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Eichlers Eurogoals : Das torlose Tor zur Welt

Felix Magath: Mit Fulham ganz unten angekommen Bild: dpa

Die Sommerpause ist beendet - auch für Eichlers Eurogoals. Und wo, wenn nicht in Hamburg, könnte der Blick in die Weiten des internationalen Fußballs beginnen?

          4 Min.

          Hamburg, das Tor zur Welt. Aber nicht das Tor zur großen Fußballwelt. Früher war das vielleicht mal so, als der heute 70-jährige Ferrari-Fahrer Günter Netzer noch Trainer und Spieler holte. Heute ist der HSV ein programmierter Karriereknick. Etwa für René Adler oder Heiko Westermann, die als Nationalspieler nach Hamburg kamen und nun nur noch Bankdrücker beim Tabellenletzten sind. Am meisten aber gilt das für Trainer. Keine guten Aussichten für Mirko Slomka. Und für seinen Nachfolger.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          So gut wie kein Trainer, den der HSV in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren beschäftigte, kam danach noch so richtig auf die Füße. Frank Pagelsdorf landete in Osnabrück, später in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Karriere von Kurt Jara Karriere endete bald nach Hamburg in Salzburg, die von Klaus Toppmöller in Georgien. Ohne Job sind heute auch die früheren HSV-Trainer Huub Stevens, Bruno Labbadia, Martin Jol, Thorsten Fink, Bert van Marwijk. Michael Oenning ging zum Fernsehen.

          Armin Veh, der in Stuttgart Meistertrainer war und danach in Wolfsburg ein Meisterteam übernahm, ist seit dem HSV-Job, der folgte, nur noch im abstiegsgefährdeten Mittelmaß unterwegs, in Frankfurt, jetzt in Stuttgart. Und selbst Thomas Doll, der Letzte, der den HSV im Mai 2006 in die Champions League brachte (und neun Monate später als Tabellenletzter entlassen wurde), landete nach einem Jahr als Klopp-Vorgänger in Dortmund in den äußersten Randbezirken der großen Fußballwelt, in Ankara, in Saudi-Arabien. Derzeit ist er bei Ferencváros Budapest engagiert.  

          Am Ort des veritablen Karriereknicks angekommen: Mirko Slomka
          Am Ort des veritablen Karriereknicks angekommen: Mirko Slomka : Bild: AFP

          Eine glorreiche Ausnahme aber gab es bisher, den Mann, der den HSV einst zum größten Erfolg, dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister, geschossen hatte – Felix Magath. Er schaffte es, trotz zwei Jahren als HSV-Trainer (1995 bis 1997) eine weiterhin stattliche Karriere als kantiger Übungsleiter bei sieben Bundesligaklubs zu machen, mit zwei Double-Gewinnen beim FC Bayern und dem Meistertitel 2009 in Wolfsburg. Doch nun hat der HSV-Trainerfluch wohl auch den Teetrinker mit dem sardonischen Lächeln erwischt. Auf seiner ersten Auslandsstation ergeht es ihm schlechter, als es ihm in Deutschland je hätte ergehen können: Er ist auf Platz 24 angekommen.

          „Felix raus“-Rufe beim FC Fulham

          So tief ist noch kein deutscher Trainer gesunken. 24 Teams spielen in der „Championship“, der zweiten englischen Profiliga, in die Magath mit dem FC Fulham aus der Premier League abgestiegen ist. Mit nur einem Punkt aus sechs Spielen steht Magath nun auch dort ganz unten – und muss am Mittwoch zu Tabellenführer Nottingham Forest. „Felix raus“, riefen die mitgereisten Fulham-Fans bei der 0:3-Niederlage in Reading, die auch der von 1860 München gekommene Torwart Gabor Kiraly und der frühere Schalker Tim Hoogland nicht verhindern konnten.

          Was macht eigentlich Frank Pagelsdorf? Einer aus der abgestürzten HSV-Trainer-Gilde Stevens, Labbadia, Jol, Fink, van Marwijk
          Was macht eigentlich Frank Pagelsdorf? Einer aus der abgestürzten HSV-Trainer-Gilde Stevens, Labbadia, Jol, Fink, van Marwijk : Bild: dpa

          „Ein komischer Mann“, urteilte der frühere Klubbesitzer Mohammed Al Fayed über den Deutschen, der ihm vorgeworfen hatte, „zu wenig investiert“ zu haben. Nach der Pleite in Reading verkündete Magath, in der Teetasse rührend, die üblichen Durchhalteparolen: „Ich schaue nur nach vorn.“ Zurückzuschauen ist auch nicht sehr erheiternd, nach nur vier Siegen in zwanzig Spielen, seit er im Februar nach London kam.

