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Eichlers Eurogoals : Die Tränen des Claudio Ranieri

„Es schien heute so, als wäre ganz Leicester mit nach Sunderland gekommen“: Claudio Ranieri. Bild: Reuters

Die Karriere von Claudio Ranieri schien im Nirgendwo zu enden. Nun könnte der Trainer mit Leicester die größte Sensation der Premier League dort feiern, wo er seine größte Enttäuschung erlebte.

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          Jamie Vardy überrannte den Verteidiger, umspielte den Torwart, schob den Ball ins Netz, und die Tränen flossen. Nicht bei ihm, dem Torjäger von Leicester City, der mit seinem 21. Premier-League-Tor in der Nachspielzeit den 2:0-Sieg des Tabellenführers in Sunderland besiegelt hatte. Sondern bei seinem Trainer, bei Claudio Ranieri. „Es schien heute so, als wäre ganz Leicester mit nach Sunderland gekommen“, erklärte Ranieri seine Rührung. Vor dem Eintreffen im Stadion hatte er beim Blick aus dem Mannschaftsbus eine alte Dame im Leicester-Trikot gesehen. Nach Schlusspfiff erinnerte er sich an diese Szene, als er sich auf dem Rasen bei den Anhängern bedankte. Und bekam feuchte Augen.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Was soll da erst am 15. Mai passieren? Dann reist Ranieris Team am letzten Spieltag zum bisherigen, längst abgeschlagenen Meister Chelsea. Die halbe Stadt aus den Midlands wird wohl mitreisen in die Weltstadt London, um die größte Sensation in der Geschichte der Premier League zu feiern – die Meisterschaft für den krassesten aller Außenseiter.

          Eine Quote von 5000:1 wurde vor der Saison von den Wettbüros jedem geboten, der hirnlos genug war, Leicester als Meister zu tippen. Nun versuchen die Wettbüros denen, die es taten, die Wettscheine zu günstigeren Konditionen abzuhandeln. Denn das Unvorstellbare rückt der Realität immer näher. Nach dem fünften Zu-Null-Sieg in Folge fehlen Leicester, bei sieben Punkten Vorsprung vor Tottenham, nur noch drei Siege in fünf Spielen, um mit dem kleinsten Budget neben den drei Aufsteigern die reichste Liga der Welt zu gewinnen.

          Bitte Ruhe: Torjäger Jamie Vardy und Leicester genießen den Moment.
          Bitte Ruhe: Torjäger Jamie Vardy und Leicester genießen den Moment. : Bild: AP

          Die erstmalige Qualifikation für die Champions League ist seit Sonntag ganz nebenbei auch schon geschafft. Aber damit gibt sich niemand mehr zufrieden bei den „Foxes“, den Füchsen, die in den 132 Jahren ihres Bestehens nie Meister waren. Auch der 64 Jahre alte Ranieri war es noch nie, obwohl er Klubs wie Inter Mailand, Juventus Turin, AS Rom oder Chelsea trainiert hat. „Wir haben die Meisterschaft noch nicht in der Tasche“, sagt er nun. „Aber jetzt liegt sie auf dem Tisch“.

          Der Zufall des Zeitplans hat auch noch vorgesehen, dass er die Krönung seiner Karriere ausgerechnet an der Stamford Bridge erleben könnte, wo er die größte Enttäuschung erlebte. Bei Chelsea wurde er 2004 als Zweiter der Meisterschaft, als Champions-League-Halbfinalist und Publikumsliebling entlassen. Eigentümer Roman Abramowitsch wollte lieber José Mourinho. Während Ranieri weiterzog, holte Mourinho mit dem teuer verstärkten Team zweimal die Meisterschaft, aber nie die Champions League – die gewann dafür ein anderer Trainer-Import jenes Sommers, Rafael Benitez, 2005 in seiner ersten Saison beim FC Liverpool.

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          Kasper Schmeichel hat einen berühmten Vater und schreibt nun seine eigene Erfolgsgeschichte. : Bild: Reuters

          Mourinho und Benitez reüssierten, Ranieri blieb ein ewiger Zweiter. Noch vor knapp einem Jahr schien die Karriere des titellosen Trainers im Nirgendwo zu enden. Der Italiener war nach seiner Entlassung als griechischer Nationaltrainer nach einer Heimniederlage gegen die Färöer in der EM-Qualifikation arbeitslos. Zur selben Zeit war Mourinho, zu Chelsea zurückgekehrt, auf dem Weg zur abermaligen Meisterschaft – und Benitez der kommende Trainer von Real Madrid.

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