Vereinswechsel geplatzt war).

          Bester Klubname

          Von solch einem Titel können europäische Klubs nur träumen: Tout Puissant Mazembe Lubumbashi. Die „Allmächtigen“. Bis zur vergangenen Woche hatte der Kongo im europäischen Fußballverständnis eher für das Gegenteil gestanden: die Ahnungslosen. Es war ein Relikt von 1974, als Zaire (der heutige Kongo) als erstes afrikanisches Team bei einer Weltmeisterschaft antrat und sich nach dem 0:9 gegen Jugoslawien die lustigste Gelbe Karte der WM-Geschichte abholte.

          Im Spiel gegen Brasilien gab es Freistoß durch den gefürchteten Rivelino, der Schiedsrichter pfiff zum Zeichen, dass der Brasilianer nun schießen dürfe, der ließ sich aber noch Zeit, und ein Zairer dachte: Der Schiri hat ja gepfiffen, und wenn der Brasilianer nicht will, dann schieße ich ihn eben. Er rannte aus der Mauer und holzte die Kugel weit in die gegnerische Hälfte. Bis heute eine Quelle ewiger Fußballheiterkeit.

          Allerdings verging den Brasilianern das Lachen letzte Woche. Bei der Klub-WM verlor ihr Meister Internacional im Halbfinale 0:2 gegen Lubumbashi. Erst im Finale gegen Inter war Schluss für die Kongolesen. Aber da waren sie 2010 in guter Gesellschaft mit dem mächtigen, aber eben auch nicht allmächtigen FC Bayern.

          Schnellste Reaktion

          Wenn es nicht läuft, dann müssen Klubs rasch reagieren. Müssen Trainer entlassen, was sonst. Und das möglichst rasch, um weiteren Schaden abzuwenden. Einen neuen Maßstab für Handlungsschnelligkeit im europäischen Fußball setzte in dieser Saison der FC Bologna. Er entließ Trainer Franco Colomba für schwache Resultate - und das schon, bevor er die schwachen Resultate fabrizieren konnte: einen Tag vor dem Saisonauftakt.

          Nummer zwei des Jahres

          Manuel Pellegrini hat eine fabelhafte Bilanz im ablaufenden Trainer-Jahrzehnt. Der Chilene holte in drei Jahren in Argentinien zwei Meistertitel mit San Lorenzo und River Plate, machte dann den Provinzklub Villarreal zur Nummer drei in Spanien hinter Barca und Real - und verpasste das Champions-League-Finale 2006 nur um einen verschossenen Elfer, als Lehman gegen Riquelme hielt.

          2009 wurde Pellegrini belohnt, mit der Beförderung zu einem Weltklub. Mit Real Madrid holte dort in seiner ersten Saison 31 Liga-Siege, 102 Tore, 96 Punkte, das ist ein Punkteschnitt pro Spiel von mehr als 2,5. Das war Vereinsrekord und hätte 2010 in jeder anderen Liga Europas zum Meistertitel gereicht. Nur leider nicht in Spanien, weil es dort den FC Barcelona gibt, der hatte 99 Punkte. Natürlich wurde Pellegrini entlassen.

          Schönster Stadionname

          Fußball ist nicht die Formel 1, deshalb kriegt auch ein Dosen-Milliardär nicht immer die Titel, die er will. Im Fußball reicht es für Red Bull bisher aber nur für alte Weltstars (Henry in New York), vierte Liga in Deutschland (Leipzig) und das ewige Scheitern in der Champions-League-Qualifikation (Salzburg). Im letzten Heimspiel von Red Bull Salzburg - gegen den Tabellenzweiten Sturm Graz - blieben 25.000 von 30.000 Plätzen leer, Rekord.

          Da hätte mehr als zweimal die komplette Bevölkerung jenes Ortes hineingepasst, der sensationell vorn liegt in Österreich - und passenderweise nicht wie in Deutschland Herbstmeister, sondern „Wintermeister“ genannt wird. Dafür gibt es sogar einen Pokal. Der SV Ried kommt aus einer Kleinstadt im Innviertel, war Drittletzter im vorigen Jahr. Nun ist er Erster und soll sogar eine Rasenheizung bekommen für sein Stadion. Dessen Name drückt aus, wie Fußball sein sollte: Keine-Sorgen-Arena.

