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Eichlers Eurogoals : 19:18 - Griechen sind nicht immer Betonmischer

Zum Feiern ist es nie zu spät - auch wenn die Zuschauer schon gegangen sind Bild: dpa

Bunter kann ein Fußball-Wochenende kaum sein: In Athen gibt es ein torreiches Finale. In Madrid holen sich die „Königlichen“ eine Abreibung, die sie nie vergessen werden. Und in Liverpool tritt Joey Barton den Gegenspieler in die Ambulanz.

          Es geht nichts über Vorurteile. Vor allem über Vorurteile, die stimmen. Und noch mehr über Vorurteile, die von der Realität nur in äußerst seltenen Ausnahmesituationen, aber natürlich nur in solchen, widerlegt werden. Vorurteil Nummer eins: Griechischer Fußball ist langweilig. Zementiert wurde es von Otto Rehhagels Betonmischern bei der EM 2004, deren Unterhaltungswert dem einer griechischen Baukolonne bei der Arbeit entsprach.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Fünf Jahre später kommt der Beweis, dass sich dieses Urteil doch nicht immer auf den kompletten hellenischen Fußball übertragen lässt. So endete nun das griechische Pokalfinale mit dem ungewöhnlichen Resultat von 19:18. Gut, da waren 29 Elfmetertore dabei, aber auch das Resultat von 3:3 nach neunzig Minuten und das von 4:4 nach hundertzwanzig konnte sich sehen lassen.

          Überhaupt würde sich der deutsche Fußballfan freuen, mal so ein Pokalfinale zu erleben, in der ein Klub (Meister Olympiakos Piräus) erst einen 0:2-Pausenrückstand ausgleicht (gegen AEK Athen), dann das 2:3 in der 89. Minute mit dem 3:3 in der sechsten Minute der Nachspielzeit beantwortet, dann in der Verlängerung zwei Spieler verliert, einen davon wegen übertriebenen Jubels nach dem 4:3, und der schließlich durch ein Tor des Torwarts, der zuvor den letzten Elfmeter des Gegners gehalten hat, das Elfmeterschießen zweistellig (15:14) gewinnt.

          Kein ungewohntes Bild am Samstag: Der Ball zappelt in Athen im Netz

          Erst in die Ambulanz getreten, dann blutrot gesehen

          Vorurteil Nummer zwei betrifft Joey Barton. Richtig, das ist jener englische Kicker, den das öffentliche Image ereilte, ein Raubein zu sein, nur weil er einmal bei einer Weihnachtsfeier seine Zigarre im Gesicht eines Kollegen ausgedrückt hatte. Und weil er einmal wegen einer Schlägerei hinter Gittern saß. Und weil sein Bruder wegen Mordes lebenslänglich bekam.

          Das Vorurteil gegen Joey Barton besagt also, dass der englische Fußballprolet alten Schlages (letzter Beweis: Paul Gascoigne) mit dem Leben außerhalb des Platzes nicht zurechtkommt. Die Wahrheit lautet: mit dem Leben auf dem Platz auch nicht. Am Sonntag durfte Barton, der vor Urzeiten einmal sogar im englischen Nationalteam auflief (er mähte keine zwanzig Sekunden nach seiner Einwechslung einen Gegenspieler um), mal wieder für Newcastle United antreten, weil Not-Trainer Alan Shearer sich im Abstiegskampf keine Skrupel mehr leisten kann. In der 77. Minute beim 0:3 in Liverpool trat Barton an der Seitenauslinie Xabi Alonso in die Ambulanz und kassierte eine blutrote Karte.

          Real kassiert eine Abreibung, die sie nie vergessen werden

          Vorurteil Nummer drei lautet, dass „die erfahrene Trainerriege voll im Trend liegt“, wie der bayrische Bezirksvorsteher K.-H. Rummenigge aus gegebenem Anlass (der vergurkten Saison des von ihm bestellten Berufsanfängers Jürgen Klinsmann und den Avancen an den alten Holländer Louis van Gaal) nun verlauten ließ.

          Der am vollsten im Trend liegende Trainer ist allerdings der völlig unerfahrene Berufsanfänger Josep Guardiola, dessen Team nach den Bayern nun auch den Lieblingsrivalen Real Madrid deklassiert hat. Im Bernabeu-Stadion lag Barca zwar rasch 0:1 hinten, dann aber besorgten zwei Tore von Messi, zwei von Henry und je eins der Innenverteidiger Puyol und Pique den „Königlichen“ eine 2:6-Abreibung, die sie nie vergessen werden (siehe auch: Spanischer Fußball: Barcelona gewinnt 6:2 in Madrid).

          Seit der 0:2-Niederlage in Barcelona im November hatte Real 17 von 18 Spielen gewonnen und den Rückstand von zwölf auf vier Punkte reduziert. Doch nun ist das kastilische Zwischenhoch vorbei, die katalanische Tormaschine (hundert Treffer in 34 Partien) stürmt dem Meistertitel entgegen. Und, wenn sie ein bisschen von dem Schwung von Madrid nach London und Rom mitnimmt, auch dem Champions-League-Sieg. Mal sehen, welche Trainerriege dann voll im Trend liegt. Und welche neuen Vorurteile.

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