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Eichlers Eurogoals : „Das schönste Eigentor aller Zeiten“

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„Und wer deckt den Beckenbauer?“ Später gewann Sepp Maier (rechts) mit der personifizierten Gefahr für das eigene Tor die Weltmeisterschaft Bild: picture-alliance/ dpa

Die Bundesliga kommt nicht mehr mit, die schönsten Eigentore fallen im Ausland. Ein Spanier liefert hohe Kunst, nun gibt es aber Konkurrenz aus einer völlig unerwarteten Richtung: aus Hongkong.

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          Man darf ruhig mal von der Bundesliga schwärmen. Wo in Europa findet man sonst solchen Unterhaltungswert? Allenfalls noch in Spanien bei Cristiano Ronaldo (Saisontore Nummer 18 bis 20 beim 6:2 mit Real in Sevilla) oder Lionel Messi – zwei Treffer beim 4:0 im Finale der Klub-Weltmeisterschaft mit Barca gegen Santos, gekrönt von einem bizarrem Auftritt als „Man of the Match“ inmitten hysterischer Japaner, bei der Messi ein goldener Toyota-Schlüssel von ungefähr seiner Körpergröße als Trophäe überreicht wurde.

          Ab und zu kommt man auch noch in England auf seine Kosten, etwa beim hochklassigen Duell zwischen Tabellenführer Manchester City und Arsenal, das City durch ein Tor des Spaniers David Silva 1:0 gewann. Sonst muss die Bundesliga aber keinen Vergleich mehr scheuen, ob in Sachen Tempo, Spannung, Torgefahr. Halt, eins haben wir da dann doch vergessen, einen Punkt, der auch nicht unwesentlich zum Unterhaltungswert des Fußballs beitragen kann: die Eigentorgefahr.

          Was hat man da früher in Deutschland nicht alles für schöne Eigentore erlebt! Wie das des Frankfurter Torwarts Jürgen Pahl, der es sich 1982 mitten in der Ausholbewegung zum Abwurf noch einmal, leider zu spät, anders überlegte, dann wie ein Hammerwerfer, der die Kurve nicht kriegt, um 180 Grad um die eigene Achse drehte, bis ihm die Kugel entglitt und ins eigene Netz flog.

          Oder das des Bayern-Profis Helmut Winklhofer, der es 1985 mit seinem herrlichen Weitschuss aus dreißig Metern über den eigenen Torwart Jean-Marie Pfaff hinweg als erster schaffte, mit einem Eigentor zum „Tor des Monats“ gewählt zu werden – beziehungsweise zu dessen Schütze.

          Und auch der Mönchengladbacher Joachim Stadler schoss das schönste Tor seiner Karriere in die falsche Richtung – 1993 lenkte er eine Flanke mit der rechten Hacke von hinten über die linke Schulter aus 14 Metern in den Winkel. Die eigenen Fans feierten ihn dafür ironisch als „Diego, Diego“.

          Ja, sogar ein Beckenbauer schoss echte Eigentore, ehe er zum verlässlichen Lieferanten verbaler Eigentore umschulte. Als er einmal in zwei Spielen nacheinander ins eigene Tor getroffen hatte, fragte Torwart Sepp Maier vor der nächsten Partie: „Und wer deckt am Samstag den Beckenbauer?“ Später schaffte der größte deutsche Fußballer etwas noch Exklusiveres: Er schoss in seinem Abschiedsspiel mit Cosmos New York in den Vereinigten Staaten 1983 ein Eigentor.

          Inzwischen kommen deutsche Kicker in dieser Übung international nicht mehr ganz mit. Etwa mit Iñigo Martínez, dem Verteidiger von Real Sociedad San Sebastian. Anfang September lenkte der 20 Jahre alte Spanier im Junioren-Länderspiel gegen Georgien einen Ball aus über dreißig Metern mit der Hacke ins eigene Tor – was von Fans im Internet schon als „schönstes Eigentor aller Zeiten“ gefeiert wurde.

