https://www.faz.net/-gtl-78x14

Dortmund gegen Bayern : Auf Wiedersehen!

Reichlich Redebedarf: Nach dem Platzverweis gegen Rafinha geraten Klopp und Sammer aneinander Bild: AP

Das Klima wirkt vergiftet - nicht nur beim 1:1 im Vorspiel zum großen Londoner Finale. Die bayerische Machtdemonstration der vergangenen Wochen zeigt: Die Zeit der friedlichen Koexistenz zwischen den Rivalen ist vorbei.

          Bei all dem Münchner Ballzauber dieser Saison war der Mann mit der Rückennummer 13 bislang nicht sonderlich in Erscheinung getreten. Gerade einmal zwölf Einsätze, die meisten davon in Kurzarbeit, standen für Rafinha bis zu diesem Wochenende zu Buche. Auffälligkeiten: keine. Am Samstag aber, im Duell zwischen Borussia Dortmund und Bayern München, war der Münchner Rechtsverteidiger plötzlich die Figur, an der sich alles entzündete: Rafinha übernahm die Rolle als Agent provocateur, die das Drehbuch für diesen Nachmittag eigentlich überhaupt nicht vorgesehen hatte.

          Man darf davon ausgehen, dass sämtliche Akteure mit den besten Vorsätzen in diesen so unpassend terminierten Fußballgipfel gegangen waren, sich - wenn sie dieses Spiel schon spielen mussten - nicht zu irgendwelchen Dummheiten hinreißen zu lassen. Es ging ja um nichts, und wer wollte sich hinterher schon nachsagen lassen, die ohnehin brenzlige Atmosphäre zwischen beiden Klubs vor dem großen Klimax in drei Wochen, beim Champions-League-Finale in London, unnötig angeheizt zu haben?

          64 Minuten lang wirkte das Geschehen dann auch wie Maulkorb-Fußball zwecks Unterdrückung eventueller Beißreflexe. Dann aber schlug Rafinha dem Dortmunder Jakub Blaszczykowski in einem Laufduell Richtung Eckfahne seinen Arm derart brutal ins Gesicht, dass es auch in einem Spiel ohne besondere Vorgeschichte zu einem kleinen Skandal getaugt hätte. Und weil Rafinha entgegen jedem gesunden Menschenverstand offenbar der Meinung war, mit der Gelb-Roten Karte zu hart bestraft worden zu sein, reklamierte und lamentierte er - und bohrte im Zuge seines reichlich verzögerten Abgangs auch noch seinen Finger in Blaszczykowskis Wange.

          Agent provocateure: Rafinha

          Wer den Nachmittag bis dahin noch im beschaulichen Wohlgefühl der Frühlingssonne und der vollbrachten sportlichen Großtaten während der Woche verbracht hatte - und das traf auf die meisten im Dortmunder Stadion zu -, musste ob dieser Szene in Wallung geraten. Und mit einem Mal waren sich auch auf dem Rasen Dortmunder und Bayern auf eine Art und Weise nah, wie sie sich das gewiss nicht vorgestellt hatten. Konkret waren es Matthias Sammer und Jürgen Klopp, die am Spielfeldrand heftig aneinandergerieten und damit ungewollt das Bild lieferten, das von diesem Spiel hängenbleiben wird. Bayern gegen Dortmund - der moderne Klassiker des deutschen Fußballs jetzt auch als sein großer Gift-Gipfel?

          Großwetterlage merklich verschlechtert

          Natürlich waren die Beteiligten bemüht, die Szene herunterzuspielen. „Man soll das alles nicht auf die Goldwaage legen“, sagte Sammer, der Münchner Sportvorstand. „Wir haben uns emotional, aber mit Respekt die Meinung gesagt.“ Auch für den Dortmunder Trainer Klopp war es mit ein bisschen Abstand „wieder gut“. Als Beobachter aber meinte man schon, in diesem Konflikt der Charakterköpfe ehrliche Abneigung zu erkennen. Und vielleicht auch grundsätzliche. Schließlich hat sich die Großwetterlage im Verhältnis beider Klubs zuletzt doch merklich verschlechtert.

