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Eichlers Eurogoals : Bittere Medizin

Wortlos und niedergeschlagen: Felix Magath nach seinem ersten Abstieg Bild: AFP

Zum ersten Mal wird ein Abschied von Felix Magath nicht gefeiert, denn diesmal endet das Engagement des Medizinballmanns mit dem Abstieg. Das Modell Alleinherrscher hat endgültig ausgedient.

          3 Min.

          Wie konnte man nur auf diese Idee kommen: Einen Ball zu erfinden, mit dem man nicht spielen kann? Das musste einfach eine deutsche Idee sein. So kam es zu dem verbreiteten Glauben, dass der Engländer den Fußball, der Amerikaner den Basketball, der Deutsche aber den Medizinball erfunden habe. Zumindest Letzteres stimmt nicht. Wie Historiker herausfanden, verdanken Generationen deutscher Schüler ihren größten Sportstunden-Horror einer erst später nach Deutschland importierten Idee aus Amerika. Es war ein New Yorker Polizist und Hobby-Boxer namens William Muldoon, der aus dem schönsten aller Spielgeräte die Luft und damit die Lust rausließ.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Doch das deutsche Ertüchtigungswesen hat das spaßfreie Sportobjekt so rasch adoptiert, als wär’s ein deutsches Baby. Und so wurde in den rund hundert Jahren, seit er über den Atlantik kam, der Medizinball, wie die „Ärzte-Zeitung“ fand, „das wohl deutscheste aller Sportgeräte“.

          Warum nur? Der Ball, dieses wunderbare Medium der Leichtigkeit des Seins, des freien Ernstes in der spielerischen Verschwendung von Lebensfreude – sollte er nicht ein Geschenk an den Menschen sein? Der laut Schiller ja nur da ganz Mensch ist, wo er spielt? Aber nein – der Ball als Kasteiung, als Ertüchtigung, als medizinische Anwendung. Was für Menschen denken sich so etwas aus?

          Felix Magath hat sich den Medizinball natürlich nicht ausgedacht. Aber er machte ihn allzu gern zum Sinnbild seines Images und seiner Idee vom Fußball als Ergebnis freudloser Fron. Und zwar so erfolgreich, dass der „Brillenträger des Jahres 2004“ auch die Wahl zum „Medizinballmann des Jahres“ gewänne, und das vermutlich jedes Jahr, wenn es sie denn gäbe.

          Solchen Männern traut man alles zu. Und so fand sich Magath, der einst auf Schalke sogar noch den filigranen Weltstar Raúl auf dessen alte Tage mit den Unfreuden des Medizinballs bekannt machte, im Februar bei seinem Wechsel nach England in den Begrüßungsartikeln der landestypischen Presse mit den knackigsten Attributen versehen. Uli Hoeneß, sein alter Feind seit gemeinsamen Jahren beim FC Bayern, hatte ihm nachgesagt, er presse Spieler aus „wie eine Zitrone“, weswegen diese stets „eine Party feiern, wenn er geht“. Die englischen Schlagzeilen-Dichter machten daraus in leicht zugespitzter Übersetzung das hübsche Arbeitszeugnis durch den früheren Chef Hoeneß, Magath sei „paranoid“ und „ein Sadist“.

          In den knapp drei Monaten beim FC Fulham sah er allerdings eher wie ein Masochist aus. Und am Samstag wirkte es gar nicht, als wollte dort irgend jemand eine Party feiern. Schließlich waren diesmal, als Magath gescheitert war, erstmals auch seine Spieler gescheitert: Es ist der erste Abstieg seiner Karriere. Wie Augenzeugen berichteten, saß Magath nach dem 1:4 in Stoke, das für den Süd-Londoner Klub nach 13 Jahren den Absturz aus der Premier League bedeutet, wortlos und niedergeschlagen in der Kabine.