          Geringverdiener des Jahres

          Profis beim Inverness Caledonian Thistle Football Club bekommen im Durchschnitt um die 50.000 Euro pro Jahr. Damit kann man sich so gerade Fußballprofi nennen. Es reicht aber, um in die schottische Premier League aufzusteigen. Und um dort Klubs zu ärgern, deren Spieler ebenfalls 50.000 Euro verdienen - pro Woche. Nämlich die beiden Großklubs aus Glasgow, wo die Bravehearts aus der kleinen Hauptstadt der Highlands ein 1:1 bei den Rangers und ein 2:2 (nach 0:2-Rückstand) bei Celtic holten.

          Mit dem 1:1 in St. Mirren hat Inverness nun ein in Europa 2010 einmaliges Kunststück geschafft: ein komplettes Jahr ohne Auswärtsniederlage. Neun Reisen in der zweiten Liga, neun in der ersten, und immer Punkte im Gepäck bei der Rückkehr nach Inverness. Wo sie stets auch etwas Besonderes erwartet: das europäische Erstligastadion mit dem vielleicht schönsten Panorama, einem Blick über kahle Hügel und die kalte, wilde Nordsee.

          Teuerstes Körperteil

          Die Organhändler werden immer dreister: „Im Gespräch ist eine Ablösesumme in Höhe von 15 Millionen Euro für den Linksfuß“, schrieb der Sportinformationsdienst in der vergangenen Woche. Es ging um das Interesse des FC Bayern an dem Hoffenheimer Luiz Gustavo. Oder nur an Gustavos linkem Fuß? Auch die reduzierte Summe von gerade mal zehn Millionen zirkulierte in den Medien. Dafür aber, beteuerte der Hoffenheimer Trainer Ralf Rangnick, „gibt es nur Luiz Gustavos rechten Fuß“.

          Dann wird wohl nichts draus, denn auch Uli Hoeneß kennt die Preise auf dem Ersatzteilmarkt für Kicker. Für 50 Millionen Euro, so hatte er noch im letzten Jahr getönt, bekomme Real Madrid „höchstens ein Bein von Franck Ribéry“. Das Ende ist bekannt. Der Franzose steht immer noch mit beiden Beinen auf bayrischer Erde.

          Dümmster Diebstahl

          Länderspiel Portugal gegen Spanien im November: In der Revanche für das WM-Achtelfinale gibt es eine knackige 0:4-Abreibung für den Weltmeister. Das schönste Tor hat Cristiano Ronaldo geschossen, trotzdem ist er übler Laune. Denn er hat nicht mit der Dämlichkeit eines Kollegen gerechnet.

          Er hat Piqué genarrt und Casillas überlupft, kein Spanier kann das Traumtor nun noch verhindern - aber ein Portugiese kann es. Der egoistische Mitspieler Nani spurtet und springt, um den Ball noch vor der Linie zu berühren und dem Kollegen das hochverdiente Tor zu klauen. Er klaut es damit aber der ganzen Mannschaft. Denn er kam aus dem Abseits.

          Technische Innovation des Jahres

          Frank Lampards nicht gegebenes Tor im WM-Achtelfinale gegen Deutschland entfachte die Diskussion über technische Hilfsmittel im Fußball von Neuem. Dabei gibt es längst eine Video-Überwachung im Fußball - durch die englische Krawallpresse. Sie enthüllte mit elektronischer Hilfe die Eskapaden von John Terry. Der hatte dem Kollegen Wayne Bridge die Lebensgefährtin geschwängert, worauf Bridge aus dem Nationalteam zurücktrat und Terry als Kapitän abtrat.

          Auch rund um die Enthüllung von Wayne Rooneys Auswärtsleistungen im Bett einer 1200-Pfund-pro-Nacht-Dame soll es interessante Aufzeichnungen gegeben haben. Mit anderen Worten: England ist in Sachen Fußballüberwachungstechnik dem Rest der Welt voraus. Und wie im Fall Lampard geht es immer um die alles entscheidende Frage: Drin oder nicht drin?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spontane Proteste gegen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Madrid am Freitagabend.

          Corona in Spanien : Die Angst vor dem Notlazarett

          Die Infektionszahlen in der spanischen Hauptstadt explodieren und die Verwaltung weiß sich nur mit selektiven Ausgangssperren zu helfen. Das öffentliche Leben wird für einen Teil der Bevölkerung drastisch eingeschränkt.
          Der erste Streich: Gnabry nimmt Maß und trifft.

          8:0 gegen Schalke : Die Acht-Tore-Ansage

          Der FC Bayern demonstriert zum Saisonauftakt der Bundesliga seine Überlegenheit und demontiert den FC Schalke nach allen Regeln der Fußball-Kunst. Serge Gnabry trifft beim 8:0 drei Mal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.