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Dynamo Dresden : Vermummte Hooligans machen Jagd auf Spieler

Schon zu DDR-Zeiten gab es Gewalt-Exzesse der Dynamo-Fans Bild: picture-alliance/ dpa

Rund 50 vermummte Hooligans haben die zuletzt erfolglosen Fußballspieler von Dynamo Dresden auf dem Trainingsgelände attackiert - eine neue Qualität der Gewalt. Die Dynamo-Fans haben eine lange Krawalltradition. Aus Dresden berichtet Reiner Burger.

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          Die nach kurzem Stocken in Angst umschlagende Überraschung ist den Spielern von Dynamo Dresden in der kurzen Fernsehsequenz anzumerken. Als die Fußballspieler am Sonntagvormittag auf ihrem Weg zum Training sind, stürmt plötzlich eine Gruppe vermummter, zumeist schwarz gekleideter Fans bedrohlich hinter ihnen her. Schließlich blockieren die fünfzig Männer den Weg der Mannschaft, beschimpfen die Spieler und zünden Feuerwerkskörper. Ein Fernsehteam des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), das die Szene dokumentiert, berichtet von Schüssen aus einer Schreckschusspistole.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nach dem 0:1 gegen den VfL Osnabrück am Samstag scheint beim Drittligisten Dynamo Dresden, dem Traditionsverein mit den vielen tausend so treuen wie friedlichen Fans und den einigen hundert gewaltbereiten Problem-Anhängern, vieles außer Kontrolle geraten zu sein. Zwar hatte die Dynamo-Elf auf dem Rasen wirklich vieles versucht, hatte - wie auch von den Fans im Stadion auf Spruchbändern gefordert - gekämpft, doch am Ende musste die Dresdner Mannschaft sich den über weite Phasen des Matches viel schwächeren Osnabrückern geschlagen geben. Unmittelbar nach Abpfiff beschimpften dann Dynamo-Fans ihre Mannschaft übel. Beim Verlassen des Stadions mussten Sicherheitskräfte die Spieler abschirmen.

          „Quasi vogelfrei“

          Nach der Attacke vom Sonntag äußerten sich Dynamo-Spieler tief betroffen. Stürmer Marco Vorbeck sagte, er habe Angst um sein Leben. „Es kann einfach nicht so weitergehen.“ Zudem kritisierte Vorbeck Dynamo-Hauptgeschäftsführer Volkmar Köster scharf. Köster hatte nach dem Spiel im MDR gesagt, es sei völlig normal und das „gute Recht der Fans, den Spielern mal zu sagen, was sie machen können und was nicht“. Vorbeck warf Köster vor, die Mannschaft „quasi vogelfrei gestellt“ zu haben. Am Montag ließ die Geschäftsführung, der Aufsichtsrat und das Präsidium von Dynamo eine Mitteilung verbreiten, in der die Gremien den Vorfall „auf das Schärfste“ verurteilen. Der Verein habe Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt und unterstütze die Ermittler mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

          Die Fans von Dynamo Dresden gelten als besonders gewaltbereit

          Hauptgeschäftsführer Köster sagte in Anspielung auf die von Fans organisierte Blockade des Spieler-Busses nach der 0:3-Niederlage in Ahlen am Samstag vorvergangener Woche, wenn Fans ihren Unmut gegenüber den Fußballern kundtun, sei das normal. „Auch Pfiffe und harte Worte nach dem Osnabrückspiel sind aus Frust über die erneute Niederlage noch verständlich. Aber kein Grund der Welt rechtfertigt eine solche körperliche und verbale Bedrohung unserer Mannschaft.“

          Das spezielle Dynamo-Phänomen

          Tatsächlich ist es ein neues Phänomen, dass offensichtlich gewaltbereite Fans ihren Frust nicht mehr wie bisher im Anschluss an Spiele an gegnerischen Fans oder (falls diese zu gut abgeschirmt sind) am Ersatzgegner Polizei abarbeiten, sondern nun sogar die eigene Mannschaft attackieren. Offenbar handelt es sich um eine weitere Variante einer langen Gewalttradition unter Dynamo-Fans. Denn Exzesse eines kleinen aber im wahrsten Sinne des Wortes doch sehr schlagkräftigen Teils der Dynamo-Fans hat es schon zu DDR-Zeiten gegeben. Hintergrund war damals unter anderem, dass Dynamo auf Anweisung der Staatsführung im Vergleich zu Berliner Klubs benachteiligt wurde.

          Ganz allgemein galt manchen Krawall als eine Form des legitimen Aufbegehrens gegen das Regime. Auch nach der Wende riss diese unsägliche Tradition nicht ab. Anfang der neunziger Jahre kam es zu schweren Ausschreitungen beim Europacup-Spiel gegen Roter Stern Belgrad. Ein trauriger Höhepunkt war im September 2002 das Stadtderby gegen den Dresdner Sportclub, bei dem sich nicht nur Hooligans, sondern auch bisher ungescholtene Leute vor dem Dynamo-Stadion eine wilde Schlacht mit der Polizei lieferten. Weitere 1000 Personen standen dabei und applaudierten. Das ist das spezielle Dynamo-Phänomen: Zwar zählen die Dynamo-Hooligans, also so genannte gewaltsuchende Fans „nur“ rund 100 Mitglieder, zusammen mit den rund 500 „gewaltgeneigten“ Dynamo-Fans ergibt sich aber ein beachtliches Problempotential.

          Irrwitzig viele Polizisten zu Regional-Veranstaltungen

          Das zeigte sich auch im vergangenen Herbst - das WM-Gefühl einer friedlichen Fußballgemeinschaft in Deutschland war noch längst nicht verflogen, da zeigte der Hooliganismus seine schreckliche Fratze in der Dritten Liga: Nach der Partie Dynamo gegen Herta BSC II kam es zu schweren Ausschreitungen. Dass Gewalt unter Fußballfans nicht nur in Ost- sondern auch in Westdeutschland vor allem in den unteren Ligen aufbricht, hängt auch damit zusammen, dass die Stadien der dort spielenden Vereine sich geradezu als Spielwiese für Grenzüberschreitungen anbieten, denn es fehlt überall an Kontrolle und Überwachung. Regelmäßig muss die Polizei geradezu irrwitzig viele Beamte zur Sicherung der Regional-Veranstaltungen einsetzen - bei manchen Parteien sind mehr als 1000 Sicherheitskräfte rund um die Stadien präsent.

          Gerade bei Ost-Vereinen wie Lok Leipzig oder eben Dynamo Dresden kommt noch ein anderer Aspekt dazu: Zu DDR-Zeiten waren beide Klubs große Vereine. Noch in den ersten Jahren nach der Wende spielte Dynamo in der ersten Bundesliga. Mitte der neunziger Jahre stürzte der traditionsreiche Verein dann ab, als er wegen Überschuldung die Lizenz entzogen bekam. Zwar hatte sich Dynamo zwischenzeitlich bis in die Zweite Bundesliga hochgearbeitet - doch erholen konnte sich der Verein bis heute nicht richtig. Anlässe die Mannschaft zu feiern gibt es bei Dynamo für die Fans selten - also gingen sie dazu über, sich selbst zu feiern. Gerade die gewaltgeneigten Fans sind heute nicht auf den einstmals guten Ruf ihrer Mannschaft, sondern auf den miesen Ruf der Gefährlichkeit, der ihnen bei Auswärtsspielen vorauseilt, stolz. Die Grenzen zu den so genannten Ultras - die sich auch in Dresden als der wahre Verein begreifen - sind dabei fließend.

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