          Dann aber fing er sich – und das in einer interessanten Parallele zu seinem alten Intimfeind Hoeneß. Wie der sozial abgestiegene Bayern-Präsident am Freitag vor den Klubmitgliedern, so verkündete auch der sportliche abgestiegene Fulham-Trainer am Samstag vor der Presse die bewährte Stehaufmännchen-Mischung: erstens Verantwortung übernehmen für das, wofür man sowieso verantwortlich ist (zu wenig Steuern bezahlt, zu wenig Punkte geholt); zweitens beteuern, dass man unbeirrt weitermachen/wiederkommen/sich nicht unterkriegen lassen werde.

          Barocke Wucht: der Kämpfer Hoeneß bleibt eine Macht
          Barocke Wucht: der Kämpfer Hoeneß bleibt eine Macht : Bild: picture alliance / augenklick/fi

          „Man kann sich vorstellen, dass dies einer der schlimmsten Tage meines Lebens war“, sagte Magath. „Aber wir können ein Comeback starten. Ich wünsche mir, diese Chance zu bekommen“. Ob er bleiben darf, soll noch vor dem letzten Saisonspiel gegen Crystal Palace entschieden werden. Besonders gute Argumente hat Magath nach nur elf Punkten aus elf Spielen nicht.

          Andere Klubs im Abstiegskampf hatten ein deutlich glücklicheres Händchen beim Trainerwechsel. Wie der Aufsteiger Crystal Palace mit Trainer Tony Pulis, der im April mit fünf Siegen in Folge, darunter gegen Chelsea und Everton, einen sicheren Platz erreicht hat. Oder wie der AFC Sunderland mit Gus Poyet, der noch vor Ostern als Tabellenletzter mit einem brutalen Restprogramm wie ein sicherer Absteiger aussah, dann aber ein 2:2 bei Manchester City, einen 2:1-Sieg bei Chelsea und zuletzt einen 1:0-Sieg bei Manchester United schaffte – und in zwei ausstehenden Heimspielen nur noch einen Punkt zur Rettung benötigt.

          Glückliches Händchen: Gus Poyet hat Sunderland voran gebracht
          Glückliches Händchen: Gus Poyet hat Sunderland voran gebracht : Bild: AFP

          Es ist schon überraschend, wie schnell die Luft raus sein kann aus einem wie Medizinball-Magath – er erinnert an jenen bestimmten, überlegen lächelnden Typ Sportlehrer, den man aus der Schule kennt und der nirgendwo Verbündete hinterlässt. Noch vor knapp zwei Jahren galt er als der neben Hoeneß mächtigste Mann der Bundesliga, der in Wolfsburg 2009 Meister geworden war, Schalke 2010 in die Nähe des Titels geführt hatte und anschließend nach der Rückkehr nach Wolfsburg eine einmalige Fülle an Machtpositionen als Trainer, Manager und Geschäftsführer auf sich vereinte. Diese Macht nutzte er für ausgiebige Einkaufstouren auf dem Spielermarkt und für die Aufblähung eines Kaders, wie sie bei einem Klub ohne die Wolfsburger VW-Subventionen ruinös geworden wäre.  

          Deshalb begann und endete dieses neuartige Alleinherrscher-Modell der Bundesliga mit dem, der es erst durch- und dann in den Sand setzte. Bei seiner Entlassung im Oktober 2012 war Wolfsburg Tabellenletzter mit zwei Toren aus acht Spielen. Danach kokettierte der unbeschäftigte Magath öffentlich eine Zeitlang mit den vielen Wahlmöglichkeiten herum, die sich ihm angeblich böten, als möglicher Manager, als gefragter Klubtrainer im In- und Ausland und sogar als Nationaltrainer in spe. Dann dauerte es anderthalb Jahre, bis er ein Himmelfahrtskommando übernahm. Nun bettelt er um einen Job in der Zweiten Liga.

          Den Medizinball hat Magath nicht erfunden. Aber der Fußball lag bisher noch jedem seiner Teams am Ende so schwer am Fuß, als wär’s einer.

          Das Alleinherrschermodell hat abgedankt: Magath wird kleinlaut
          Das Alleinherrschermodell hat abgedankt: Magath wird kleinlaut : Bild: AFP

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