https://www.faz.net/-gtm-81daq

Eichlers Eurogoals : Aufstand der frechen Fußballzwerge

In Bhutan lebt der Traum von der WM-Teilnahme 2018 Bild: AP

Gibraltar, San Marino – und jetzt auch noch Bhutan: Dass es im Fußball keine „Kleinen“ mehr gibt, weiß heute jeder. Doch während die Zwerge munter aufmucken, murren die Großmächte am Leder lieber, als mit Klasse und Kampfgeist dagegen zu halten.

          Die EM-Qualifikation für 2016 geht in ihre fünfte von zehn Runden. Da ist es an der Zeit, mal daran zu erinnern, wer kurz vor Halbzeit auf dem Weg nach Frankreich aktuell auf einem direkten Qualifikationsplatz liegt. Zum Beispiel: Island, Irland, Nordirland, Wales. Und wer nicht! Holland, Belgien, Griechenland und Deutschland, zum Beispiel.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Es ist ein bisschen untergegangen im ruhmreichen WM-Jahr 2014, dass klammheimlich die Kleinen, die es laut Rudi Völler ja schon lange eigentlich gar nicht mehr gibt, aufbegehren gegen die alte Fußball-Hierarchie – mal heimlich, mal unheimlich. Allen voran die Isländer, die damals, 2003 in Reykjavik, mit einem 0:0 gegen Deutschland in der EM-Qualifikation die fernsehreife Verwandlung des Bundestrainers Völler in einen ortstypischen Geysir auslösten. Völlig enthemmt  wetterte er gegen Moderator Waldemar Hartmann („Du sitzt hier locker bequem auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken und bist schön locker“) und den Experten Günter Netzer („Früher, der Günter, was die für einen Scheiß gespielt haben, die haben doch Standfußball gespielt!“).

          Alles andere als ein Märchen

          In der aktuellen EM-Qualifikation hätten die Trainer großer Nationen gleich reihenweise Grund, aus der Haut zu fahren. Die Kleinen mucken auf wie nie, und die Fans und Medien der Groß- oder Mittelmächte murren. Zypern gewann 2:1 in Bosnien und liegt vor dem WM-Viertelfinalisten Belgien. Malta schaffte ein 1:1 in Bulgarien und verlor nur 0:1 gegen Italien. Liechtenstein, inzwischen 123. der Weltrangliste und damit vor dem nächsten deutschen Gegner Georgien platziert, gelang ein 0:0 gegen Montenegro und ein 1:0 in Moldawien, ehe man am Freitag den Nachbarn Österreich ärgern will. Und ärgern kann man große Gegner ja selbst, wenn man verliert, wie es Gibraltar gelang, dem jüngsten und kleinsten Teilnehmer der Qualifikation. Beim 0:4 in Nürnberg trieb er den Weltmeistertrainer Joachim Löw zur Weißglut.

          Der Aufstand der Zwerge ist kein Märchen – doch anders als bei den Brüdern Grimm sind es mehr als sieben. Luxemburg gelang ein 1:1 gegen Weißrussland. Albanien gewann 1:0 gegen Portugal und spielte 1:1 gegen Dänemark. Und Aldo Simoncini, der Torwart des Zwergstaats San Marino, dessen Karriere im Nationalteam mit dem 0:13 gegen Deutschland in der WM-Qualifikation 2006 eher mittelmäßig begonnen hatte, erlebte nach 41 Länderspielen mit 41 Niederlagen und 120 Gegentoren jenes Fußballwunder, das sein winziges Land vom 209. und letzten Platz der Weltrangliste um 28 Ränge nach oben schoss: ein 0:0 gegen Estland. Der Informatik-Student will allerdings so lang spielen, bis sie einmal gewonnen haben. Das kann dauern.

          Ein Spiel ohne Gegentor hat San Marinos Nationaltorhüter Simoncini schon erreicht. Was fehlt, ist ein Sieg

          Mindestens ebenso historisch der 1:0-Sieg der Färöer, eines Inselvolks von nur 50.000 Menschen, und das beim WM-Achtelfinalisten Griechenland. Torwart Gunnar Nielsen verriet der Zeitschrift „11 Freunde“ das „Geheimnis unseres Erfolges“, der nach der Heimkehr mit Freibier und Wasserfontänen der Feuerwehr begossen wurde: „Vor den Spielen machen wir immer einen Spaziergang mit dem ganzen Team. Und unser Co-Trainer Jonas Jefferson erzählt auf den Spaziergängen immer einen Witz. Aber vor dem Spiel gegen Griechenland tat er das nicht. Vielleicht war er schlecht gelaunt. Aber er hat das Ritual gebrochen, und prompt haben wir gewonnen. Daran muss es also liegen.“ Vielleicht ahnte der taktvolle Co-Trainer, dass man über Griechenland inzwischen nur noch schlechte Witze machen kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundesbankpräsident Weidmann : „Ich sehe keinen Grund zur Panik“

          Die Aussichten für die Konjunktur trüben sich ein. Bundesbankpräsident Weidmann hält einen Großeinsatz der Geldpolitik aber für falsch. Im Interview spricht er über den drohenden Abschwung, übertriebene Angst vor Inflation – und warum die Zinsen noch tiefer sinken können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.