          Der falsche Mann beim falschen Verein

          Vielleicht hat er sich einfach nur den falschen Klub ausgesucht in der Weltmetropole des Fußballs, wo es ja durchaus dankbarere Aufgaben gibt als die beim kleinen Traditionsklub. Etwa beim Süd-Londoner Nachbarn Chelsea, der am Mittwoch (20.45 Uhr / im FAZ.NET-Liveticker) an der Stamford Bridge dem früheren Magath-Klub Schalke auflauern wird – und das mit den beiden bisher besten Einkäufen unter den vielen Stars, die die Premier League in diesem Sommer für über eine Milliarde Euro geholt hat. Mit ihrer Hilfe hat das Team von Trainer José Mourinho nach nur vier Spielen als Tabellenführer bereits fünf Punkte Vorsprung vor Meister Manchester City (2:2 bei Arsenal), sechs vor Arsenal und Liverpool (0:1 gegen Aston Villa), sieben vor Manchester United, das beim Debüt des 75-Millionen-Euro-Einkaufs Angel di Maria seinen ersten Saisonsieg, ein 4:0 gegen die Queens Park Rangers, schaffte.

          Party an dem Stamford Bridge: Diego Costa trifft für Chelsea London
          Party an dem Stamford Bridge: Diego Costa trifft für Chelsea London : Bild: dpa

          Für den Preis eines di María hat Chelsea die doppelte Dosis bekommen, das aktuell beste Duo der Premier League. Cesc Fabregas, für 33 Millionen Euro aus Barcelona zu Chelsea gekommen, weil sein früherer Trainer Arsène Wenger ihn nicht wieder bei Arsenal haben wollte und eine Rücknahmeoption ausschlug, hat sich auf Anhieb als raffinierter Regisseur im zuvor arg muskulös geprägten Chelsea-Team erwiesen. Er führt die Liste der meisten Torvorlagen der Premier League mit sechs an.

          Hauptprofiteur seiner Zuspiele ist Diego Costa, für 38 Millionen Euro vom spanischen Meister Atlético Madrid geholt. Der Torjäger erzielte beim 4:2-Sieg gegen Swansea am Samstag binnen 22 Minuten einen Hattrick und kommt nach seinen ersten vier Ligaspielen in England damit auf sieben Tore. Fast noch unglaublicher als die Zahl seiner Tore ist seine Effizienz. Für die sieben Treffer hat er nur vierzehn Schüsse benötigt, zehn davon kamen aufs Tor.

          Umso erstaunlicher, dass Atlético den Verlust des Torjägers bisher gut verkraftet hat und nach dem Gewinn des Supercups gegen Real Madrid den Lokalrivalen nun auch in der Liga 2:1 besiegte. Aber das musste wohl so kommen, denn Real war von der Europäischen Klub-Vereinigung als „Europas Fußballklub des Jahres 2014“ ausgezeichnet worden. Ein schlechtes Omen, wie die weiteren Preisträger belegen: als Verein mit der „größten Entwicklung in europäischen Wettbewerben“ wurde der österreichische Meister Red Bull Salzburg ausgezeichnet (der danach wie jedes Jahr in den Play-offs der Champions League scheiterte und gegen Malmö FF verlor); und, für „Marketing“, der schottische Meister Celtic Glasgow (der in der Qualifikation zur Champions League nach 1:4- und 0:2-Niederlagen gegen Legia Warschau wegen eines Formfehlers der Polen weiterkam, dann aber gegen NK Maribor ausschied).

          Da konnte die Sache für Real ja nur noch schiefgehen. Zwei Niederlagen in drei Spielen, sechs Punkte Rückstand auf Barcelona. Kein Wunder, dass Toni Kroos schon Sehnsucht nach Pep Guardiola geäußert hat. Also nach guten alten Bayern-Zeiten in der Bundesliga, wo man als Rekordmeister eben meist nicht so sperrige Gegner wie San Sebastian oder Atlético bekommt. Am Samstag fährt der FC Bayern nach Hamburg, dem torlosen Tor zur Welt.

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