https://www.faz.net/-gtl-88d61

Krise beim Fußball-Weltverband : „Die Fifa braucht einen Franziskus“

  • -Aktualisiert am

Wie geht es weiter beim Fußball-Weltverband Fifa? Bild: dpa

Nach den neuesten Fifa-Entwicklungen fordert DOSB-Präsident Alfons Hörmann den Rücktritt von Joseph Blatter. Ein Anti-Korruptions-Experte plädiert für eine Übergangsphase – und bringt zwei Deutsche ins Spiel.

          3 Min.

          Wie groß der Schaden ist, erfährt man an der Basis. Als der Präsident des Landessportbundes Hessen, Rolf Müller, am Samstag vor den Mitgliedern seines Verbandes in Frankfurt mit Blick auf die Korruptionsaffären in der Fifa eine Anspielung auf Millionenzahlungen machte, lachte das ganze Plenum.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Hartnäckigkeit, mit der in Zürich Reformen in der Fifa abgewehrt sowie Positionen verteidigt werden, widert inzwischen Funktionäre von Verbänden und Vereinen so stark an, dass sie, Verfechter der Selbstreinigungskraft, dankbar für den Einsatz externer Putzkolonnen sind. Selten sind Staatsanwälte auf dem großen Sportplatz so willkommen gewesen.

          Die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens durch die Schweizer Bundesanwaltschaft gegen Fifa-Chef Blatter am Freitag wegen des Verdachts der Veruntreuung unter anderem von zwei Millionen Franken zugunsten des Uefa-Bosses Michel Platini hat allerdings noch nicht zu einer erkennbaren Reaktion geführt. Blatter ließ über einen Berater in der „Schweiz am Sonntag“ ausrichten, guten Mutes zu sein. Der 79 Jahre alte Walliser will bis zu seinem angekündigten Rückzug und den Neuwahlen Ende Februar 2016 im Amt bleiben.

          „Angesichts der schwerwiegenden Anschuldigungen und Ermittlungen gegen Joseph Blatter bin ich der Meinung, dass ein Rücktritt vor dem angekündigten Zeitpunkt jetzt das Beste wäre“, sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB): „Uefa-Präsident Platini müsste die Vorwürfe schnell und klar ausräumen, indem er nachweist, dass die Zahlungen sowohl juristisch haltbar als auch moralisch vertretbar sind und dass eine entsprechende Leistung dagegensteht. Wenn das nicht gelingt, halten wir einen kompletten personellen Neubeginn an der Fifa-Spitze für notwendig.“

          Strafverfahren gegen Fifa-Chef : Joseph Blatter gerät ins Visier der Schweizer Behörden

          Zumal die Fifa handlungsunfähig scheint. Blatter reist nicht mehr aus Sorge vor dem langen Arm der amerikanischen Justiz. Sein potentieller Erbe Platini, Europas Kandidat, ist wegen der Zahlungen kurz vor Blatters Wiederwahl 2011 noch mehr ins Zwielicht geraten. Zudem sollen die Fifa-Granden keine Informationen mehr erhalten über die Entwicklung der Untersuchungen.

          Nur drei Personen werden demnach eingeweiht: der Chef der Rechtsabteilung, Marco Villiger, der Vorsitzende der Ethikkommission, der frühere Schweizer Staatsanwalt Cornel Borbély, und der Wirtschaftsmanager Domenico Scala, Chef der Fifa-Compliance. Darauf hat sich die von der Fifa als interner Untersucher engagierte Kanzlei Quinn Emanuel mit den Strafverfolgern geeinigt.

          „Ich sehe da auch die Deutschen in dieser Rolle“

          Der Kooperationswille, darunter ist auch die Übermittlung von belastenden Dokumenten und von Namen Verdächtiger zu verstehen, soll dazu beitragen, die Existenz des Verbandes zu schützen. Der Fifa drohen hohe Strafzahlungen. Vor diesem Hintergrund hat Mark Pieth, der Anti-Korruptions-Experte und ehemalige Reformbeauftragte der Fifa, eine Übergangsphase gefordert: „An die Spitze müsste eine Art Verwalter, der zwei Jahre Ruhe in den Verband bringt. Ich sehe da auch die Deutschen in dieser Rolle“, sagte Pieth der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Aus Sicht des Schweizer würden andere Lösungen zu einer Zuspitzung der Situation führen. „Es brauchte jetzt einen Franziskus an der Spitze der Fifa.“

          Pieth würde aber auch eine weltliche Lösung akzeptieren. Er denkt an Theo Zwanziger, den ehemaligen DFB-Präsidenten, und auch an dessen Nachfolger Wolfgang Niersbach. Beide werden kaum als neutrale Instanzen gesehen. Zwanziger will eine juristische Auseinandersetzung mit dem Fußball-Verband von Qatar, in einem Interview hatte er vom „Krebsgeschwür Qatar“ gesprochen, vor Gericht ausfechten.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Der Verwaltungsjurist würde wahrscheinlich die Austragung des Turniers im Wüstenstaat verhindern wollen. Niersbach hält sich mit Blick auf seine Rolle im Weltfußball weiter bedeckt. Er steht zu Platini. Am Samstag forderte der DFB eine schnelle „Aufklärung“ der jüngsten Vorwürfe.

          Ob die Fifa diesmal den Staatsanwälten zuvorkommt? Die Ethikkommisson des Fußball-Dachverbandes hat nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur Ermittlungen gegen Blatter und Platini eingeleitet, um herauszufinden, welche Leistung der Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken zugrunde lag. Sie kann sehr schnell Suspendierungen einleiten. Aber Spott und Misstrauen gegenüber der Fifa reichen von einer Frankfurter Turnhalle bis hinaus in die große Welt. „Das Wort Fifa, gekoppelt mit dem Wort Ethik“, spottete die „New York Times“, „wird von den meisten als Oxymoron angesehen.“ Als grundsätzlicher Gegensatz.

          Weitere Themen

          Vor dem Knockout

          FAZ Plus Artikel: Super League : Vor dem Knockout

          Zorn der Fans, Druck der Politik: Die Super League steht nach zwei Tagen auf der Kippe. Die englischen Klubs ziehen allesamt zurück, Barcelona und Atlético Madrid planen den Rückzug.

          Topmeldungen

          Joe Biden und der Klimagipfel : Die beste Klimapolitik ist global

          Seit 30 Jahren wird mit ambitionierten Politiken auf Staatenebene der Eindruck vermittelt, man verzeichne Fortschritte im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Diese Suggestion gelingt nur, wenn man die entscheidende Kennziffer vernachlässigt.

          Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

          Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
          Boris Johnson am Mittwoch im Unterhaus

          Johnsons Pläne : Kommt die Covid-Pille?

          Der britische Premierminister will den Bürgern mit Hilfe von Impfpässen das Reisen erleichtern. Von Herbst an soll es darüber hinaus eine Pille gegen die Covid-Infektion geben.
          Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki spricht während einer ökumenischen Andacht in Düsseldorf am 20. Februar 2021.

          Kirche und Missbrauch : In Woelkis Schatten

          Beim Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ging es zuletzt nur noch um Kardinal Woelki und das Erzbistum Köln. Wie gehen andere Bistümer mit Missbrauchsgutachten und Betroffenen um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.