          Das war wohl etwas voreilig, denn nun gibt es harte Konkurrenz. Sie kommt aus einer völlig unerwarteten Richtung: aus Hongkong. Ja, auch dort gibt es Erstligafußball, und es gibt Legionäre aus allerlei exotischen Ländern. Einer davon ist ein Nigerianer namens Festus Baise, mit dessen Vornamen man früher allenfalls als maultierreitender Hilfssheriff in der Western-Serie „Rauchende Colts“ reüssieren konnte.

          Nun aber hat sich der Fußballer Festus mit einer einzigen Aktion einen bleibenden Eintrag im optischen Gedächtnis der virtuellen Fußballwelt gesichert. In der 80. Minute des Spiels gegen Citizen AA flog eine Flanke in den Strafraum von Sun Hei, dem Team von Baise.

          Der Ball kam halbhoch hinter dem Rücken des Verteidigers herunter, war also kaum für ihn zu erreichen, außer mit einem artistischen Geistesblitz. Und den hatte der Nigerianer. Er hob ab, als wolle er per Bauchplatscher in einen Badeteich springen, hob hinterrücks die Ferse und erwischte mit ihr den Ball.

          Im Englischen nennt man das „Scorpion Kick“, seit der latent wahnsinnige Torwart René Higuita in einem Länderspiel mit Kolumbien im Londoner Wembley-Stadion einmal einen Schuss, der auf ihn zuflog, nicht mit den Händen pflückte, sondern auf diese Weise, nach vorn springend, hinter dem Rücken mit den Hacken wegschlug.

          Baise hat das jetzt noch gesteigert: ein traumschönes Eigentor mit dem Schuss des Skorpions. Im hohen Bogen flog die Kugel, von seiner Ferse getroffen, von der rechten Strafraumecke unerreichbar ins linke obere Toreck. Es erinnerte an das Tor des Gladbachers Stadler von 1993, war aber noch deutlich spektakulärer.

          Den Ruhm dieses Treffers wird der Fußballer Festus nie wieder loswerden. So ungerecht kann das Kicker-Leben eben sein. Man müht sich jahrelang tüchtig ab, tut seine Arbeit verlässlich, ohne groß aufzufallen, dann aber passiert irgendein winziges unwahrscheinliches Malheur, und am Ende erinnern sich 99 Prozent aller Leute nur an diesen einen Moment. Bist du nicht der, der damals dieses Eigentor geschossen hat?

          Aber manchmal ist das Leben doch gerecht, wie bei einem anderen Afrikaner, Djimi Traoré. 2005 versuchte der Verteidiger aus Mali im Pokalspiel mit dem FC Liverpool in Burnley einen Ball vom eigenen Tor wegzubefördern – aber nicht nach guter alter Innenverteidiger-Art mit einem Schlag auf die Tribüne, sondern mit einer Ballstreichel-Pirouette nach Art von Zinédine Zidane (Sohle links, Sohle rechts, dabei 360 Grad gedreht).

          Leider tat er das im eigenen Fünfmeterraum, und leider schaffte er nur 270 Grad. Es war das 1:0 für den Außenseiter, zugleich der Endstand. Zu allem Spott erhielt der arme Verteidiger auch noch eine SMS vom großen Zidane: „Schöner Versuch, falsche Richtung.“

          Aber, wie gesagt, in diesem Fall glich das launische Fußballschicksal das Glückskonto des Djimi Traoré wieder aus. Nur vier Monate später hielt er wieder den Fuß hin – und rettete auf der Torlinie gegen Milan-Star Andrej Schewtschenko dem FC Liverpool den sensationellsten Finalsieg der Champions-League-Geschichte.

          Für alle, die einen ähnlichen Kandidaten in ihrem Team, ihrer Familie, dem Freundes- oder auch Kollegenkreis kennen, bei dem sich aber nach Fehlleistungen partout nicht die fällige Gegenentwicklung einstellen will, hätten wir hier noch den passenden Vorschlag für ein spätes Weihnachtsgeschenk. Es ist eine Idee der Fußballer einer finnischen Mannschaft, deren Mitspieler Pentti Kekkola 1986 in nur einer Saison gleich fünf Eigentore schoss. Sie schenkten ihm einen Kompass.

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