          Am Spieltag war noch einmal ein großes Interview mit Hans-Joachim Watzke in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen, in dem der Dortmunder Klubchef zum wiederholten Mal das Geschäftsgebaren der Münchner als stillos geißelte. Und das zwischen den Zeilen auch an Sammer festmachte. Das sonst übliche Mittagessen auf Führungsebene hatte Watzke schon abgesagt mit dem Hinweis, dass die Zeit, in der es „Redebedarf“ gegeben habe, vorbei sei - eine Anspielung darauf, dass die Bayern es nicht für nötig erachteten, den BVB über die Transfereinigung mit Mario Götze zu informieren. „Warum sollten wir so tun, als wäre Friede, Freude, Eierkuchen - das ist nicht der Fall“, sagte Watzke während der Woche. Und zu einer atmosphärischen Aufhellung hat das Wiedersehen gewiss nicht beigetragen.

          An der Berechtigung der Roten Karte für Rafinha (M.) gab es eigentlich keinen Zweifel

          “Ein Spiel gegen Dortmund ist, egal wo, nie ein Freundschaftsspiel“, stellte der Münchner Torwart Manuel Neuer fest und brachte damit zum Ausdruck, dass einfach immer etwas mitschwingt, wenn diese beiden Klubs aufeinandertreffen. Und auf Sicht dürften diese Schwingungen, nicht gerade good vibrations, noch zunehmen. Am Samstag schon kam es zum unvermittelten Ausbruch der Gefühle, obwohl doch beide Mannschaften im Vergleich zu den triumphalen Champions-League-Auftritten kaum wiederzuerkennen waren. Bei den Bayern ging die Rotation so weit, dass einige der prominentesten Namen gleich ganz dahoam geblieben waren und sich teils sogar fachfremd bei der hauseigenen Basketball-Abteilung blicken ließen. Auch Klopp hatte tüchtig Personal gewechselt. Und so ließ sich nach dem 1:1 durch die Treffer von Kevin Großkreutz (11. Minute) und Mario Gomez (23.) auf den ersten Blick tatsächlich nichts Nennenswertes für das Finale von London am 25. Mai ableiten.

          Vielleicht aber doch etwas, was sich auf einer anderen Ebene abspielt. Die Phase der mehr oder weniger friedlichen Koexistenz, in der sich die beiden Klubs bei aller Rivalität immer auch mit großem Respekt begegneten, ist allem Anschein nach vorüber. Das Verhalten der Bayern in den vergangenen Wochen mussten die Dortmunder, wenn schon nicht als Kriegserklärung, dann doch als eine einzige große Machtdemonstration begreifen. Deren Wirkung sich womöglich in der neuen Saison voll entfalten wird, erst recht, falls auch Robert Lewandowski, der am Samstag mit einem Elfmeter an Neuer scheiterte (60.), seinem Kollegen Götze nach München folgen sollte. Mit Blick auf das große Finale in drei Wochen ist es jedoch eine Strategie mit gewissem Risiko. Zum Dortmunder Selbstverständnis gehört es schließlich, auf Angriffe von außen mit der Macht des Kollektivs zu antworten. Zumindest am Rande gehört dazu auch, dass man eine doppelte bayerische Tätlichkeit ganz gewiss nicht gern hat - selbst wenn es nur Rafinha war.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Millionen Zuschauer wollen die Fußball-Nationalmannschaft spielen sehen. Doch auf welchem Sender können sie das künftig?

          Telekom kauft alle Live-Rechte : Fußball-EM 2024 erstmals ohne ARD und ZDF

          Die Telekom hat sich die Live-Rechte an allen 51 Spielen der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland im Jahr 2024 gesichert. Das hat die F.A.Z. exklusiv erfahren. Damit gehen die Öffentlich-Rechtlichen Sender ARD und ZDF erstmals leer aus.
          Betreuung boomt: 90 Prozent aller Eltern schicken ihre Kinder in die Kita.

          Kita-Ausbau : Erfolg und Scheitern liegen nah beieinander

          Mehr Geld, mehr Plätze, mehr Arbeit: Der Kita-Ausbau ist ein sozialstaatliches Mammutprojekt. Kann Betreuung dabei pädagogisch wertvoll bleiben? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.