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7:0 gegen San Marino : Deutschland schießt sich für Confed Cup warm

Sandro Wagner (links) gab sich mit einem Tor nicht zufrieden. Bild: dpa

Das Duell in der WM-Qualifikation mit San Marino ist für die deutsche Fußball-Nationalelf kein Gradmesser. Beim 7:0-Sieg fällt ein Spieler besonders auf. Ernst wird es aber erst in der nächsten Woche.

          Spanien – das war lange Zeit die Bezugsgröße für den deutschen Fußball schlechthin. Die Spielweise, die Erfolge: Für Joachim Löw kam das einer Blaupause gleich, nach der er auch sein Modell konstruieren wollte. Mit dem WM-Gewinn 2014 hatte sich das Thema erst einmal erledigt, der alte Rivale war zwar nicht auf dem Platz bezwungen, aber erledigt. Am Freitag nun tauchte der Vergleich wieder auf – mit einer überraschenden Wendung. Löw verwies darauf, dass die Spanier, die noch 2010 Weltmeister geworden waren, 2014 mit einem nahezu unveränderten Kader sang- und klanglos ausschieden.

          Das Beispiel sollte eine Warnung sein – und ein Akt der Sinnstiftung. Ein weiterer. Löw hat sich in den vergangenen Wochen ohnehin ganz schön ins Zeug gelegt, um Argumente für den Confed Cup unters Volk zu bringen, das dieses Turnier ansonsten wohl eher irgendwo zwischen Belanglosigkeit und Zumutung ansiedeln würde. Immer wieder hat Löw in verschiedenen Variationen auf eine reelle Gewinnchance verwiesen: Wenn nur zwei oder drei Spieler einen solchen Schritt nach vorne machten, dass sie das deutsche Team 2018, beim wahren Weltturnier, voranbringen könnten – dann hätte sich das Unternehmen schon gelohnt.

          Nach allem, was bisher zu sehen war, ist Löws Botschaft bei seinen Kandidaten angekommen. Am Samstagabend ging es in Nürnberg gegen San Marino zwar offiziell um Qualifikationspunkte für die WM. In erster Linie aber war auch dieses Spiel als Modul im Rahmen der Summer School des deutschen Fußballs zu sehen, die in der nächsten Woche auf Russlandreise geht.

          Und es wurde ein Abend, an dem kaum Wünsche offenblieben, weil alle bestrebt waren, das Beste aus dieser an sich spannungsarmen Veranstaltung machen: Die deutsche Mannschaft, deren Startelf aus Spielern aus elf Vereinen bestand, ging schwungvoll und mit Vergnügen zu Werke, das Publikum lieferte den stimmungsvollen Rahmen. Julian Draxler (11. Minute), Sandro Wagner mit gleich drei Treffern (18., 29., 85.), Amin Younes (39.), Shkodran Mustafi (47.) und Julian Brandt (72.) sorgten für das standesgemäße Ergebnis, ein 7:0. „Hinten stand die Null, vorne haben wir ein paar gemacht. Daher ist das zufriedenstellend“, sagte Joshua Kimmich. Ein Gradmesser aber war der Fußballzwerg San Marino natürlich nicht. Ernst wird es erst in der nächsten Woche. Wenn sich dann auch ganz ernsthaft die Frage stellt, wer aus dem Confed-Cup-Kader das Zeug zu Höherem haben könnte.

          Hoch das Bein: Kapitän Draxler mischt munter mit. Bilderstrecke

          Im Moment braucht es bei allem Talent, das auch in diesem Perspektivteam schimmert, schon noch ein wenig Phantasie, sich das konkret vorzustellen – mit Ausnahme jener Spieler natürlich, die ohnehin schon zum Stammpersonal des A-Teams gehören, Hector, Kimmich und Mustafi in der Abwehr oder Draxler im Mittelfeld. Für diese Spieler soll es jetzt in Russland darum gehen, noch einmal an Format zu gewinnen. Vom hochbegabten Draxler hat Löw das regelrecht eingefordert und ihm deshalb die Kapitänsbinde anvertraut.

          Eine hohe Meinung hat der Bundestrainer auch von Leon Goretzka; dem Schalker ist Strategiearbeit in der Mittelfeldzentrale durchaus zuzutrauen, etwa für den Fall, dass Sami Khediras Körper Zeichen von Verschleiß oder Überlastung zeigt. Ähnliches gilt für Sebastian Rudy, der in der kommenden Saison seine persönliche Entwicklung beim FC Bayern voranbringen will. Draxler, Goretzka, Rudy und auch Brandt: Das ergibt schon ein beachtliches Spektrum an Qualifikationen und Qualitäten im Mittelfeld ab. Zugleich allerdings dürfte sich der Weg ins A-Team für sie insgesamt beschwerlich gestalten, weil die Qualität dort eben auch am höchsten ist.

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          Spannend wird vor allem sein, ob für die Abteilung Attacke frische Akzente zu erwarten sind. Mit Wagner und Timo Werner spielen zwei grundverschiedene Typen vor, die eines gemeinsam haben: Wo sie wirken, herrscht in der Regel höchste Torgefahr. Gegen San Marino zeigte Wagner schon einmal eine imposante Präsenz zu Lande und in der Luft. Eine Erweiterung des Repertoires erhofft sich Löw auch von Younes, dem wieselflinken Eins-gegen-eins-Spieler von Ajax Amsterdam, dem in Nürnberg ebenfalls die Tor-Premiere im Nationaltrikot gelang. Alles in allem wird es nicht einen Entwicklungsschub nennen können, was der Bundestrainer sich erhofft. Aber ein Entwicklungs-Stups – der darf es eben schon gern sein.

          Am Sonntagabend durften die Spieler erst noch einmal nach Hause, Kofferpacken. Löw erwartet sein Team am Dienstagmittag wieder beisammen, dann in Frankfurt. Am Donnerstagmorgen geht der Flieger nach Sotschi, wo am Montag in einer Woche das erste Turnierspiel ansteht, gegen Australien. Die weiteren Gegner sind Chile am 22. Juni in Kasan und Kamerun am 25. Juni wieder in Sotschi. Für das, was dann noch an Urlaub bleibt, können sich die Nationalspieler ein nettes Sümmchen dazuverdienen. Für den Titelgewinn würde der DFB jedem Spieler eine Prämie von 50.000 Euro zahlen. 30.000 Euro gäbe es bei einer Finalteilnahme, 20.000 Euro für Platz drei. Im Vergleich zu einer WM oder EM nimmt sich das zwar etwas bescheidener aus, für den Titel 2014 gab es 300.000 Euro. Ein kleines Zeichen der Ernsthaftigkeit ist es aber vielleicht schon. Bloß zum Spaß fährt diese Mannschaft nicht nach Russland.

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