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Eichlers Eurogoals : Sintflut in Buenos Aires - Apokalypse in Montevideo?

Als hätte sich das argentinische Fernsehen die Rechte an der Sintflut gesichert Bild: AP

Es war der spektakulärste Trainerjubel der modernen Fußballgeschichte: Im Weltuntergangsspiel von Buenos Aires feierte Diego Maradona am Spielfeldrand, als gäbe es kein Morgen. Dabei wartet schon Übermorgen die Mutter aller Nachbarschafts-Fußballschlachten auf den Trainer am Abgrund.

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          Das hätten wir gern mal von Jogi Löw gesehen! Fünf Schritte Anlauf, zwei Meter Tiefflug in Bauchlage, dann die Landung auf der Körpermitte, und das im fließenden Übergang in eine feucht-fröhliche Rutschpartie auf dem Bauch. Was Diego Armando Maradona am Samstag in Buenos Aires bot, war voll und ganz WM-reif. Dabei hat er mit Argentinien die Qualifikation im Gegensatz zu Deutschland noch gar nicht geschafft. Er hat nur erlebt, wie sein Team in der Nachspielzeit gegen den Tabellenletzten das Allerschlimmste abwendete - und das ist in der Skala gefühlter Erfolge manchmal besser als ein Titelgewinn.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nein, mit lateinamerikanischer Fußball-Passion konnte Europa beim besten Willen wieder mal nicht mithalten - trotz der Qualifikation der Dänen (1:0 gegen Schweden), für deren fröhliches, unbekümmertes Spiel der Freund des Fußballs seit langem ein stilles Faible hat; trotz der Qualifikation der Italiener (durch Gilardinos 2:2 in letzter Minute in Irland), für deren kaltes, abgezocktes Spiel der Freund des Fußballs seit jeher eine widerwillige, aber unvermeidliche Anerkennung hegt.

          Die Bilder aus Argentinien wirkten wie aus einer anderen Welt, einer Unterwasserwelt. Es waren Wasserbilder wie damals 1974 gegen Schweden und Polen. Es war, als hätte das argentinische Fernsehen sich von Bibel-TV die Senderechte an der Sintflut gesichert. Der Führungstreffer der Argentinier durch Gonzalo Higuain kurz nach der Pause war noch einigermaßen sichtbar. Den Ausgleich durch den Peruaner Hernan Rengifo in der 90. Minute, als ein heftiges Unwetter mit Sturmböen eingesetzt hatte, sah man schon nur noch wie ein Autofahrer den schemenhaften Gegenverkehr in einem Wolkenbruch.

          San Palermo: Dank des Trainers an den Stürmer

          Was man aber auch im triefenden Regen erkannte, war die Verzweiflung im Gesicht von Maradona und die Wölbung seines Bauches unter dem klatschnassen, die Körperrundung betonenden T-Shirt. Die Argentinier waren mit dem 1:1 noch gut bedient, die Peruaner hatten die Latte getroffen und zudem zweimal einen Elfmeter reklamiert. Dann kam alles noch besser.

          Maradonas Körper federte sichtbar durch

          In der 93. Minute wollte das Getümmel im dichten Regen des peruanischen Strafraums nach einer Ecke der Argentinier schier nicht enden. Ein Schussversuch prallte ab, der Querschläger fiel Martin Palermo vor die Füße, und der drückte ihn ins Tor. Jubelszenen nach Toren Palermos sind nie ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen. Der Stürmer verpasste seine WM-Teilnahme 2002, als er nach einem Tor für den FC Villarreal zum Feiern mit den Fans auf eine Betonwand kletterte. Sie stürzte ein, Palermo brach sich das Bein.

          Diesmal riss er sich sicherheitshalber nur das nasse Hemd vom Leibe. Dafür musste man aber um die Gesundheit seines Trainers fürchten, als der aus vollem Lauf mit ausgeprägter Schwerkraft auf der auch nach der Abmagerungskur in Südtirol noch gut gepolsterten Körpermitte landete. Der ganze Körper federte sichtbar durch, wie ein voll beladener Airbus A 380 bei der Landung. Doch nach wenigen Metern Bodengewinn im Bauchrutschen war der Reibungsverlust durch Maradonas Birnenform so groß, dass auch das glitschige Geläuf keine Verlängerung des spektakulärsten Trainerjubels der modernen Fußballgeschichte mehr erlaubte. Maradona war's egal, etwas mühselig rappelte er sich auf und feierte weiter. (Und sah mit vermutlich rekordverdächtigen Pulswerten, wie Peru in der 95. Minute fast noch das 2:2 geschossen hätte - Rengifos Schuss direkt aus dem Anstoßkreis wäre beinahe ins Netz gesegelt, Torwart Sergio Romero lenkte ihn so gerade an die Latte).

          Die Mutter aller Nachbarschafts-Fußballschlachten

          Auch Uruguay gewann in der Nachspielzeit, durch ein Tor von Diego Forlan zum 2:1 in Ecuador. Damit kommt es am Mittwoch in Montevideo zur Neuauflage der Mutter aller Nachbarschafts-Fußballschlachten, jenes Duells, mit dem alles begann, als 1930 Uruguay im Centenario-Stadion den großen Nachbarn im ersten WM-Endspiel 4:2 besiegte.

          Damals hatten die Argentinier einen eigenen Ball mit über den Rio de la Plata gebracht, das gab Ärger. Uruguay wollte mit der Kugel aus dem uruguayischen Rindsleder spielen, Argentinien mit der aus dem argentinischen Rindsleder, und man ist sich in diesem hitzigsten aller Nationen-Derbys schon wegen viel nichtigerer Dinge an die Gurgel und auf die Knochen gegangen. Der Spielleiter, John Langenus, fand eine weise Entscheidung: Eine Halbzeit wurde mit einen Ball gespielt, eine mit dem anderen.

          Die Angst vor der Nationalkatastrophe

          Maradona steht immer noch am Abgrund - die erste verpasste WM-Qualifikation seit vierzig Jahre wäre eine argentinische Nationalkatastrophe, die für immer mit seinem Namen verbunden bliebe. Eine Niederlage am Mittwoch, dann wäre Uruguay bei der WM und Argentinien wohl draußen, weil nicht mal Fünfter. Denn Ecuador reicht ein Sieg gegen die bereits qualifizierten Chilenen (trainiert von Maradonas Landsmann und Vor-Vorgänger Marcelo Bielsa), um den fünften Platz der Südamerikagruppe und damit die Play-off-Spiele gegen den Costa Rica oder Honduras zu erreichen.

          Eine WM ohne Messi und ohne Maradona - undenkbar. Gut, dass man in Argentinien in dieser Notlage höhere Mächte im eigenen Team weiß. „Ein Wunder des heiligen Palermos“, sprach Maradona, „hat uns ein weiteres Leben geschenkt“. Und Leben kann im Fußball nie genug haben.

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