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Eichlers Eurogoals : Aktive Altenpflege am Ball

Filippo Inzaghi: Scheinbar nur an Vespas und Mädchen interessiert Bild: dpa

Jenseits der dreißig sind die Torjägertage oft gezählt. Wer in Gegners Strafraum alt werden will, muss deshalb der Jugend ein Schnippchen schlagen. Der Brecher, der Schleicher und der scheinbar lustlose Rumlungerer zeigen, wie es geht.

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          Fußball ist keine Ü-30-Party. Jedenfalls nicht für Angreifer. Andrej Schewtschenko begeisterte als einer der besten Stürmer der Welt, solange er beim AC Mailand und noch keine dreißig war. Dann ging er zum FC Chelsea. Von da an stand vorn bei seiner Altersangabe als erste Ziffer eine Drei und hinten, in der Rubrik, wo die Trefferquote angezeigt wurde, meistens eine Null. Auf neun Tore in der Premier League kam der Ukrainer in drei Jahren bei Chelsea. Die Beine waren „weg“, wie man in England sagt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Ähnlich ging es Thierry Henry, dem schnellsten Mittelstürmer der Welt, jedenfalls so lang er beim FC Arsenal und noch keine dreißig war. Dann ging er nach Barcelona, wo man ihn erst auf den linken Flügel und dann mehr und mehr auf die Bank abschob. Zuletzt war er nicht mal in der US-Liga bei Red Bull New York noch schnell genug, um Verteidigern davonzulaufen. Nun kehrt er für die sieben Wochen, bis drüben die Saison wieder beginnt, als Leihkraft zu Arsenal zurück. Für die einen klingt das nach der großen alten Zeit und der Hoffnung, dass sie zurück kommt. Für die anderen klingt es, als würde man Michael Schumachers Formel-1-Ferrari des frühen 21. Jahrhunderts gegen das heutige Gerät von Sebastian Vettel antreten lassen.

          Als Verteidiger hat man es leichter mit dem Altwerden. Da kann man das eine durch das andere ausgleichen: dass man nicht mehr richtig läuft dadurch, dass man wenigstens richtig steht. Als Stürmer aber funktioniert das nicht. Und unweigerlich steigt zwar in der zweiten Hälfte einer Profikarriere die Stellungssicherheit, es sinkt jedoch genauso unweigerlich der Beschleunigungswert. Zwei Ausnahmen nur gibt es von der Stürmerregel, dass jenseits der dreißig die Torjägertage gezählt sind: den Brecher und den Schleicher.

          Didier Drogba (oben): Physis und Wucht einer Naturgewalt
          Didier Drogba (oben): Physis und Wucht einer Naturgewalt : Bild: AFP

          Der Brecher ist der seltenere der beiden. Der trefflichste Typ dieser Spezies ist immer noch Didier Drogba, dem seine Physis und Wucht es auch mit fast 34 Jahren ermöglichen, Verteidiger abzudrängen und Raum zu gewinnen. Er wird das von nächster Woche an beim Afrika-Cup mit der Elfenbeinküste tun, in Gabun und Äquatorialguinea.

          Aber selbst für die Naturgewalt Drogba läuft die Zeit ab. Chelsea hat ihm zwar einen neuen Vertrag angeboten, doch Drogba lehnt ab, um sich für andere Angebote zu öffnen. Er weiß, dass er bei Chelsea immer weniger Einsätze bekommen wird, und liebäugelt mit einer schwächeren, langsameren, sonnigeren Liga. In der könnte er auch bei unweigerlich nachlassender Körperkraft noch ein paar Jahre glänzen.

          Miroslav Klose: der effizienteste Schleicher des deutschen Fußballs findet in Italien ideale Bedingungen
          Miroslav Klose: der effizienteste Schleicher des deutschen Fußballs findet in Italien ideale Bedingungen : Bild: dpa

          Leichter mit dem Altern hat’s der leichtfüßige Typ, der Kleine und Wendige von der Sorte eines Henrik Larsson. 2006, mit fast 35 Jahren, wurde der Schwede nach seiner Einwechslung dank der Räume, in die er sich schlich, der entscheidende Spieler des FC Barcelona im Champions-League-Finale gegen Arsenal. Ein halbes Jahr später bekam er sogar noch einen Leihvertrag bei Manchester United.

