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Champions League der Frauen : Dzsenifer Marozsans Traum von Budapest

In Lyon zur Weltklassespielerin gereift: Dzsenifer Marozsan ist in der Blüte ihrer Karriere. Bild: AFP

Für Dzsenifer Marozsan könnte der Sommer ihres Lebens bevorstehen: Erst bestreitet sie mit Olympique Lyon das Finale der Champions League in ihrer Geburtsstadt. Dann steht die WM in ihrer Wahlheimat bevor.

          Budapest ist ein Sehnsuchtsort für Dzsenifer Marozsan. Dort ist die derzeit einzige deutsche Weltklassefußballerin geboren. Dort fühlt sie sich geborgen, wenn sie im Kreis ihrer Verwandten Urlaube verbringt und mit ihren Eltern in deren Heimat zurückkehrt, die Vater Janos mit seiner Familie vor einem Vierteljahrhundert als Fußballprofi für einen Vertrag beim 1. FC Saarbrücken gemeinsam mit der kleinen Tochter verlassen hat. Fußballspielen durfte Dzsenifer Marozsan noch nie in Ungarn, das einzige Länderspiel  mit der deutschen Nationalelf in den vergangenen Jahren hatte sie verpasst wegen einer Verletzung.

          Nun aber geht für sie ein ganz besonderer Wunsch in Erfüllung: Sie darf im Finale der Champions League der Frauen mit ihrem französischen Klub Olympique Lyon im Stadion von Ferencvaros Budapest gegen den FC Barcelona den wertvollsten Titel im Vereinsfrauenfußball verteidigen. „Budapest ist die ganze Saison lang schon mein großer Traum“, sagte Marozsan bereits nach dem gewonnenen Viertelfinale in Wolfsburg. Nun hat sie 70 Karten geordert für Samstagabend (18 Uhr/ live in Sport 1 ab 18.30 Uhr). „Meine gesamte Verwandtschaft kann dabei sein.“

          Die Fußballerin mit der feinen Technik am Ball und dem starken Schuss erlebt derzeit die wohl beste Phase ihrer bisherigen Karriere, die schon so reich an Erfolgen ist: Mit dem FFC Frankfurt hat sie 2015 erstmals die Champions League gewonnen, mit Olympique Lyon kann sie den Wettbewerb nun zum dritten Mal in Serie gewinnen. „Das wäre aufgrund des Spielorts definitiv der emotionalste aller meiner bisherigen Titel, wenn es klappen würde“, sagt Marozsan. Der Erfolg wäre auch eine gute Basis, dass Marozsan bei der am 7. Juni beginnenden Weltmeisterschaft in ihrer französischen Wahlheimat mitsamt einer Finalwoche in Lyon sich auch auf der ganz großen Bühne von ihrer besten Seite zeigt. „Die WM ist noch nicht ganz so präsent für mich. Das kommt aber sicherlich sobald das Spiel in Budapest abgepfiffen ist“, sagt die 27 Jahre alte Mittelfeldspielerin.  

          Anerkannt in Frankreich

          Der Sommer könnte für sie eine langer großer Traum werden, da Marozsan in Frankreich eine bemerkenswerte Anerkennung genießt, die über den Respekt vor ihrem Können hinausgeht, den sie sich in Deutschland erarbeitet hat. Sie gewinnt seit ihrer Ankunft in Frankreich alle möglichen Wahlen zur Spielerin der Liga oder zur Fußballerin des Jahres, die Mitspielerinnen schwärmen von ihrem Können und auch Klubbesitzer Jean-Michael Aulas ist stolz auf seinen deutschen Star.

          „Dzsenifer ist eine herausragende Fußballerin und vermutlich diejenige, die bezüglich Technik die größtmögliche Annäherung im Vergleich zu den besten Männern der Welt geschafft hat“, sagt der milliardenschwere Unternehmer und Frauenfußballförderer. „Sie ist eine intelligente Frau, sie hat sich bei uns von einem anfangs etwas introvertierten Menschen zu einer bemerkenswert offenen Frau entwickelt.“

          Technisch begabt wie kaum eine andere: Dzsenifer Marozsan im Trikot von Olympique Lyon.

          Marozsan ist die Zuneigung im Nachbarland gelegentlich fast schon etwas unangenehm. „Aber es ist natürlich großartig, dass ich zweimal zur Spielerin der Saison gewählt wurde. Es ist eine riesige Ehre für mich. Aber es hätte jede Spielerin aus meiner Mannschaft verdient. Und ich hätte es von Herzen auch jedem gegönnt“, sagt sie.

          Gestärkt nach Lungenembolie

          Der persönliche Reifeprozess in Frankreich hat im vergangenen Herbst dazu beigetragen, dass Dzsenifer Marozsan nach einem monatelangen Ausfall nach einer Lungenembolie besser denn je zurückgekehrt ist aufs Spielfeld. Marozsan ging damals erstaunlich offen mit der Ursache für ihre Erkrankung um. Sie nannte die Verwendung der Anti-Baby-Pille, die Leistungssportlerinnen auch nehmen zur Vermeidung von Regelschmerzen im unpassenden Moment eines wichtigen Wettbewerbs, wodurch sich die Thrombosegefahr erheblich erhöht habe. Marozsan konnte erst im November wieder ernsthaft trainieren und spielen, was sie aber nicht von einer herausragenden Rückserie in nationaler Meisterschaft und Champions League abhielt.

          Auch im Nationalteam wies sie bei den jüngsten Länderspielen gegen Frankreich, Schweden und Japan nach, dass sie ihre Rolle gefunden hat, nachdem sie sich zu Jahresbeginn von der Last der Spielführerinnenbinde freiwillig losgesagt hatte. Die Aufgabe hatte sie in den vergangenen beiden Jahren erheblich belastet. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg  ist es zudem gelungen, das deutsche Team im Mannschaftsverhalten deutlich kompakter als zuvor zu organisieren als zuvor, was Marozsan mit ihrer Tendenz zum schnellen Kurzpassspiel entgegenkommt. Im deutschen Spielansatz fand sie zuletzt gerade nach Balleroberungen immer wieder sehr schnell Anspielstationen, wodurch das deutsche Spiel ansatzweise so geschmeidig lief wie es die 89-malige Nationalspielerin aus Lyon gewöhnt ist.

          Mit dieser Qualität und der Taktgeberin Marozsan geht Olympique am Samstagabend auch als Favorit ins Endspiel gegen die erstmals für ein Finale qualifizierten Katalaninnen. Der FC Barcelona hat freilich schon außerhalb des Feldes einen für den spanischen Frauenfußball vor kurzem noch undenkbaren Erfolg errungen: Aus Respekt vor der Leistung der Fußballerinnen hat die oberste spanische Männerliga die Anstoßzeit für den letzten Spieltag an diesem Samstag von 18:30 Uhr auf 20 Uhr verlegt, damit die Fußballfans des Landes zuvor den Frauen zujubeln können.

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