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Eichlers Eurogoals : „Der schmutzigste Fußballer des Planeten“

Ein Glück: Im WM-Finale trat Nigel de Jong zu, Xabi Alonso trug keine bleibenden Schäden davon Bild: dpa

Nigel de Jong tritt wieder zu. Diesmal leidet Hatem Ben Arfa unter dem „Horrortackle“. Erinnerungen ans WM-Finale werden wach. Nationaltrainer Bert van Marwijk streicht de Jong aus dem Kader. Und auch woanders gibt es hässliche Fouls.

          Spaziergänger kennen den Spruch: Der tut nichts. Der will nur spielen. Aber nicht nur Hundehalter haben den Satz im Repertoire. Auch Fußballtrainer. „In Nigel ist keine Spur von Bösartigkeit“, sagte am Sonntag Brian Kidd, der Assistenztrainer von Manchester City. „Er ist nicht so ein Typ.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Es ist halt nur blöd gelaufen, damals im März, als der Holländer Nigel de Jong dem Amerikaner Stuart Holden mit einem rücksichtslosen Tackling an der Mittellinie das Bein brach. Es war übrigens ein sogenanntes Freundschaftsspiel, gedacht als WM-Vorbereitung, die dann für Holden schon beendet war. Die WM fiel für ihn aus.

          Blöd gelaufen ist es nun auch für Hatem Ben Arfa, der mit Newcastle United das Pech hatte, schon nach drei Minuten dem Abräumer von Manchester City über den Weg zu laufen. De Jong senste das Standbein des jungen Franzosen in einer Aktion, die in den Schlagzeilen seiner niederländischen Heimat als „Horrortackle“ beschrieben wurde, das Standbein um wie ein Holzfäller einen jungen Baum. So landete auch Ben Arfa im Krankenhaus. Erste Diagnose: Schien- und Wadenbeinbruch, sechs Monate Pause. Der holländische Nationaltrainer Bert van Marwijk reagierte prompt und strich de Jong aus dem Aufgebot.

          De Jongs neuestes Opfer ist Hatem Ben Arfa von Newcastle United

          Gut, dass de Jong die Bundesliga verlassen hat

          Zwischen de Jongs beiden Beiträgen zur Geschäftsförderung der Gipsindustrie lag eine noch brutalere Aktion, die vermutlich als sein bleibender Beitrag ins visuelle Gedächtnis des Fußballs und der WM 2010 eingehen wird: das gestreckte Bein gegen die Brust von Xabi Alonso im WM-Finale gegen Spanien. Es ist ein unfassbares Glück, dass de Jong dabei den 1,83 Meter großen Basken erwischte und nicht einen der beiden anderen Mittelfeldmänner, die nur 1,70 messenden Katalanen Xavi und Iniesta.

          Bei ihnen wäre der Tritt in Halshöhe erfolgt und lebensgefährlich geworden. Aber auch dass Xabi Alonso ohne Spätfolgen blieb, wirkte wie ein kleines Wunder. Ebenso wie die Tatsache, dass auch de Jong es blieb. Für keine seiner drei Rambo-Attacken wurde er vom Platz gestellt. Die Website „101greatgoals“ schreibt nach dem Tritt gegen Ben Arfa, de Jong sei „sehr rasch dabei, der schmutzigste Fußballer des Planeten zu werden“.

          So ist es vielleicht ein Glück, dass der Hamburger SV ihn im vergangenen Jahr für die schöne Summe von 18 Millionen Euro an das neureiche Manchester City verkaufen konnte. Ein Glück vor allem für den Rest der Bundesliga. Es ist auffällig, dass der deutsche Fußball schon seit vielen Jahren mehr keine besonders bösen, brutalen oder hässlichen Fouls erlebt hat, jedenfalls keine von der Sorte, die das Publikum schockiert und den Fußball überschattet hätte.

          Keine Zeitlupenwiederholungen und Zeitungsfotos

          Das spricht für die Einstellung der Profis, aber auch für die Linie der Schiedsrichter, die im Zweifel eine Aktion, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit des Gegners erfolgt, härter bestrafen als etwa die Kollegen in England. Dort neigt man dazu, ein Auge zuzudrücken, sofern noch eine theoretische Chance bestanden hat, den Ball zu spielen. Das dient natürlich auch der Pflege eines historischen Erbes des englischen Fußballs, des Tacklings, das, wenn es mit Augenmaß ausgeführt wird, zu den Dingen gehört, die Fußball packend machen. Im gegenteiligen Fall aber auch zu denen, die Fußball schockierend machen.

          Von solch brutalen Frakturen wie denen der Arsenal-Spieler Eduardo im Jahr 2008 und Aaron Ramsey 2010, nach denen die Fernsehsender auf Zeitlupenwiederholungen und die meisten Zeitungen auf Fotos verzichteten, weil sie dem Publikum nicht zumutbar schienen, ist die Bundesliga seit langem verschont geblieben.

          Wiedergeneser Messi und königlicher Özil treffen

          In Spanien löste vor wenigen Wochen der Tritt von Tomas Ujfalusi, wie de Jong ein früherer HSV-Profi, der nun woanders sein Wesen treibt, Empörung aus. Der Abwehrmann von Atletico Madrid streckte den kleinen Weltstar Lionel Messi mit einem wüsten Tritt gegen das Sprunggelenk nieder. Messi und die Freunde des schönen Fußballs hatten Glück, er kann inzwischen wieder spielen (sein drittes Saisontor reichte beim 1:1 gegen Mallorca aber nicht, und so zog Real Madrid durch ein 6:1 gegen La Coruna, darunter Mesut Özils erster Treffer in Spanien, an Barcelona vorbei).

          Auch in Österreich geht es rücksichtsloser zu als in Deutschland. Im Frühjahr brach der Linzer Jung-Stürmer Lukas Kragl dem schwedischen Torwart von Red Bull Salzburg, Eddie Gustafsson, mit einem brutalen Einsatz das Bein, das mit einem 40 Zentimeter langen Nagel wieder zusammengefügt werden musste. Der Salzburger Trainer Huub Stevens hatte danach erklärt, nach dem Studium der TV-Bilder nicht gut geschlafen zu haben, und seinen Profis einen Tag freigegeben, „weil sie im Kopf frei werden mussten“.

          Verletzungsprobleme in der „Keine-Sorgen-Arena“

          Nun gibt es ein weiteres Opfer, den früher in Frankfurt und Kaiserslautern tätigen Stefan Lexa. Am Wochenende kam er auf Krücken in die Spielstätte seines Klubs SV Ried, die allen Ernstes „Keine-Sorgen-Arena“ heißt (vorher hieß sie „Fill Metallbau Stadion“ und „HomeLife-Arena“). Die Rieder waren nach sechs Siegen in acht Spielen der Überraschungs-Tabellenführer in Österreich, als sie auf Rapid Wien trafen - und ihr bester Spieler von dem Niederländer Jan Vennegoor of Hesselink gefoult wurde.

          Da rissen das Kreuzband von Lexa und die Siegesserie von Ried. Aber auch für Vennegoor hat der Fall womöglich ein Nachspiel. „Sollte das Foul ohne Bezug zum Ball erfolgt sein, ist das schwere Körperverletzung“, wurde der Staatsanwalt von Ried zitiert, der ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Lexa nannte die Aktion „pure Absicht mit Vorsatz“. Vennegoor wird sich mit dem Satz verteidigen, den alle Gefoulten und alle Gebissenen schon mal gehört haben: Er wollte nur spielen.

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