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Eichlers Eurogoals : Angebote, die man nicht ablehnen kann

Palermos Torwart Salvatore Sirigu: die Saugkraft seiner Hände chronisch überschätzt Bild: dapd

Sizilianische Selbstüberschätzung, Titellosigkeit durch eigene Schusseligkeit und ein verloren gegangener Mythos: Auch ohne Oscarverleihung muss sich der Fußball nicht hinter den Drehbüchern von Hollywood verstecken.

          Die Oscars sind vergeben. Aber immer wieder kann man feststellen, dass der Fußball sich hinter den Drehbüchern von Hollywood nicht verstecken muss. Man nehme nur die legendären Worte aus „Der Pate“, die in der offiziellen Liste des „American Film Institute“ Platz zwei unter den besten Zitaten der Kinogeschichte belegen. Der Satz aus dem Munde von Marlon Brando alias Don Corleone ist auch ein Fußballklassiker. Einer, der an jedem Wochenende aus der Körpersprache überforderter Abwehrspieler abzulesen ist: „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.“ Die sizilianischen Wurzeln dieser Grundhaltung spiegelten sich am Wochenende zum Beispiel sehr schön in den Angeboten wider, die die Abwehr von US Palermo den Gästen aus Udine machte. Ein eigener Eckball ohne Mann an der Mittellinie zur Absicherung; ein Torwart, der die Haltbarkeit des Balles und die Saugkraft seiner Hände chronisch überschätzte; dazu einige Verteidiger, die gern locker das Füßchen hochnahmen; schließlich noch zwei Platzverweise - so verliert man auch auf Sizilien schon mal 0:7.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der junge Chilene Alexis Sanchez, der im nächsten Sommer zu einem großen Klub gehen wird und ein neuer Robben werden könnte, und der alte Italiener Antonio di Natale, einer der stillsten und schärfsten Knipser Europas, teilten sich die sieben Tore untereinander auf - vier für Sanchez, drei für di Natale. Die Höflichkeit des Gastes gebot es, nach sechzig Minuten aufzuhören mit dem Toreschießen. Sonst wäre es zweistellig ausgegangen, also tödlich beleidigend. Und so etwas tut man auf Sizilien besser nicht.

          Das Angebot der Woche kam von einer anderen Insel, aus England, wo es der FC Arsenal verstand, seine seit 2005 andauernde Titellosigkeit weiter zu verlängern. Im Ligapokal-Finale in Wembley wurde aus dem Barcelona-Besieger ein Birmingham-Besiegter, weil in der 90. Minute Torwart Szczesny und Abwehrspieler Koscielny, offenbar verwirrt über das kombinierte Konsonanten-Gewirr ihrer Nachnamen, sich beim Klären eines harmlosen Balles ineinander verhedderten. So landete der Ball wenige Meter vor dem leeren Tor einladend vor dem Fuß von Obafemi Martins. Und der frühere Wolfsburger konnte ein 2:1-Siegtor erzielen, das auch seine Großmutter geschafft hätte. Den dreifachen Flickflack danach allerdings wohl nicht.

          Udineses Stürmer konnten die sizilianischen Angebote nicht ablehnen: vier Tore für Sanchez, drei für di Natale

          Zurück nach Italien, wo auch der Torwart von Sampdoria Genua, Gianluca Curci, ein Angebot machte, das man nicht ausschlagen kann. Es stand nach 75 Minuten immer noch 0:0 gegen Meister Inter Mailand, da stellte er seine Mauer so zurecht, dass er vom linken Pfosten aus den kleinen Wesley Sneijder dahinter nicht mehr sehen konnte. Dann ging er in die Mitte des Tores, wobei er seinen Mauerbrüdern noch zurief, ja hochzuspringen, um die Flugkurve des Freistoßes abzuschneiden. Sie sprangen dann auch hoch. Doch Sneijder wählte einfach die andere Art von Kurve - nicht über die Mauer, sondern um die Mauer herum, bei deren Platzierung die ballistische Krümmung von Bananenbällen nicht ausreichend gewürdigt worden war. Genau da, wo der Torwart noch zwei Sekunden vorher gestanden hatte, ging der Ball ins Netz. Danach traf auch Eto'o, Inter gewann 2:0.

          Den Italienern ist ein Mythos verloren gegangen

          Italien hat nicht nur den vierten Champions-League-Platz verloren, den man von der übernächsten Saison an wieder an Deutschland abgeben muss. Sondern auch den Mythos, dass ein Italiener nichts mehr hergibt, was er einmal hat. Jedenfalls einen Vorsprung. Seit der AC Mailand 2005 im Champions-League-Finale bei 3:0-Pausenführung gegen Liverpool in der Kabine schon vor der zweiten Halbzeit feierte und dann noch verlor, ist der Lack irgendwie ab.

          Speziell in der Hauptstadt, wo der AS Rom, eine Woche nach der 3:4-Niederlage bei CFC Genua (nach 3:0-Führung), nun eine 2:0-Führung gegen Lecce herschenkte und nur 2:2 spielte. Lokalrivale Lazio blamierte sich derweil mit einem 0:1 in Cagliari - wo Lazio-Abwehrspieler Andre Dias einen Richtung Toraus trudelnden Ball in Abwesenheit jeglicher Gegenspieler mit der Hüfte ins eigene Tor stolperte.

          Juventus hätte Gaddafis Angebot besser ausgeschlagen

          Manchmal aber nimmt man auch Angebote an, die man besser ausgeschlagen hätte. Etwa solche von Muammar al-Gaddafi. Der libysche Diktator brachte mit seinen Öl-Dollars einst seinen Sohn Al-Saadi in der Serie A bei AC Perugia unter, wo der einmal 15 Minuten gegen Juventus Turin spielen durfte (und bei der Dopingprobe durchfiel). Vor zehn Jahren kaufte sich Gaddafi über seinen Auslands-Fonds mit 7,5 Prozent bei Juventus ein, das daraufhin 2002 das Ligapokalfinale gegen Parma in der libyschen Hauptstadt Tripolis austrug.

          Nun rätselt man in Turin nach dem 0:2 gegen Bologna und nach dem Anfang vom Ende Gaddafis nicht nur sportlich, wie es weitergeht. Was passiert mit den Anteilen? Immerhin geht es Turin noch besser als Triest, wo sich der Gaddafi-Clan einst gar mit 33 Prozent eingekauft hatte. Inzwischen ist bei dem Zweitligaklub mangels Erfolgen und Zuschauern eine ganze Tribüne geschlossen und mit einer großen Plastikplane mit dem Foto einer fröhlichen Menschenmenge darauf abgedeckt worden. Was ja ganz gut passt, schließlich ist ja auch dem Mann aus Libyen zuletzt das Volk abhanden gekommen. Zeit, dass ihm endlich einer das richtige Angebot macht.

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