          Die besten Arbeitsbedingungen für diese Art Stürmer bietet allerdings die Serie A mit ihrem eher beschaulichen Grundtempo. Deshalb war es für Miroslav Klose, den effizientesten Schleicher der deutschen Fußballgeschichte, perspektivisch eine gute Wahl, nicht in Deutschland zu bleiben oder gar nach England zu gehen, sondern nach Italien. Dank seiner acht Tore in bisher 16 Spielen hat es Lazio Rom zuletzt bis auf Platz gebracht. Allerdings gab es am Wochenende eine peinliche 0:4-Niederlage beim Aufsteiger AC Siena.

          Scheinbar lustlos rumlungern - dann zuschlagen

          Einen Platz vor Lazio in der Tabelle und vier Tore vor Klose in der Torjägerliste steht der Mann, der die Arbeit als Senior-Stürmer zur Kunstform erhoben hat. Antonio di Natale ist eine etwas kleinere und etwas bulligere Version des listigsten aller Strafraumschleicher, Filippo Inzaghi - jene Verkörperung des unverwechselbar italienischen Typs von Angreifer, der scheinbar lustlos an irgendeiner Strafraumecke herumzulungern schien, als sei er gar nicht am Spiel, nur an seiner frisierten Vespa und den vorbeischlendernden Mädchen interessiert; der auf diese Weise die Verteidiger in falscher Sicherheit wog und dann plötzlich zuschlug. Inzaghi ist, mit 38, offiziell sogar noch als Profi aktiv. Er steht, obwohl zuletzt kaum noch eingesetzt, bis Mitte 2012, noch bei Meister AC Mailand unter Vertrag.

          Antonio di Natale: die bulligere Version des Strafraumschleichers
          Antonio di Natale: die bulligere Version des Strafraumschleichers : Bild: AFP

          Di Natale hat es nie zu einem solch großen Verein geschafft. Doch seine Tore haben Udine zum größten unter den kleinen Klubs der Serie A gemacht. Auch an diesem Wochenende hat er wieder getroffen, beim 3:1 gegen Cesena brauchte er für das erste Tor nur 48 Sekunden nach Anpfiff. Am Ende traf er noch einmal und erhöhte damit seine Bilanz seit Mitte 2009 auf 69 Tore in 84 Spielen.

          Damit ist di Natale der trefflichste Ü-30-Stürmer der Gegenwart. Selbst den jugendbewegten Nationaltrainer Cesare Prandelli, der die seit dem WM-Sieg 2006 personell und taktisch immer antiquierter gewordene „Squadra azzurra“ zuletzt erfolgreich aufgemischt und aufgefrischt hat, überzeugt die Torquote di Natales. Prandelli, sonst auf Verjüngung erpicht, hat nun erklärt, di Natale zurück ins Nationalteam zu holen. Dadurch eröffnet sich für den Seniorensportler aus dem Friaul eine reizvolle Perspektive: eine Fußball-EM mit fast 35 Jahren.

          Henrik Larsson (l.): der kleine Wendige war mit 35 noch flink genug
          Henrik Larsson (l.): der kleine Wendige war mit 35 noch flink genug : Bild: AP

          Womit di Natale allerdings nicht einmal der jüngste Strafraumrentner der EM wäre. Schewtschenko, der schon 35 ist, wird auch mitspielen, wenngleich mangels Form weniger als Torjäger, eher als spielendes Maskottchen des EM-Gastgebers Ukraine. Klose, der am Tag des ersten deutschen Spiels gegen Portugal seinen 34. Geburtstag feiern darf, wird natürlich auch dabei sein, wenn nichts dazwischen kommt.

          Vielleicht wird sogar Raúl dabei sein, der seit fast sechs Jahren nicht mehr im spanischen Nationalteam gespielt hat, nun aber, mit bald 35, wieder zum Thema für Trainer Vicente del Bosque geworden ist - weil dessen Top-Stürmer David Villa (Schienbeinbruch) und Fernando Torres (Formkrise) auszufallen drohen. Und sogar Ruud van Nistelrooy, der am Finaltag der Euro 2012 seinen 36. Geburtstag feiert, hofft, das im Oranje-Trikot der Niederländer mit dem EM-Pokal in der Hand zu tun.

          Thierry Henry (links): einst der schnellste Mittelstürmer der Welt
          Thierry Henry (links): einst der schnellste Mittelstürmer der Welt : Bild: AFP

          Di Natale, Klose, Raúl, van Nistelrooy – kann es sein, dass am Ende alle Turnierfavoriten mit Torjägern biblischen Alters zur Europameisterschaft reisen? Aktive Altenpflege am Ball? Spielerische Antwort auf die demographische Entwicklung? Wenn ja, dann Hut ab. Wer im gegnerischen Strafraum alt werden will, muss der Jugend ein Schnippchen schlagen. Vielleicht wird die EM ja doch eine Ü-30-Party.

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